Talvenn

Drei Sonnen · ein Kalender · zwei Ufer
anmelden
blau
gelb
rot
Gelbring Wetterwechsel · Tag 1 von 3
von 630

Strang

003

Haus Jantro 1

Jon · 19.08.2026 · Tag 91 im Großen Zyklus Rote

Im Morgengrauen

(Szene: Herrenhaus Jantro, Achaion. Früher Morgen. Erzählt von der Dienerin Lori)


Ich spürte den Läufer im Obergeschoss des Ostflügels wie stets flauschig unter meinen nackten Fußsohlen. Er begann dicht am Treppenabsatz und führte den Gang rechts herunter vorbei an den Gemächern seiner Lordschaft, den Gemächern seiner beiden Schwestern, die noch hier im Hause lebten, den gemeinsamen Gemächern der Herrschaften bis hin zu den Privatgemächern von Lady Candris.

Natürlich gab es Stellen im Teppich, die dünner geworden waren im Laufe der Zeit, aber nicht so dünn, dass man es sehen konnte, denn dann wäre er längst auf Geheiß von Madame Balusz, der Hausdame und strengen Gebieterin über uns Dienerinnen, ausgetauscht worden. Und das, bevor Lady Candris überhaupt hätte bemerken können, dass der Läufer abnutzte. Ich kannte jede kahle Stelle darin, hatte sie kennengelernt in der Zeit, die ich nun bereits im Hause Jantro diente. Bei der ersten Tür, hinter der der Salon lag, in dem Lord Kael Gäste zu empfangen pflegte, war er schon so dünn, dass ich kurz dachte, hier musste Madame Balusz bald tätig werden.

Vor den Türen von Lady Verain und Lady Roshwen, die beide gerade noch jung genug waren, noch hier zu sein und zugleich alt genug, allmählich verheiratet zu werden, wie es in Achaion üblich war, lag der Läufer noch dick auf dem Boden. Kaum jemand betrat die Gemächer der beiden Frauen und diese verließen diese nur zu selten.

Ich trug keine Schuhe, Dienerinnen trugen im Haus keine Schuhe und auch außerhalb dessen nur dann, wenn es absolut nötig war. Ich mochte das, weil es angeblich Häuser gab, in denen das Barfußgehen als unschicklich galt, und es deswegen die Andersartigkeit des Hauses Jantro betonte. Und ich mochte diese Andersartigkeit, wenn sie denn wirklich existierte, denn ich hatte ja keinen Vergleich und kannte nur vom Hörensagen, dass es in den anderen Hohen Häusern durchaus anders zugehen konnte. Diente ich gerne hier? Diese Frage war gar nicht so leicht zu beantworten und eigentlich stellte sie sich auch nicht, denn es war ja nicht so, dass ich eine Wahl gehabt hätte. Ich war eine Dienerin, eine Sklavin, Eigentum, ich gehörte dem Haus Jantro mit Haut und Haaren.

Ich erreichte die letzte Tür am Ende des Ganges, blieb stehen und überprüfte noch einmal mein Kleid. Es war grau und saß wie es eben saß: sehr schlicht, ärmellos und kurz, als wollte man nicht zu viel Stoff für die Kleidung einer einfachen Dienerin ausgeben. Es war dasselbe Kleid, das Dutzende andere Frauen in diesem Haus zu tragen hatten. Meine Haare trug ich in einem strengen Zopf, den ich wie jeden Morgen beim Fertigmachen für den Tagesdienst im Halbdunkeln geflochten hatte. Mein Haar war lang, schwarz und glänzend, eine Dienerin des Hauses Jantro hatte nicht verwahrlost auszusehen, also wusch ich es öfter, als ich wohl eigentlich sollte. Ich flocht es stets strenger, als es eigentlich nötig gewesen wäre, aber eine gelöste Strähne vor den Augen von Madame Balusz konnte mir eine Menge Ärger einhandeln, genauso wie abgeknabberte Fingernägel oder dergleichen. Lady Jantro mochte gnädiger sein und über so etwas hinwegsehen, Madame Balusz war es nicht. Auf meiner Haut, tiefgrün und im Halbdunkel fast schwarz, saß rechts am Hals das hellere Narbengewebe: das Wappen des Hauses Jantro, unterhalb des Ohrs eingebrannt, dort, wo es bei jeder von uns saß. Der Zopf hätte es verdeckt, wenn man ihn über die Schulter legen würde, aber eine Dienerin legte ihn nicht über die Schulter, zumindest keine, die den Rohrstock von Madame Balusz nicht spüren wollte. Ich hatte einmal zu Beginn meiner Dienerschaft Bekanntschaft damit gemacht und eine der Striemen sah man noch immer auf der grünen Haut meines Hinterns.

