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011

Das Verhör (Marreke)

Kathy · 26.08.2026 · Tag 97 im Großen Zyklus Klarzeit

Es war ein seltsames Gefühl, zum zweiten Mal an diesem Tag hier zu stehen und auf die Mauern zu starren. Dann gab ich mir einen Ruck und betrat die Räume.

Jetzt am Abend war der Vorraum leer. Ich sah mich kurz um, es gab keine Bänke, nichts, worauf man sich hätte setzen können. Man stand hier und wartete.

Der Mann an der Schranke sah nicht auf, als ich zu ihm trat. Es brauchte einen Moment, bis ich den Mut hatte zu sagen: „Ich bin Marreke. Man hat mich zur Ermittlerin in der Sache der Neunten gemacht."

Er erwiderte nichts, er sah nicht auf. Er blätterte durch ein Buch. Es war Ordensschrift, ich erkannte es fast sofort, aber natürlich war es zu klein geschrieben, als dass ich es hätte lesen können.

Das Schweigen war mehr als unangenehm, also wiederholte ich meinen Satz. Dieses Mal hob er den Kopf, die Kapuze zu tief, als dass ich seine Augen hätte sehen können.

„Warte hier."

Ich nickte, etwas hilflos. Denn er machte keine Anstalten zu gehen oder jemandem Bescheid zu geben, dass ich hier war.

Meine Schultern schmerzten, ich fühlte die Anstrengung des Tages, der letzten Tage mehr oder weniger. Ich hatte immer noch zu wenig Sonne, und gegessen hatte ich heute noch gar nichts. Mein Magen knurrte, während ich sah, wie meine Haut wieder fahler geworden war.

An dem einzigen Fenster in diesem Raum sah ich, wie es dunkel wurde. Ich stand immer noch still an meinem Platz, etwas seitlich von dem Mann an der Schranke. Meine Beine waren schwer, und für einen Moment wünschte ich mir, ich könnte mich setzen.

Ich weiß nicht mehr, wann, aber irgendwann klappte der Mann sein Buch zu und ging einfach. Einen winzigen Moment war ich allein, dann aber kam ein anderer. Auch er hatte ein Buch, er legte es vor sich, und ohne mich auch nur anzusehen, begann er zu lesen.

Es zermürbte mich. Das Warten war anstrengend, es fraß sich in meine Nerven, weil ich nicht wusste, warum man mich warten ließ, warum man nicht wissen wollte, was ich hatte. Doch ich wagte auch nicht, die Dinge aus meiner Tasche zu holen.

Irgendwann ging weit hinten eine Tür auf. Ich hörte die Schritte, bevor ich den Großen sah, es war derselbe wie am Morgen. Mit einem Fingerwinken zeigte er mir an, dass ich mitkommen sollte.

Ich passierte die Schranke, und wir gingen wieder den Gang hinunter, diesmal aber weiter, an der Tür vorbei, hinter der ich am Morgen gesessen hatte. Der Gang wurde schmaler, ein wenig dunkler, als wären die Lampen hier anders. Vielleicht war es aber auch Einbildung, weil die Decke ein wenig niedriger war.

Ich zählte im Vorbeigehen die Türen. Kurz fragte ich mich, wie viele es hier wohl geben würde, doch dann hielten wir an. Es war die neunte Tür, die er öffnete.

Ein kalter Windzug erfasste mich. Der Raum war nicht groß anders als der am Morgen, irgendwie waren die Wände grober, es gab nur einen Tisch und dazu wieder vier Stühle, und er war leer, bis wir eintraten.

Noch während er hinter mir die Tür schloss, befahl er: „Leg hin, was du gefunden hast." Er deutete auf den Tisch.

Ich holte das Ankerzeichen hervor und legte es auf den Tisch, dabei erklärte ich: „Das hier habe ich am Liegeplatz der Schiffe gefunden, drei Schritte davon entfernt, am Poller. Es lag zwischen den Steinen und halb im Sand."

Er musterte mich und sagte auf meine Worte nur: „Leg alles hin, was du gefunden hast."

Kurz zögerte ich. Woher wusste er, dass ich noch mehr gefunden hatte? Es gab aber auch keinen Grund, es nicht zu tun.

Ich legte die Münze neben das Ankerzeichen.

Ich hatte so viel Zeit gehabt nachzudenken, dass mir mittlerweile klar war, dass es etwas sein musste, was andere benutzten, um Waren zu tauschen. Bewe hatte das irgendwann einmal in einer Roten erwähnt, und es wäre mir beinahe nicht mehr eingefallen, wenn sie nicht gesagt hätte, dass diese Dinge immer blitzen und blinken. Vielleicht, hatte ich damals gedacht, war das alles nur ausgedacht.

