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Gelbring Wetterwechsel · Tag 1 von 3
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Strang

012

Vorbereitung auf den Gelbring

Kathy · 29.08.2026 · Tag 98 im Großen Zyklus Klarzeit

Als ich erwachte, war es schon spät. Die Sonne stand weit am Himmel, und es war drückend schwül. Selbst in meinem kleinen Zimmer spürte man das. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde das Wetter umschlagen. Ich erinnerte mich, dass der Orden hatte ansagen lassen, dass es heute Nacht beginnen würde.

Ich streckte mich. Mein Körper war müde und erschöpft, meine Haut immer noch fahl und stumpf, so wie ich es im Winter oft erlebt hatte, wenn die Sonne nicht stark genug war. Die Haut an meinen Knöcheln war rissig, und ich sollte nicht länger zögern.

So erhob ich mich und ging zur nächsten Terrasse. Sie war schon voll, und einen Moment brauchte ich, bis ich eine Lücke fand, zwischen einer Frau, die ich vom Sehen kannte, und einem alten Mann, der dort schlief. Langsam zog ich mich so weit aus, wie es noch schicklich war. Ein kurzer Blick verriet mir die unterschiedlichen Stadien der anderen. Die meisten waren schon wieder satt in der Farbe, und diese trugen mehr Kleidung.

Ich schloss die Augen, als ich lag. Ich war nicht mehr wirklich müde, und so ging mir die Sache noch einmal durch den Kopf. Ein leichter Schauer durchfuhr mich. Alles daran war so gewesen, wie es eben ist, und trotzdem fühlte ich mich irgendwie beschmutzt.

Immerhin tat die Sonne gut, und ich verdrängte die Gedanken, die immer wiederkamen, die sich um die Neunte drehten und um das Stück Metall, das sich so schmeichelnd angefasst hatte.

Dann spürte ich es. Man merkt es eigentlich sofort. Es dauert Tage, bis man wieder ganz die alte Hautfarbe hat, vor allem, wenn man in meinem Zustand ist. Doch die ersten Minuten fühlen sich an wie ein Schluck Wasser, wenn man richtig Durst hat. Ich spürte die Wärme, die sich auf meinem Bauch und den Armen ausbreitete, meine Zehen, die sich förmlich streckten, ich spürte, wie mein Körper sich entspannte. Es tat so unglaublich gut, dass ich sogar ein wenig einschlief.

Als ich aufwachte, stand die Sonne weit im Nachmittag. Ich blickte mich um, die Terrasse war nun fast leer, und von unten drangen Geräusche herauf, die mich veranlassten aufzustehen.

Dann sah ich es: Die halbe Stadt war in Bewegung, überall wuselten Menschen von links nach rechts. Kurz nickte ich. Vor einem Gelbring sah jedes Viertel aus, als hätte man einen Beutel umgestülpt und alles würde durcheinanderfliegen.

Doch es war nur selbstverständlich, alles, was lose war, musste festgemacht werden. Terrassen wurden geräumt, die Netze eingeholt, Fenster verrammelt, Läden noch einmal verstärkt. Wer ein Loch noch nicht geflickt hatte, tat es spätestens jetzt, oder er fand heraus, was das Wetter damit machte.

Es war laut, aber eine gute Art von Lautstärke, sie war geschäftig. Und auch ich sollte mich endlich darum kümmern, Vorräte zu Hause zu haben. Ich zog mein Kleid über und machte mich auf den Weg.

Unterwegs kamen mir Kinder entgegen, die Steine schleppten, zu schwer für sie, aber sie taten es trotzdem und stritten dabei lautstark, wer am meisten tragen konnte. Hinter ihnen kam ein älterer Mann, der ein Bündel Bretter trug, das ihm immer wieder abzugleiten drohte. Zwei Häuser weiter kam jemand aus einer Tür, nahm ihm wortlos die Hälfte ab und ging mit ihm.

Ich blieb auf meinem Weg zur Markthalle kurz stehen und sah ihnen nach. Es war so anders als vor einer roten Sonne. Dann war die Stadt still, und jeder ging dem Seinen nach. Doch bei einem Gelbring waren alle laut und durcheinander, und sie arbeiteten zusammen.

