Die Geschichte der 12ten
Kathy · 21.08.2026 · Tag 91 im Großen Zyklus Rote
Es war ein seltsames Gefühl, das sich über mich legte. Ich hatte Kirre diese Geschichte schon viermal erzählen hören. Das erste Mal saß ich selbst wie Boll dort oben. Ich erinnerte mich an die Wörter und an das Gefühl; es war etwas, wovor ich mich anfangs auch gefürchtet hatte. Denn die Geschichte hatte kein gutes Ende.
Kirres Worte waren dieselben wie immer, wir veränderten sie nicht. Sie hatte es von Terve gelernt und Terve von jemandem davor. Der Wortlaut blieb, vielleicht einmal ein Wort zu viel oder zu wenig, aber das war höchst selten. Wir schrieben nichts auf, dafür reichte die Zunftschrift nicht. Sie reichte, um das Buch zu führen. Alles andere hielt sich, weil wir es hinter dem Riegel erzählten.
Boll hatte auf seinem Platz oben aufgehört, mit dem Riemen an seinem Ärmel zu spielen. Er hörte zu, und wir alle sahen, wie konzentriert er war. Nissa sah geradeaus, sie hörte die Geschichte nun zum zweiten Mal, ihr Blick war auf die Lampen hinter den Gittern gerichtet, während Kirre weitererzählte.
„In der Zwölf waren damals vierunddreißig und ein Bewahrer, damals war es nur einer in jeder Ankerhalle. Es war der dritte Tag, und dort passierte etwas, das wir uns seitdem erzählen. Es ist wichtig, dass du gut zuhörst und verstehst, Boll."
Die Warnung erfasste uns irgendwie alle, aber niemand schien abgelenkt oder gar genervt. Wer konnte, hatte sich in Richtung Kirre gedreht und es sich bequem gemacht.
„Niemand weiß mehr, warum und wieso es passiert ist. Vielleicht ist die Lampe gefallen, hat der Halter nachgegeben, oder es war einfach ein Unfall. Die Lampe fiel auf das Stroh, das am Boden ausgelegt war, und das Feuer setzte eine der Bänke in Brand. Der Rauch zog über die Decke immer mehr in die Mitte. Die Bank brannte nicht gut, auch das Stroh nicht, aber der Rauch wurde bald zu dicht."
Ich sah, wie Boll die Hand an den Mund drückte, weil er sich vorstellte, wie es gewesen sein musste, wie wir alle es taten. Kirre erzählte es, als würde es gerade geschehen; ihre Stimme war nie zu sanft und nie zu hart, aber eindringlich.
„Die Menschen haben angefangen zu rufen, den Bewahrer anzuflehen, sie zu retten und sie herauszulassen."
Wie immer wurde mir an dieser Stelle kalt und klamm. Ich spürte förmlich, wie alles in mir schrie — tu es nicht —, aber es war jedes Mal diese Stelle, die eine Pause einleitete und eine unbehagliche Stille erzeugte. Jeder von uns war einmal Bewahrer oder Bewahrerin gewesen. Wir wissen alle, wie es klingt, wenn die eigenen Eltern, die Freunde, einem zurufen. Wenn sie bitten und flehen. Wir alle kennen das.
Kirre durchbrach unsere Gedanken, allein weil Boll es kaum noch auszuhalten schien.
„Das Kind nahm den Schlüssel. Er lag damals noch auf der Schwelle der Tür, nicht in der Kiste."
Boll warf einen Blick auf die Kiste, die neben ihm auf dem Sockel stand.
„Es musste sich nur bücken. Es nahm ihn von der Schwelle und schloss die Tür auf. Der Riegel fiel, und noch während der Rauch durch die Tür abzog, begann das Kind, die Manschetten zu öffnen, eine nach der anderen."