Es war nicht ausgedacht.

Während ich einen Schritt zurücktrat, sah ich, wie der Große das Ankerzeichen nahm. Ich sah, wie sein Daumennagel die Kerben zählte, wie wir es alle taten. Er las den Namen und legte es zurück.

Die Münze ignorierte er. Er sah sie nicht einmal an.

Ich brauchte wieder einen Moment, bis ich begriff, was falsch daran war. Er war nicht überrascht. Er fragte nicht, was das sein sollte, er fragte nicht einmal, woher ich sie hatte. Er hatte so etwas schon einmal gesehen.

In diese Gedanken hinein kam die strenge Stimme.

„Sonst noch etwas?"

Ich schüttelte den Kopf. „Nein."

Sein Blick lag auf mir, ich konnte ihn nur fühlen, nicht sehen, aber es fühlte sich unangenehm an. Vielleicht war dieses Gefühl auch nur der Vorbote dessen, was jetzt auf mich zukam.

„Zieh dich aus. Alles."

Ich erstarrte. Ich hatte die Worte verstanden, und ich hatte durchaus erkannt, was sie bedeuteten, aber sie versetzten mich in eine Art Schock, der so weit ging, dass ich widersprach.

„Warum sollte ich das tun?"

Er kam einen Schritt näher, nicht so nah, dass er mich hätte anfassen können, aber so nah, dass ich leicht wankte. „Weil du mir sonst gleich erzählst, da wäre nichts weiter gewesen." Er machte eine Pause. „Und ich dir glauben müsste."

Mein Mund klappte auf, während ich ihn anstarrte. „Aber ich —"

Weiter kam ich nicht, denn die Tür ging auf, und zwei weitere Männer traten ein.

Männer. Es waren immer Männer. Frauen sah man im Orden nur an den kleinen Tischen, mit der Feder, oder mit einem Eimer im Gang. Sie schrieben auf, was Männer sagten, und sie wischten auf, was Männer hinterließen. Unter den Kapuzen war noch nie eine gewesen, jedenfalls nicht, soweit ich es hatte sehen können.

Ich atmete und schluckte. Das hier war alles andere als ein Spiel.

Dann senkte ich den Blick. Ich atmete noch einmal ein, dann löste ich meinen Gürtel und begann, meine Kleidung abzulegen. Jedes Stück wurde von den beiden, die neu dazugekommen waren, akribisch geprüft. Sogar mein eigenes Ankerzeichen wurde überprüft.

Ich spürte die Kälte im Raum, die Nacktheit behagte mir nicht.

Der eine trat zu mir und befahl mir, die Hände auf den Tisch zu legen. Dann durchwühlte er meine Haare, fuhr über meinen Körper und in die Achseln, er zwang mich, die Beine zu öffnen, und seine Finger berührten mich an Stellen, die ich sonst für mich hatte. Ich spürte, wie die Tränen in mir hochsteigen wollten, aber ich unterdrückte sie.

Als Letztes musste ich die Hände nach vorne nehmen. Er prüfte sie ganz genau, und ich fragte mich, was er zu finden erwartete. Doch das Rätsel löste sich, als der Große sagte:

„Hast du etwas aufgeschrieben?"

Ich verneinte. Das hatte ich nicht, und in diesem Moment war ich fast froh darum, denn ich hatte einfach nichts dabeigehabt.

Ich umschlang meinen Körper, es war eiskalt, aber niemanden schien zu interessieren, dass ich fror oder dass gerade Finger in meinem Körper gewesen waren. Das allein war so unglaublich demütigend, dass ich es nie vergessen würde.

Vielleicht war es auch das, warum ich zuckte, als sie meine Schlüssel nahmen. Sie zählten sie, und einer der beiden nahm den Schlüssel der Neunten. Eigentlich braucht man Werkzeug, um einen Schlüssel vom Bund zu lösen, oder man ist sehr kräftig. Der Mann war sehr kräftig.

„Die Neunte gibt es nicht mehr. Du wirst ihn nicht brauchen", sagte er dabei.

Es war irgendwo logisch, und trotzdem traf mich das fast noch mehr. Ich stand hier völlig nackt. Ich war eine Schließerin, der man die Schlüssel abgenommen hatte und der man nun einen wegnahm.

Sie legten den Bund mit den restlichen Schlüsseln zurück und verließen den Raum.

Meine Haut war eiskalt, ich spürte es. Doch der Große schien keine Eile zu haben, mir zu erlauben, mich wieder anzuziehen. Er setzte sich vor mich und sah mich unter der Kapuze an. Ich sah die dunklen Augen, und dann geschah etwas, das ich nie vergessen würde.

Er zog die Kapuze nach hinten.

