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Die Ermittlerin

Kathy · 26.08.2026 · Tag 96 im Großen Zyklus Klarzeit

Meine Schritte führten mich zur Neunten, die dort lag, wie ich sie gestern verlassen hatte, und das war das Erste, was nicht stimmte. Ich hatte sie aufgeschlossen und nicht wieder verriegelt, warum auch, das wäre albern gewesen. Die Tür stand immer noch genau den Spalt offen, wie ich es hinterlassen hatte. Es war also niemand hier gewesen. Keine Familie, kein Nachbar, niemand.

Ich legte den Kopf leicht schief. Sechzig Menschen fehlen, eine ganze Halle ist nicht mehr da, und niemand sieht nach? Niemand hatte einen Tag später nach den Menschen gesucht. Das war selbst für mich nur schwer zu erklären.

Ich zog die Tür auf und trat langsam ins Halbdunkel, wobei ich auf der vierten Stufe stehen blieb, weil ich nichts zertreten wollte. Die Fußabdrücke, die ich im gekehrten Staub sehen konnte, waren immer noch unsere. Ich erkannte Salliks breite Sohlen und die schmalen von Kirre und dazwischen meine eigenen. Wir waren von der Treppe in die Mitte gegangen und wieder zurück.

Doch wenn man genau hinsah, sah man weitere Fußabdrücke. Sie waren älter und sehr viel verwischter. Jemand hatte gekehrt, und beim Abschließen hatte ich noch gedacht, dass es ordentlich gemacht worden war. Jetzt sah ich, dass es nicht gründlich genug gewesen war, um alles zu tilgen.

Diese älteren Fußabdrücke führten alle in eine Richtung.

Ich ging in die Knie und sah es mir an, so lange, bis mir die Beine förmlich einschliefen. Die Spuren zeugten nicht von einem Gedränge oder großer Eile. Sie waren klar, sie lagen hintereinander und nicht kreuz und quer, wie wenn man schnell hinauswill. Sie führten fast wie eine Schnur nach draußen, die Stufen hinauf.

Ich blickte mich noch einmal um. Menschen, die flohen, gingen nicht in einer Reihe.

Kurz seufzte ich, weil ich das vielleicht hätte aufschreiben sollen, aber ich hatte nichts mitgenommen. Schrieb eine Ermittlerin alles auf? Vermutlich. Ich wusste es nicht, ich nahm aber an, dass es besser wäre, wenn ich solche Dinge festhalten würde. Am Ende hatte ich einen klugen Kopf, und der würde reichen müssen.

Ich trat hinaus in die Sonne. Einen Moment rührte ich mich nicht, nahm die Strahlen auf. Ich war immer noch hungrig, ich hatte zu wenig bekommen, aber jetzt war dafür keine Zeit.

Ich überlegte, wohin ich gehen sollte. An der Neunten fand man drei Wege: Der eine führte zu den Lichtterrassen des Viertels, der andere in das Viertel hinein und der letzte hinunter in Richtung Meer.

Wohin würden so viele Menschen gehen? Sie waren nicht zu Hause, das wüssten wir, denn dann hätten wir Tote gefunden. Das hatten wir aber nicht. Zu den Lichtterrassen ergab keinen Sinn. Und weil ich gewohnt war, in Runden zu laufen, entschied ich mich für den Weg zum Meer.

Es glitzerte im harten Licht der blauen Sonne auf seine ganz eigene Weise. Der Geruch von Salz und Fisch stieg mir in die Nase, als ich das festgetretene Areal des Hafens erreichte.

Im Grunde war der Hafen nach dem Riegel ein etwas trauriger Ort. Alles lag fest und vertäut an Ort und Stelle, die Leute waren noch dabei, sich zu erholen, es waren nur wenige unterwegs. Meist die Jungen, die sich sehr viel schneller erholten. Die Sonne war wichtiger als die Arbeit, die wäre morgen auch noch da.