Boll stand von seinem Sitz auf. „Der Rauch. Das Kind." Er sah auf die Tür, dann zu uns. Niemand hielt ihn auf. Kirre sah ihn nicht an, sie sah auf ihre Hände, während sie weitersprach.
„Die siebenundzwanzig, die es aufgeschlossen hatte, sind nach draußen. Der Letzte rempelte das Kind um, sodass es schwer stürzte und mit dem Kopf aufschlug."
Boll öffnete den Mund, doch Nissa schüttelte nur sanft den Kopf, und so hörte er weiter zu.
„Die sieben, die das Kind nicht mehr aufschließen konnte, überlebten. Und das Kind, weil es zwischen den Bänken lag und niemand mehr hereinkam und sich für den Ankerraum interessierte."
Boll stand der Mund offen. Ich konnte sehen, wie hektisch er atmete, und wieder ging mir durch den Kopf, dass diese Geschichte eigentlich nicht für Kinder gedacht war. Aber sie war so notwendig wie die Ketten, die ich gerade trug.
„Draußen stand die Sonne im Zenit. Wie du weißt, ist es oft am dritten Tag am schlimmsten", sagte Kirre sanft. Doch sie ersparte ihm nicht, was wir alle schon gehört hatten. „Sie waren alle nicht mehr sie selbst, als sie oben ankamen. Was dort geschehen ist, weiß niemand. Man hat sie später gefunden, verstreut auf den Terrassen, in den Gassen und Wegen. Wir wissen, dass sie alle gestorben sind, weil sie sich gegenseitig gejagt haben."
Boll schluckte vernehmlich.
„Es war nicht die rote Sonne. Es waren die Menschen, die ihr erlegen waren und ihren Verstand verloren hatten."
Sie machte wieder eine Pause, in der Boll sich setzte und die Hände um die Knie schlang. Ich konnte so mit ihm fühlen; meine Finger spannten sich auch kurz an, gegen die Ketten. Ich sah, wie Bewe eine Träne vergoss, genau an der Stelle tat sie das eigentlich immer.
„In der Halle saßen die sieben Angeketteten im Rauch und haben es gehört. Sie hörten die Schreie, und sie hörten das Toben. Vier Tage dauerte es, bis die anderen Ankerhallen sie fanden. Das Feuer war da schon aus, nach der Bank gab es nichts mehr, auf das es hätte überspringen können. Der Ruß zeugte noch deutlich von dem, was passiert war. Niemand weiß bis heute, ob die sieben überlebt hätten, wäre die Tür geschlossen geblieben. Manche sagen, es wäre unmöglich gewesen, sie wären erstickt. Andere sagen, die offene Tür hat ihnen das Leben gerettet."
Sie hob den Kopf und sah zu Boll. „Beides kann stimmen. Es ist nie geklärt worden, und es wird nie geklärt."
Boll stand wieder auf und sah sie an, seine Stirn lag in Falten, und in seinen Augen glimmte die Geschichte noch nach. „Aber es hat doch das Richtige getan." Seine Stimme war die eines Kindes, das noch nicht ganz verstand. Ich hatte diese Frage schon oft gehört, weil sie einfach das Erste war, das einem einfiel.
„Ja", hörte ich Kirre sagen, fest und warm. Doch die Moral in ihrem nächsten Satz milderte auch das Ja nicht. „Es hat das Richtige getan, und es hat siebenundzwanzig Menschen umgebracht. Beides ist wahr. Darum sagen wir den Satz, den du heute gelernt hast."
Boll blickte sie lange an, dann wiederholte er ihn leise für sich. „Wer bittet, wird nicht gehört. Ich schließe auf, wenn die Sonne vergangen ist."
Eine Weile schwiegen wir alle, weil diese Worte für uns etwas bedeuteten.