Vor der Doppeltür standen wie immer die beiden Gardisten der Hauswache. Es standen immer zwei von ihnen dort, in jeder Stunde, in der die Lady im Haus war. Ich kannte ihre Gesichter, schließlich durfte nicht jeder Gardist vor dieser Tür Wache stehen, aber nicht ihre Namen. Links stand der Ältere mit grauem Bart und dem Karabiner über der linken Schulter, rechts der Jüngere, der so gerade stand wie nur Gardisten standen, die noch glaubten, dass jemand hinsah. Was nicht so war, es reichte, sich grade hinzustellen, wenn jemand Hochrangiges nahte, wobei Obrist Imslur weitaus strenger war als Lord Kael selber.

Ich blieb im vorgeschriebenen Abstand stehen, wartete bis der Ältere den Kopf hob und mich ansah. Er sagte nichts, diese Männer sagten selten etwas, wenn es nicht sein musste.

„Eine Gesandte der Roten Ketten ist am Tor", sagte ich leise, wie es sich gehörte. „Sie wünscht die Lady zu sprechen."

Der Graubärtige nickte knapp, als sei die Ankunft einer Roten Kette ein vollkommen normales Geschehen, und sah wieder geradeaus. Der Jüngere zog den rechten Flügel auf, gerade so weit, dass ich hindurchpasste, und blieb dabei einen Schritt näher stehen, als er gemusst hätte.

„Du bist heute die Erste, die hier hochkommt", flüsterte er mit einem wirklich schönen Lächeln. „Und mit Abstand die Hübscheste."

„Natürlich ist das so, wenn ich die erste bin", gab ich zurück und verdrehte innerlich die Augen. Die jüngeren Gardisten versuchten immer wieder, mit uns Dienerinnen zu flirten, vor allem mit mir, weil ich hübsch genug war, eine Huri werden zu können, aber außer meinem Äußeren kein Stück dazu taugte. Das hatte natürlich auch Lady Jantro erkannt und mich gar nicht erst dafür vorgesehen.

„Soso", machte er und grinste nun etwas dümmlich, als hätte er meinem Scherz nicht verstanden. „Ich steh hier übrigens noch bis zum Mittag, aber dann hab ich frei."

„Dann viel Vergnügen beim freien Nachmittag", lächelte ich angedeutet, senkte den Blick und ging an ihm vorbei hinein. Ich wusste genau, dass er mich ansah und wie er mich ansah, obwohl ich ihn nicht ansah. Es hätte mich nichts gekostet, etwas nett zu ihm zu sein, aber auf seine Avancen näher einzugehen, konnte mich sehr viel kosten. Flirten und ähnliche Liederlichkeiten oder gar Sex war uns Dienerinnen absolut verboten und auch wenn Madame Balusz diese Regel nicht erfunden hatte, so stand sie doch nahezu begeistert dahinter. Dem Gardisten würde nicht viel passieren, vielleicht bekam er eine Rüge vom Obristen, mir aber drohte etwas, worüber im Haus nicht offen gesprochen wurde, weil es angeblich zu hässlich war, um darüber zu reden. Dienerinnen waren tabu und das war eine der wenigen Regeln im Haus Jantro, die nicht weicher war als anderswo, sondern härter.

Der große Salon der Lady lag im Halbdunkel. Die Vorhänge waren zugezogen aber nicht ganz geschlossen, durch einen Spalt kam der erste graue Streifen von draußen herein und legte sich quer über den Teppich, ohne irgendetwas wirklich zu erhellen. Auf dem niedrigen Tisch standen die Reste des Abends, Gläser mit Lippenstift an den Rändern, eine leere Karaffe und eine Schale mit Nüssen. Die Sessel standen schief, halb zueinander gedreht, so wie Leute sie stehen lassen, die nicht daran denken, wer sie am Morgen wieder gerade rückt. Es roch nach kaltem Rauch und dem schweren, süßen Öl, das die Lady in den Lampen brennen ließ.