Ich hatte nie wirklich darüber nachgedacht, warum das so war. In diesem Moment aber durchdrang mich eine Wahrheit, die nicht neu war, mir aber bewusst wurde: Bei einer Roten hatten wir Angst voreinander, und bei der gelben Sonne hatten wir Angst vor dem Wetter. Und das konnten wir zumindest ein wenig berechnen. Wir wussten, was zu tun war, und gemeinsam konnten wir ihm zum Teil trotzen.

Kurz schüttelte ich den Kopf und ging weiter.

Die Markthalle war voll, voller, als mir lieb war, aber ich war schlicht nicht die Einzige, die auf die Idee gekommen war, ihre Vorräte abzuholen. Das halbe Viertel tat dasselbe. Ich trat ein, die wuselige Atmosphäre umfing mich, überall standen Leute an den Ständen, und ich brauchte ein wenig, um den Anfang zu finden.

Die Menschen holten die Dinge, die sie brauchten, und niemand bezahlte dafür. Wieder kam mir kurz dieses Ding in den Sinn, das, wovon Bewe erzählt hatte, und ich fand es immer alberner, je mehr ich darüber nachdachte. Ich war Schließerin, der andere Weber, der nächste Fischer. Wenn jeder seinen Teil beitrug, dann hatten alle genug. So funktionierte das schon immer.

Endlich war ich an der Reihe. Die Frau am Mehlstand erkannte mich sofort, sie füllte mir den Beutel, bis er fast überquoll, und band ihn dann zu. Dabei erklärte sie, wie dankbar sie für die neuen Manschetten sei, das sei ihr gut bekommen, und sie habe es einfach mal loswerden wollen. Ich bedankte mich, und ich musste zugeben, so ein Lob fühlte sich gut an. Es war selten. Die meisten gingen uns doch eher aus dem Weg, und verwunderlich war das für mich auch nicht.

Der Mann beim Fisch gab mir zwei Trockenfische, drei wären üblich gewesen. Er sah mich nicht an, sondern legte sie einfach hin und wandte sich dem Nächsten zu. Ich packte sie ein und bedankte mich trotzdem. Ich fragte nicht, ich diskutierte nicht. Vielleicht hatte es im letzten Riegel etwas gegeben, ich wusste es nicht, und es ging mich schlicht auch nichts an.

Bei den Kerzen legte mir eine alte Frau die Hand auf den Arm, so wie es nur alte Menschen tun. Sie sah mich an und meinte: „Ich habe von der Neunten gehört. Weißt du, was passiert ist?"

Ich zögerte nicht mit meiner Antwort, ich schüttelte den Kopf. „Nein, das weiß ich nicht."

Sie sah mich bedauernd an, ließ mich aber los und gab mir zwei dicke, schwere Kerzen. Ich bedankte mich auch hier.

Erst im Weggehen ließ ich das schlechte Gewissen zu, das in mir hochkroch. Ich hatte sie angelogen, ohne zu zögern und eiskalt. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich gelogen.

Sicher, sie hatten es mir verboten, mit jemandem darüber zu sprechen, und auch das nagte an mir. Aber die Lüge beschäftigte mich doch einen Moment. Ich schüttelte es ab, was hätte ich auch anders tun sollen.

Ich nahm noch ein paar Seile mit und ein paar getrocknete Algen, dann war mein Beutel schwer und voll. Ich atmete bewusst ein, als ich aus der Markthalle kam, in die immer noch Leute strömten, wenn auch weit weniger als vorhin.

Als ich auf dem Rückweg an einem großen Platz vorbeikam, dachte ich zuerst, man verteile dort Material, und wollte schon weitergehen. Doch dann sah ich einen Ordensmann auf der Plattform stehen. Neben ihm stand Terve, die ich sofort erkannte, und noch zwei andere, die aus der Nordrunde waren und deren Namen mir gerade nicht einfallen wollten. Zwischen ihnen stand ein Mann, dessen Kleidung und Hände mir fast sofort sagten, dass er ein Fischer sein musste.

Ich ging zwei Schritte näher, so wie alle es taten. Die Menge schwoll an, bis der Platz voll war. Es war still, und nach dem Gewusel und der Lautstärke war diese Stille fast erdrückend. Jeder hatte noch etwas, das er trug oder bei sich hatte; man legte es zwischen die Füße oder hielt es fest.

Ich wusste, dass hier gleich ein Urteil gesprochen wurde. Das war immer öffentlich, man ließ uns wissen, wie Vergehen bestraft wurden.