Der Anblick ließ mich schaudern. Sein Kopf war völlig kahl und mit allerlei Symbolen verziert. Doch seine Augen waren das, was ich am meisten wahrnahm. Sie waren fast schwarz und so intensiv und grausam, dass ich am liebsten schreiend davongelaufen wäre.

Ich konnte mich nicht erinnern, dass mir je jemand erzählt hätte, wie die Männer des Ordens aussahen. Im Gegenteil. Wir alle rätselten in den Tagen hinter dem Riegel.

Warum offenbarte er sich mir? Ich verstand es nicht, aber er ließ es auch gar nicht zu, dass ich mich geistig damit beschäftigte. Denn nun begann er, Fragen zu stellen. Wo ich gewesen war. Wo die Sonne gestanden hatte. Mit wem ich gesprochen hatte.

In diesem Moment erzählte ich einfach alles. Von den Kindern, die dort waren, von dem alten Mann. Ich erzählte sogar von seinem Satz, dass ich draußen nichts finden würde. All das sprudelte aus meinem Mund, doch er ließ nicht locker.

Irgendwann stellte er beiläufig, so ganz zwischendrin, eine Frage, mit der ich gar nicht rechnete und die mir im ersten Moment nicht einmal seltsam vorkam.

„Du kannst lesen?"

Ich nickte. „Ja, ich bin berechtigt, Buch zu führen, wie jeder von uns."

Er blickte mich mit diesen Augen an. „Nur Zunftschrift?"

Einen Moment stand alles um uns herum still, als hätte die Luft im Raum beschlossen, dass sie gar nicht da wäre. Ich weiß nicht, warum, aber in diesem Moment nickte ich einfach.

„Nur Zunftschrift, ja", bestätigte ich ihm.

Immer noch sah er mich an, und ich spürte, wie mein Gesicht mir entglitt. Ich hatte nicht direkt gelogen, die Schrift des Ordens war mir fremd. Aber ich hatte am Morgen genug erkannt, genug gelesen, um zu wissen, dass die Worte nicht das gewesen waren, was ich gesagt hatte.

Vermutlich las er die Wahrheit in meinem Gesicht. Aber am Ende sagte er nichts.

Er legte die Hände flach auf den Tisch und beugte sich ein wenig vor. Sein Blick musterte kurz meinen Körper, als wollte er etwas einschätzen, was ich nicht begriff und nicht erahnte.

„Gut gemacht", sagte er dann.

Noch immer lagen die Münze und das Ankerzeichen des Mannes auf dem Tisch. Er hatte mich zu der Münze gar nichts gefragt. Nicht, was ich vermutete, was sie sei. Nichts. Nur, wo ich sie gefunden hatte.

Warum also war er nicht neugierig, warum hatte er die Münze nicht in die Hand genommen? Ich verstand es immer noch nicht. War es wirklich nichts Unbekanntes für ihn? Mein Kopf rauschte.

„Geh nach Hause." Er machte eine Geste in Richtung meiner Kleidung. „Du siehst erschöpft aus. Iss etwas, leg dich morgen auf eine Terrasse."

Ich atmete ein und zog mich an, so schnell ich konnte, während er mir dabei zusah, immer noch mit einem unergründlichen Blick, in dem etwas lag, was ich nicht verstand.

„Übermorgen kommt die gelbe Sonne. Sieh zu, dass du dann drin bist", gab er mir mit, als er mir die Tür öffnete.

Ich bedankte mich für die scheinbare Fürsorge. „Natürlich. Ich werde pünktlich zu Hause sein."

So dachte ich zumindest. Niemand war bei einem Gelbring draußen, nicht, wenn man es nicht musste.

Er brachte mich nicht zur Tür, und erst als ich vor dem Ordenspalast stand, fiel mir ein, dass er mich nicht einmal gefragt hatte, ob ich mit jemandem gesprochen hatte. Ich schloss kurz die Augen. Aber das musste er wohl auch nicht, denn er hatte es verboten, und wir alle gehorchten dem Orden.

In mir pochte mein Herz schnell, meine Gedanken überschlugen sich, bis ich zu Hause war und das kleine Zimmer betrat, das ich bewohnte. Es roch nach mir, es sah gemütlich aus. Doch es vertrieb nicht, was ich in den letzten Stunden erlebt hatte und was mir erst jetzt wirklich Angst machte.

Ich hatte manchmal gedacht, ich sollte mich langsam nach einem Mann umsehen, ich weiß auch nicht warum ich es dachte, als ich meine Schlüssel ablegte, aber ich war auch froh, dass niemand da war an diesem Abend.

Ich hätte nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen, und ich hätte es auch nicht gedurft.

Ich zog die Decke bis über die Schultern und ließ die Lampe brennen, was ich sonst nie tat.