Ralaya stand mitten im Raum, längst vollständig angekleidet, und das Haar sehr ordentlich hochgesteckt, wie es sich für die Hauptzofe von Lady Candris geziemte. Sie stand da offenbar schon seit einer ganzen Weile. Ich war sowieso überzeugt davon, dass Ralaya überhaupt niemals schlief, sondern sich irgendwann hinlegte und wieder aufstand, sobald im Haus etwas geschah. Als Zofe der Lady stand sie über jeder von uns, und sie ließ das niemanden vergessen, ohne je die Stimme zu heben. Sie tat es nun allein dadurch, dass sie wartete, bis ich etwas sagte.

„Ralaya", sagte ich respektvoll und neigte den Kopf dennoch etwas weniger tief als vor den Gardisten, auch wenn sie in der Hierarchie über mir stand, so war sie am Ende doch eine Dienerin.

„Lori?" sagte sie fragend und sah mich durchdringend an.

„Eine Gesandte der Roten Ketten ist am Tor. Sie wünscht Lady Candris zu sprechen", sagte ich und war sehr sicher, dass Ralaya an der Tür gelauscht hatte, und längst wusste, was ich wollte. Ja, das wusste ich, und sie wusste, dass ich es wusste. Trotzdem stand ich jetzt hier und musste mein Anliegen zum zweiten Mal vorbringen, was wie immer ein bisschen Ärger in mir aufsteigen ließ, der aber auch schnell wieder weg ging, so wie immer. Es hatte keinen Zweck. Das war die Ordnung des Hauses und die mochte hier weicher sein als anderswo, aber sie war doch da.

„Zu dieser Stunde?" wollte Ralaya wissen, aber es klang nicht wie eine Frage, sondern mehr wie eine Empörung darüber, dass jemand es wagte, ihre Herrin in aller Frühe zu stören. Und sie ließ es so klingen, als sei ich daran schuld, weil ich so unverschämt war, diese Nachricht der Lady auch noch überbringen zu wollen.

„Sie sagt, sie sei angekündigt", erwiderte ich leise und unterdrückte meinen Ärger, der schon wieder aufsteigen wollte. Ralaya saß am längeren Hebel und wenn sie sich bei Madame Balusz über mein Betragen beschwerte, bekam ich den Rohrstock zu spüren, nicht sie.

In ihrem Gesicht veränderte sich etwas und ich musste ein Grinsen unterdrücken. Ganz offensichtlich wusste Ralaya nicht, dass dieser Besuch angekündigt war, weil Lady Candris es ihr nicht gesagt hatte, was sie wurmte, weil sie der Ansicht war, sie müsste als Hauptzofe doch über alle Termine ihrer Herrin Bescheid wissen. Und die Roten Ketten schickten keine Gesandten ais Höflichkeit. Wenn eine von ihnen bei Tagesanbruch am Tor stand und die Lady zu sprechen wünschte, dann ging es um Ware. Und Ware hieß in diesem Fall: neue Mädchen. Das war die Zuständigkeit der Lady. Der Lord kaufte andere Dinge und machte Verträge, aber die Frauen kaufte Candris Jantro, jede einzelne, seit sie Lady dieses Hauses war, und sie sah sich alle selbst an.

Ich wusste das nur zu gut. Vor weniger als einem Umlauf von Talvenn um die Sonnen hatte ich nackt in einem der engen Käfige der Roten Ketten gestanden, die Handgelenke über dem Kopf an die Stäbe gebunden, damit man mich ansehen konnte, ohne dass auch nur ein kleines bisschen von mir verdeckt geblieben war. Und die Frau, die irgendwann davor stehen geblieben war, war Lady Candris gewesen.

Ralaya ging zur inneren Tür, legte die Hand auf die Klinke und drückte sie langsam herunter, damit das Schloss nicht schnappte. Es war die Tür, hinter der der Raum lag, den wir untereinander das Lustzimmer der Lady nannten, nie laut, nie im Beisein einer Zofe, aber jede Neue hörte den Ausdruck in der ersten Woche und danach benutzte ihn jede.