Einzig ein alter Mann saß dort und flickte Netze, und irgendwie mochte ich das Bild. Er saß da ganz ruhig, der Oberkörper frei, ganz sicher, um mehr Sonne aufzunehmen. Einen Moment betrachtete ich ihn, wie er mit einer Nadel aus Fischknochen das Netz vervollständigte. Am Ende des Stegs saßen zwei Kinder auf dem Poller und ließen die nackten Zehen ins Wasser baumeln.

Die beiden großen Liegeplätze für die Schiffe waren leer.

Einen Moment begriff ich es gar nicht, denn es war nichts Ungewöhnliches. Hier lagen nicht immer Schiffe, warum sollten sie auch, sie kamen und gingen, und über die Zeit der Roten ergab es keinen Sinn, hier zu liegen.

Dennoch hatten vor dem Riegel hier zwei große Handelsschiffe gelegen.

Ich wusste das auch, weil Bewe es aufgeschrieben hatte, als wir unsere Schließrunde gegangen waren. Ich hatte sie noch gefragt, warum sie das tat, und Bewe hatte mir daraufhin gesagt, dass sie immer aufschreibe, wann Schiffe da seien, einfach so. Wir hatten es also alle gesehen, Bewe, Sallik, Kirre und ich, so wie alle Bewohner, die an dem Tag hier vorbeigekommen waren.

Ich sah noch einmal auf die leeren Liegeplätze. Wann waren sie wohl gefahren? Niemand fuhr bei der roten Sonne hinaus, niemand von uns. Man kann kein Tau bedienen, kein Segel nach oben ziehen, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist. Alles auf einem Schiff braucht Hände und Verstand, und die hatten wir nicht.

Diese Schiffe mussten also davor oder danach gefahren sein. Aber danach, das glaubte ich nicht. Wir hätten es gesehen, wenn ein Schiff ausgelaufen wäre, man sieht das von den Lichtterrassen der Stadt ganz gut.

Also vorher. Vielleicht zu dem Zeitpunkt, an dem auch sechzig Menschen die Halle verlassen hatten?

Mein Gedanke hing einen Moment. Konnte so etwas möglich sein? Und warum sollte das ein Ziel sein? Ich stand noch ein paar Minuten da und ließ es mir durch den Kopf gehen, dachte es zu Ende. Aber es blieb nur die eine Möglichkeit: Wenn sie hierhergekommen waren, dann waren sie erstens nicht geflohen und zweitens vermutlich freiwillig an Bord gegangen. Nur das Warum erschloss sich mir nicht.

Langsam drehte ich mich zu dem alten Mann, der längst erkannt hatte, dass ich eine Schließerin war. Man sah es an den Schlüsseln, die ich an meinem Gewand trug, und an dem Emblem unserer Zunft. Er musterte mich kurz, als ich ihn ansprach.

„Guten Tag. Darf ich zu den Schiffen etwas fragen?"

Er nickte, als wollte er sagen: Ich kann es ja eh nicht verhindern. Aber er schwieg erst einmal noch. Ich schwieg einen Moment mit ihm, das war nur höflich, dann fragte ich:

„Die Schiffe, die vor der Roten hier lagen — weißt du, woher sie kommen?"

Wieder warf er mir einen Blick zu, der schwer zu deuten war. Ich hätte ihn wohl auch fragen können, woher der Regen kommt.

„Von den anderen Städten", sagte er dann schlicht und fügte an: „Irgendwo die Küste hinauf. Da soll es guten Boden geben."

Ich hatte mich nie damit beschäftigt, und ich spürte die Neugier in meinen Worten. „Warst du mal dort?"

Er lachte und wandte sich wieder seinem Netz zu. „Mädchen, niemand war je dort. Die gelbe Sonne kommt in zwei Tagen, es wäre wohl Blödsinn. Außerdem haben wir alles, was man braucht."

Ich kaute kurz auf den Lippen, weil er recht hatte. Niemand von uns hatte sich je mehr als vier Stunden hinaus aufs Meer gewagt. Wir kannten ein paar kleinere Inseln, die dort vor unserer Küste lagen, aber andere Städte? Nein. Die gelbe Sonne war nie gnädig zu uns, und wer das Boot verlor, verlor unsere Nahrungsgrundlage. Deswegen wagten wir es nicht.