Der Mann drehte sich nicht um, er stand mit dem Rücken zu uns, aber aufgrund seiner Haltung nahm ich an, er sei so alt wie Sallik, also in der Mitte seines Lebens. Er zuckte kurz zusammen, als der Ordensmann seine Stimme erhob. Sie trug problemlos über die Menge, die nun hier zusammengekommen war. Niemandem kam das falsch vor, ich sah, wie die Menschen zuhörten, so wie ich es tat.

„Urik, du bist hierhergekommen, um dein Urteil für dein Vergehen zu empfangen." Er machte eine kurze Pause, sprach dann aber weiter. „Du hast dir einen Platz in der Halle der Siebten genommen, der nicht der deine war, wohl weil in der Vierten kein Platz mehr zu finden war. Im Gedränge wurdest du nicht ordnungsgemäß gezählt und konntest unterkommen, weil ein Platz frei war. Der, dessen Platz das war, war an diesem Tag einer anderen Halle zugeteilt worden. Es war also Glück, dass der Platz frei war und niemand zu Schaden gekommen ist."

Niemand sagte etwas, niemand raunte, man hörte zu.

Ich wusste, dass man gestern sicher in der Zunft darüber gesprochen und ausgewählt hatte, wer hier heute Dienst tat. Ich kannte die Beratungen, bei denen jemand aus dem Orden die Strafe entschied, uns aber anhörte. Wir zählten, wir führten Buch. Das hatte seinen Grund: Wer einen Platz besetzte, der nicht der seine war, verurteilte jemand anderen zum Tod. Das war kein kleines Vergehen, auch wenn wie hier niemand zu Schaden kam, und es war trotzdem nicht zu dulden. Wenn man keinen Platz mehr fand, dann hatte man das zu melden und wurde zugewiesen, oder aber man ertrug sein Schicksal. Man handelte nicht eigenmächtig.

Die Menschen raunten nun doch, sie nickten sich zu, und die Frau neben mir sagte: „Unerhört."

Ich wusste nicht genau, wie ich das finden sollte, denn mir war das Urteil längst klar, bevor der Ordensmann es aussprach. Mein Blick glitt über die mich Umstehenden, aber niemand schien einen Einwand zu haben. Nicht, dass der Orden je damit rechnen müsste.

„Und somit verkünde ich das Urteil."

Nun wurde es noch stiller. Wie so viele Menschen so still sein konnten, war mir ein Rätsel, aber man hätte gerade jedes noch so kleine Geräusch gehört.

„Urik, du bist schuldig, etwas genommen zu haben, was nicht dein war. Deswegen wird dir dein Ankerzeichen entzogen, und du wirst vierzehn Tage dem Licht entzogen."

Irgendwo weiter vorne rief jemand „Bravo". Ich biss mir kurz auf die Lippen, während Urik mit fahrigen Händen sein Ankerzeichen vom Bund löste.

Terve nahm es entgegen und legte es auf einen Stein, der genau für diesen Zweck da war. Ein anderer Schließer nahm einen Meißel und schlug die Kerben quer ein, die anzeigten, in welcher Halle er seinen Platz hatte. Die Zahl wurde unwiederbringlich zerstört, das leise Klingen hallte über die Menge.

Es dauerte nur wenige Sekunden, und man hatte diesen Mann förmlich zum Tode verurteilt. Ein Tod, der noch dreiundachtzig Tage weit weg war, aber wohl unausweichlich, außer er fand einen Platz in einer Halle, die sich barmherzig zeigte.

Ich wusste, dass das meist nicht geschah, und ich wusste auch, die Neunte war leer, es gäbe Platz. Aber sie würde verschlossen sein, denn die Neunte gab es nicht mehr.

Kurz durchzog mich ein unwohles Gefühl, das ich so noch gar nicht kannte, während die beiden Schließer, deren Namen mir gerade nicht bewusst waren, Urik in die Mitte nahmen. Sie brachten ihn mit dem Ordensmann zum Ordenshaus, zu dem Palast, in dem ich gestern erst gewesen war.

Irgendwo dort musste es diese Zimmer geben, in völliger Dunkelheit. Ich schauderte, denn es war ein Urteil, das ihn bis zum übernächsten Gelbring wegsperren würde. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen musste. Nach der Roten fühlte man sich schon völlig erledigt, und das hier dauerte mehr als doppelt so lang. Nein, das war nichts, was ich erfahren wollte.