Der Geruch kam mir entgegen, bevor ich etwas sah. Kalter Rauch, süßer Wein, heruntergebranntes Kerzenwachs und darunter warm und dicht der Geruch von Menschen, die eine Nacht lang zu viert in einem Bett gelegen und davor jene Dinge getan hatten, die mir untersagt waren.

Das Zimmer war sehr groß und dennoch reichten seine Ausmaße gerade eben aus, um das riesige Himmelbett in der Mitte zu beherbergen. Es hatte vier gedrechselte Pfosten aus dunklem Holz, die schweren Vorhänge aus Samt waren an allen Seiten zurückgeschlagen und an den Pfosten festgeschlungen. Auf den Nachttischen sah ich die Überreste der Nacht, vier leere Flaschen teuren Sorana-Weins, eine davon umgekippt und einen dunkelroten Rinnsal hinterlassend, vier Gläser wie im Salon, drei mit Lippenstift daran, eines ohne, das auf dem Boden neben dem Bettpfosten stand. Der große Aschenbecher aus grünem Glas war voll bis über den Rand mit Kippen der Zigarillos, die Lady Candris rauchte, und der Zigarren, die Lord Kael bevorzugte, und beides teilten sie beide in solchen Nächten nur zu gerne mit den Huris, mit denen sie sich vergnügten. Wie auch den Wein und ihre Körper. In einer Schale mit Obst lagen angebissene und dann vergessene Früchte, auf dem Boden lagen die leichten und doch teuren Kleider, die Huris hier im Haus trugen, über einem stummen Diener achtlos hingeworfen das Gewand von Lady Candris und darauf seltsam ordentlich drapiert Hemd, Hose und Weste des Lords.

Im Bett schliefen noch alle vier. Lord Kael lag auf der Seite zum zugezogenen Fenster, ein Arm unter dem Kissen, das Gesicht in die Armbeuge gelegt, neben ihm Lady Candris ebenfalls auf der Seite, den Oberkörper an seinen Rücken geschmiegt. Mancui, die Lieblingshuri der beiden, hatte ihren hochgewachsenen Körper quer über das halbe Bett verteilt, wie immer, wenn sie hier schlief. Ihr langes helles Haar mit dem grünlichen Schimmer hatte sich aus dem Band gelöst und über das Kissen ergossen, auf dem ihr schönes Gesicht ruhte. Die Decke hatte sie im Schlaf bis zur Hüfte hinuntergeschoben und auf ihrer rechten, vollen Brust prangte deutlich sichtbar über der dunklen Brustwarze das Wappen des Hauses Jantro. Yaizrun schlief wie eine Katze zusammengerollt am äußersten Rand des Bettes und nahm so wenig Platz ein wie möglich. Sie war noch nicht lange im Haus und hatte noch nicht begriffen, dass ihr hier niemand etwas tat, solange sie gehorchte und das tat, was eine Huri eben zu tun hatte.

Ralaya blieb an der Tür stehen, es war an mir, Lady Candris die Ankunft der Roten Kette mitzuteilen, nicht an ihr. Und sie war klug und erfahren genug, sich aus Dingen herauszuhalten, die nicht die ihren waren. Ich ging drei Schritte ins Zimmer, blieb stehen und räusperte mich nicht. Ein Räuspern hätte so geklungen, als würde ich zögern und womöglich dazu geführt, dass man mich zunächst einmal ignoriert hätte.

„Milady, verzeiht", sagte ich stattdessen nicht allzu laut, aber deutlich.

Candris Jantro hob den Kopf und drehte ihn etwas zu mir, sie war halbwach und sehr offensichtlich nicht ganz nüchtern nach dieser Nacht. Ihr dunkelbraunes Haar war völlig zerzaust und sie bekam scheinbar die Augen kaum auf.

„Lori, was willst du zu dieser Stunde hier", sagte sie mürrisch. Sie war am Morgen und zwar noch am deutlich späteren Morgen oft mürrisch, für sie begann der Tag in etwa gegen Mittag. "Was ist so wichtig, dass du mich zu dieser furchtbaren Zeit weckst?"