Dann wandte Kirre sich wieder an ihn. „Wenn du in drei Tagen dort oben sitzt und dein Vater sagt dir, es sei vorbei, oder es brennt, oder er habe Schmerzen, dann kannst du nicht wissen, ob es so ist. Dann kannst du nicht wissen, ob es echt ist oder die rote Sonne." Wieder machte sie die kleine Pause. „Das Kind in der Zwölften hatte recht. Es hat trotzdem alle umgebracht, die es aufgeschlossen hat."
Bolls nächste Frage platzte fast in diesen letzten Satz hinein. Es war die Frage eines Kindes, dem sich der Sinn von Gehorsam gerade erschloss. „Und wenn es wirklich brennt?"
„Dann brennt es", sagte Kirre.
Boll rührte sich einen Moment nicht, ehe er den Kopf zu Nissa drehte, die nur nickte.
„Boll, das ist der Preis. Wir haben ihn ausgerechnet, und wir zahlen ihn seit langer Zeit. Damals blieben nur sieben und der Bewahrer übrig. Wenn niemand aufgeschlossen hätte, wären es im schlimmsten Fall vierunddreißig gewesen, die ersticken. Im wahrscheinlichsten Fall hätten aber alle vierunddreißig überlebt. Wir haben uns seitdem für das Wahrscheinliche entschieden."
Boll wiegte noch immer den Kopf, als wöge er ab, was er davon halten sollte. Seine Eltern waren beide hier, und sein Vater nickte ernst, als wollte er jedes Wort von Kirre unterstreichen. Auch seine Mutter nickte.
Das Nächste, was Kirre uns allen erklärte und was Boll lernen musste, war mir damals ziemlich merkwürdig vorgekommen. Ich hatte es lange nicht verstanden. Wirklich begriffen hatte ich es erst, als ich hier unten auf der zweiten Bank im dritten Ring gesessen hatte.
„Jedes Unglück ist eine Lehre, und seitdem ist es nicht mehr passiert. Die Lampen kommen hinter schwere Gitter. Es gibt niemals nur einen Bewahrer. Und es gibt seitdem den Satz — wir erklären die Dinge nicht mehr. Denn Erklärungen kann man auseinandernehmen. Wenn dir alle hier sagen, du liegst falsch, dann wirst du zweifeln. Der Satz aber lässt dich standfest sein."
Boll nickte langsam. „Und die Zwölfte, wir zählen sie nicht mehr."
Wieder nickten einige von uns, andere schwiegen einfach still vor sich hin.
„Die zwölfte Ankerhalle gibt es noch, sie wird jetzt als Wohnhaus benutzt. Niemand in diesem Raum, niemand weiß, wo sie stand. Die Geschichte überliefert es nicht."
Natürlich wurde die Halle als Wohnraum weitergenutzt. Gebäude waren wertvoll, gerade ein solches. Ich hatte mich selbst oft gefragt, welches Gebäude es war. Es gab viele, die Vermutungen hatten, aber einen Beweis hatte keiner von uns je gesehen.
„Warum aber gibt es keine neue Zwölf?", wollte Boll wissen.
Kirre lächelte ihn an und sagte leise: „Damit man beim Zählen kurz innehält, Boll."
Ich habe über diese Worte oft nachgedacht, oft auch darüber, ob das eine Antwort war oder ob sie nur nichts Besseres hatte. Manchmal glaube ich, es war eine. Denn wenn man keine Bücher hat, in die man Dinge wie diese Geschichte schreibt, dann ist eine Zahl das Einzige, was sich nicht verändert. Eine Zahl, die in unserem Gedächtnis tief verankert ist.
Boll überlegte noch, während wir alle zur Ruhe kamen, eine Ruhe, die diese Geschichte mit sich brachte und uns in Gedanken versinken ließ.
Ich erinnerte mich, dass ich damals gefragt hatte, wie das Kind hieß, das der Bewahrer gewesen war. Man sagte mir, man wüsste es nicht mehr. Ich hatte als Bewahrerin noch einmal gefragt, und die Antwort war dieselbe gewesen. Und doch glaube ich sie bis heute nicht.