Kaum war es vorbei, begann die Menge sich aufzulösen, als wäre nie etwas geschehen. Die Menschen neben mir redeten nicht einmal wirklich darüber. Gerechtigkeit war geschehen und durchgesetzt, ihre Welt war wieder in Ordnung.

Ich sah noch einmal kurz zu der Stelle, an der das Ankerzeichen zerstört worden war. Er hatte es zurückerhalten. So war es, es wurde nicht vernichtet, sein Name stand ja darauf. Aber an jeder Halle würde man nun sehen, dass er keinen Anspruch mehr hatte, dass er ihn für immer verwirkt hatte.

Das Mitgefühl in mir verschwand wieder. So war es eben, und so war es gut. Dieses Mal war keiner zu Schaden gekommen, aber beim nächsten Mal wäre vielleicht jemand zu Schaden gekommen, und deswegen war es richtig und wichtig. Deswegen führten wir Buch, und deswegen zählten wir.

Ich dachte kurz an den Schließer, der ihn übersehen hatte, und ahnte, dass auch dort sicher kein angenehmes Gespräch stattgefunden hatte. Ich fragte mich, ob dieser Schließer auch im Palast gewesen war wie ich.

Ich stand noch immer da, dann wurde ich angerempelt, nicht mit Absicht, aber alle bewegten sich, nur ich nicht. Da kam ich ganz zu mir. Die Sonne stand nun schwer über dem Wasser, der Tag würde bald zu Ende gehen, ich sollte mich wohl beeilen.

Endlich erreichte ich meine Wohnung. Ich begann, die Vorräte zu verräumen, mein einziges Fenster zu verriegeln und mit zusätzlichen Brettern abzudichten. Ich war gerade fertig geworden, da klopfte es.

Es war Bewe, die vorbeikam und nach mir sah. „Hast du alles?", fragte sie, während ich ihr einen Becher Kräuterwasser reichte.

„Ja, ich hab alles bekommen." Ich setzte mich ihr gegenüber.

Wie gerne hätte ich ihr alles erzählt, doch ich durfte nicht, also wichen wir dem Ganzen aus. Bewe ahnte, dass ich die Dinge nicht erzählen durfte, die gestern geschehen waren. Es war ja kein Geheimnis gewesen, dass ich zur Anhörung geladen worden war, das war es nie. Vieles in unserem Leben geschah öffentlich, weil es das Wichtigste für uns alle war, zu sehen, wie es funktionierte.

Wir sprachen über das Dach des Nachbarn, das ein schlecht geflicktes Loch hatte, und fragten uns, warum er sich nicht besser gekümmert hatte. Wir redeten über den Fisch, der diesmal magerer ausgefallen war. Aber nie über das, was mich wirklich interessiert hätte.

Bewe führte seit über hundert Roten Buch. Sie schrieb auf, wann Schiffe kamen, sie schrieb die Namen der Kinder hinein, die dort nicht hineingehörten, und wenn irgendwer auf dem Festland gewusst hätte, was ich hätte wissen wollen, dann wäre sie das gewesen.

Als sie ging, drehte sie sich noch einmal zu mir um. „Heute Nacht kommt der Gelbring. Bleib morgen zu Hause, die Zunftsitzung ist nicht so wichtig, dass du hinausgehen müsstest. Es geht ohnehin nur um die Neunte und um das Urteil von heute, und zu beidem kannst du nichts mehr sagen, als du schon gesagt hast."

Ich nickte, denn sie hatte recht. „Das stimmt. Aber ich werde da sein. Ich habe die Neunte abgeschlossen, ich muss dabei sein."

Bewe sah mich an und auf meine Haut. Man sah einfach immer noch, dass ich schwach war. „Du solltest zu Hause bleiben."

Ich wusste, sie meinte es gut, aber ich lächelte nur. „Wir sehen uns morgen."

Dann schlug sie ihren Mantel fester zu und nickte mir mit einem Lächeln zu. „Bis morgen."

Sie verschwand, während ich kurz in den Himmel blickte. Die Wolken zogen schon auf, und es stand der Wechsel bevor. Ich konnte es spüren, das glaubte ich zumindest.