„Verzeiht, Milady", sagte ich ehrerbietig. „Eine Gesandte der Roten Ketten steht am Tor. Sie wünscht Euch zu sprechen, Milady. Sie sagt, sie sei angekündigt."

Die Lady sah einen Moment lang an mir vorbei zur Tür. Dann setzte sie sich mit einer grazilen Bewegung auf und schien plötzlich wach. Ich sah ihren entblößten Oberkörper und auch auf ihrer rechten Brust war l das Wappen des Hauses Jantro eingebrannt.

„Angekündigt", sagte sie und rieb sich die Augen. „Ja. Für heute Vormittag."

Neben ihr murmelte der Lord etwas ins Kissen, das kein Wort war, zumindest verstand ich es nicht. Sie legte ihm im Aufstehen kurz die Hand in den Nacken, ohne hinzusehen, so wie man jemanden berührt, mit dem man vertraut war.

„Schlaf weiter, Kael. Sie will nicht zu dir", sagte Lady Candris, erhob sich vom Bett, stand kurz vollkommen nackt mit ihrer blassgrünen Haut vor mir und schlüpfte dann in den Morgenmantel, den Ralaya ihr hin hielt.

Mancui zog sich die Decke höher über die Schulter und drehte sich weg, als ginge sie das alles nichts an und ich bewunderte einen kleinen Moment diese Ignoranz des Alltäglichen, die Huris oft an sich hatten. Yaizrun dagegen atmete zu offensichtlich für jemanden, der noch schlief, aber sie hielt die Augen geschlossen, als ob sie abwarten würde, was für ein Morgen das wohl werden konnte. Schlaues Mädchen, hätte ich an ihrer Stelle genauso gemacht.

„Wo ist die Kette, Lori?" fragte Lady Candris grimmig.

„Noch am Tor, Milady“, erwiderte ich. „Die Wache hat sie natürlich nicht eingelassen."

„Gut", nickte sie, strich sich das Haar aus dem Gesicht und sah dabei zum Fenster, hinter dem es kaum heller wurde. „Dann lass sie herein und bring sie in den kleinen Salon. Da wurde seit Tagen nicht geheizt, und die Stühle sind von der nicht besonders bequemen Sorte. Wer bei Tagesanbruch kommt, obwohl er für den Vormittag geladen ist, soll sich hier nicht entspannt einrichten."

„Sehr wohl, Milady", sagte ich und senkte respektvoll den Kopf.

„Und sag ihr bloß nicht, dass ich noch im Bett war", fügte Lady Candris hinzu. „Und jetzt ab mit dir."

„Natürlich nicht, Milady", bestätigte ich, neigte den Kopf und ging rückwärts bis zur Schwelle, wie ich es gelernt hatte. Im Hinausgehen hörte ich hinter mir die Lady etwas sagen und dazu ein Lachen von Mancui, das noch halb nach Schlaf klang. Ralaya schob mich aus dem Raum und schloss die Tür, bevor ich mehr davon verstehen konnte.

Ich ging durch den Salon, dann an den Gardisten vorbei, die mich jetzt nicht ansahen, und hüpfte schließlich die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal, weil um diese Zeit noch niemand da war, der es mir verbot. Ich würde nun zum wachhabenden Offizier der Hausgarde gehen und ihm sagen, dass die Kette von Lady Candris empfangen werden würde und also hinein durfte. Damit war die Sache für mich dann erledigt, weil man es natürlich nicht einer Dienerin überließ, einen solchen Gast auf das Anwesen zu begleiten. Viel zu gefährlich, einer Kette war nicht zu trauen, so wie den meisten Besuchern von außerhalb Achaions nicht zu trauen war.

Einen Moment dachte ich daran, wie nun wieder Mädchen irgendwo draußen in der Stadt in einem Lager der Ketten darauf vorbereitet wurden, in diesen Käfigen auf dem Markt ausgestellt zu werden, nackt und die Arme über dem Kopf. Wer in die Hände der Ketten geriet, war nur noch Ware. Ich kam unten an und die letzten Steine der Treppe war kalt unter meinen Füßen, so wie jeden Morgen...