Die meisten von uns wussten, dass es andere Städte gab, weil die Schiffe kamen. Sie brachten Waren mit, die wir nicht herstellen konnten. Doch warum wussten wir nichts über sie? Warum hatte nie jemand von uns nachgefragt — oder hatten sie? Wusste der Orden etwas darüber und sagte es uns einfach nicht?

In all diese Gedanken hinein legte der alte Mann sein Netz über den Schoß. „Was auch immer du suchst, auf dem Meer wirst du es nicht finden."

Damit hatte er wohl recht.

Ich nickte und ging ein paar Schritte zurück. Der Boden war festgestampft. An einem Poller blieb ich kurz stehen. Ich weiß nicht, was die Spiegelung ausgelöst hatte, aber plötzlich blitzte etwas auf. Ich beugte mich hinunter und grub vorsichtig mit den Fingern das aus, was mir in die Augen geblitzt war.

Einen Moment stockte ich, als ich das Metallstück aus dem Boden zog.

Es war ein Ankerzeichen aus der Neunten, das ich in der Hand hielt.

Ich setzte mich langsam auf den Poller, er war warm von der Sonne. Langsam drehte ich das Zeichen und zählte noch einmal die Kerben. Es waren neun. Ich las den Namen, der dort stand. Ich hatte ihn schon gehört, und es war keine sechs Tage her.

Ein kurzer Schauer glitt über meinen Rücken, als ich begriff, dass ich das Ankerzeichen des Mannes in der Hand hielt, dessen Bruder in der Elften gewesen war.

Ich fuhr mit dem Daumen über die Rillen und Kerben. Warum lag dieses Ankerzeichen hier? Niemand verlor so etwas einfach, sie waren uns heilig, sie waren der Beweis, dass wir einen Platz in einer Halle hatten. Ich drehte es hin und her, aber es ergab keinen Sinn. Denn wenn das Ankerzeichen hier war, dann war der Mann —

Mein Blick ging wieder zu dem leeren Liegeplatz. Ich atmete leicht ein, und während ich genau dorthin schaute, blitzte es ein zweites Mal auf.

Langsam erhob ich mich. Noch ein Ankerzeichen? Wieder bückte ich mich und hob etwas aus Metall auf, das halb im Dreck gelegen hatte.

Einen Moment drehte ich das dünne, flache und vor allem kreisrunde Ding in der Hand. Es zierten ebenfalls Kerben, und es war so glatt, wie bei uns nichts glatt ist. Es fühlte sich fast an wie ein Handschmeichler und war golden und silbrig zugleich. Als ich es leicht drehte, warf es das Licht zurück ins Wasser. Ich öffnete den Mund. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Erst dann erkannte ich die Zeichen. Ich sah sie an, kniff die Augen zusammen, hielt sie gegen das Licht und versuchte alles, fuhr sogar mit dem Daumen darüber. Aber ich konnte es nicht lesen. Wo fing es an, und wo hörte es auf, und warum sah es anders aus als jede Schrift, die ich je gesehen hatte?

Mein Kopf schien vor Fragen förmlich zu explodieren. Denn ich war eine von wenigen hundert Menschen auf dieser Welt, die lesen können. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Zeichen sich zu Wörtern fügen. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, die Zeichen des Ordens zu sehen. Die kann nicht jeder lesen, es ist uns ja auch verboten, und ich verstehe meist nur jedes dritte Wort, weil ich es heimlich tun muss.

Diese Schrift war nichts davon. Sie war anders.

So blieb mir nichts anderes übrig, als sie einzustecken, zu dem Ankerzeichen. Der alte Mann mit dem Netz hatte mir die ganze Zeit zugesehen, aber er nickte nur, als ich mich verabschiedete.

Mochte er denken, was er wollte. Ich sollte zurück ins Ordenshaus gehen und meine Funde abgeben.