Talvenn

Drei Sonnen · ein Kalender · zwei Ufer
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Erstes Buch
001

Die letzte Runde

Kathy · 17.08.2026

Kapitel 1 — Kathy. Marreke, Festland, Ostspirale, Stunden vor dem Riegel.


Schon gestern schmeckte ich den Rost, er war immer das erste Anzeichen, und dagegen half nicht einmal Wasser trinken. Ich hätte auch versuchen können, gegen den Himmel anzutrinken, helfen würde es nicht. Wir hatten noch ein paar Stunden. Ich wusste es, die anderen wussten es, und es war schlicht unsere Arbeit, die Menschen wegzuschließen, bevor sie einander umbrachten.

Bewe an meiner Seite hatte den Rost erst seit dem Morgen. Sie war hell, fast so hell wie die Leute aus den Gassen, wo die Häuser eng standen und es kaum Licht bis auf die Straße schaffte. Ich war dunkel bis in die Handflächen, meine Mutter war es gewesen und deren Mutter auch, und deshalb schmeckte ich es immer zuerst.

Als wir an der Neunzehnten ankamen, kippte das Licht. Noch sah man es kaum, aber es war ein Vorbote wie der Rost. Sechsundvierzig warteten schon auf uns, sie standen in Reih und Glied vor dem Eingang, so wie sie es immer taten. Sie hielten sich zum Teil an den Händen, Kinder waren auf den Armen ihrer Eltern. Niemand klagte, niemand rief etwas, alle wussten, was zu tun war.

Bewe schlug das Buch auf und begann, die Namen vorzulesen. Ein Mann ließ seine Frau los, noch bevor sie ihren Namen ganz gehört hatte. Sie ging hinein und stieg die wenigen Stufen nach unten, ohne sich nach ihm umzudrehen. So ging das immer, man verabschiedete sich vorher oder gar nicht.

Von unten hörten wir die Ketten, Eisen, das rasselte, an den Enden Manschetten aus Fischhaut, die in Lagen genäht dem Träger halbwegs Komfort boten. Die Neunzehnte hatte gute Manschetten, niemand rieb sich hier die Haut bis auf die Knochen auf. Ich hatte darüber nie wirklich nachgedacht, bis ich einmal eine Halle sah, in der man sich Faserbänder um die Handgelenke wickelte, weil es nichts anderes gab.

Ich zählte innerlich mit. Sallik arbeitete schnell, das tat er immer. Schnelligkeit war für uns geboten, die Ostrunde war nicht so lang wie die Westrunde, trotzdem sollten wir nicht bummeln. Kirre nickte ihm zu, als er nach oben kam, sie war es, die den Riegel mit einem Knirschen in die Verankerung schob. Ich war es, die den Schlüssel herumdrehte. Ich prüfte den Griff, so wie immer, dann folgte ich den anderen.

Bei der Achtzehnten blickten wir gleichzeitig nach oben auf das Dach, noch immer war das Loch nicht richtig geschlossen worden. Schwere Steine hielten Bretter an Ort und Stelle, einer der Steine war in die Kammer gefallen und lag nun dort. Es war beim letzten Gelbring passiert, ein Unwetter hatte das Dach beschädigt, doch wir sagten nichts dazu. Es war nicht unsere Aufgabe, unsere Aufgabe war die Tür.

Bei der Sechzehnten fehlte ein Kind. Die Mutter schrie, und Kirre schrie zurück, dass sie damit aufhören sollte. Doch sie hörte nicht auf. Ich stand daneben und spürte förmlich, wie mir das Schreien durch den Körper fuhr. Ich wollte, dass sie still war. Ich wollte es so sehr, dass ich einen Schritt auf sie zu machte, bevor ich es überhaupt kontrollieren konnte. Mein Blick ging kurz zum Himmel, ich wusste, woher es kam. Die Stunde der Kraft würde bald anbrechen, wir mussten uns beeilen.

Die Menschen gingen nach unten, während die Mutter flehte und um ihr Kind weinte. Es war Sallik, der es fand. Versteckt hinter einem Wasserfass. Es war noch ungezählt, es stand in keinem Buch. Ich sah auf das Kind, das sich an seine Mutter klammerte und nicht wusste, warum es so notwendig war, dort hinein zu gehen. Es würde lernen oder sterben, wie wir alle. Endlich konnten wir auch dort die Türe schließen. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Bewe etwas in ihr Buch eintrug. Sie machte das seit Jahren so, und niemand dankte ihr dafür, denn auch wenn das Kind ungezählt war, war es nun vermerkt.

Als wir an der Vierzehnten ankamen, kam die Kraft. Es kam wie immer ohne wirkliche Vorankündigung, ab jetzt würden die Dinge nur noch schwerer. Ich hob eine Bank an, die ich sonst nicht alleine hätte heben können. Ich stellte sie ab, mein Blick schärfte sich, da war ein Riss in der Wand, den ich vorher nie hatte sehen können. Bewes Kleid schärfte sich im Muster, und die Luft roch auf einmal anders. Ich griff nach der Tür, um sie zu öffnen, sie war leicht, und gleichzeitig traten die Adern meiner Haut noch deutlicher hervor, das Grün schimmerte fast wie ein Smaragd. Alle Farben nahmen zu, die Kraft kam, und wir mussten schneller werden.

Kirre sah mich an, doch ich schüttelte nur kurz den Kopf, ich hatte es im Griff. Die Kraft war etwas, das wir alle kannten, doch ich konnte es manchmal kaum glauben, und das war der Punkt: „Er hat die Kraft bekommen und ist rausgegangen …“ Diesen Satz beendete niemand von uns, denn es war ein Satz ohne Wiederkehr. Manchmal fand man im Frühjahr die Reste, dann begrub man sie, ohne je zu wissen, wer es war. Ich schüttelte die Gedanken ab, denn wir mussten weiter.

Die Elfte empfing uns. Unruhe herrschte dort, ein junger Mann diskutierte mit seinen Mitmenschen, er wollte in die Neunte, weil sein Bruder dort war. Kirre hörte ihm zu, bis er fertig war, und sagte dann: „Du gehst runter, oder du bleibst hier oben, deine Wahl.“ Er sah Kirre einen Moment an, dann ging er nach unten. Er sprach dabei, doch wir zwangen niemanden, jeder konnte seine Wahl selber treffen. Wir schlossen ab, was sich abschließen ließ, und was oben blieb, blieb oben.

Die Neunte gehörte eigentlich nicht zu uns, sie gehörte zur Westspirale, aber sie war weit größer. Heute lief Orrun diese, er war allein. Deswegen nahm Kirre sie an unser Ende mit, das passierte, und ich hinterfragte es so wenig wie sonst. Als wir jedoch ankamen, war dort niemand. Die Halle war leer, die Ketten mit den Fischmanschetten hingen offen in Reih und Glied, jemand hatte sorgfältig den Boden gekehrt. Ein fast fremder Geruch stieg mir in die Nase, meine Haut kräuselte sich leicht, während mein Blick über die leeren Reihen ging. Kurz schoss mir wie ein Blitz der junge Mann aus der Elften in den Sinn. „Gehen wir“, hörte ich Kirre sagen. Ich sah noch einmal kurz auf den Schlüssel in meinen Fingern, das Grün war noch deutlicher geworden, wir mussten zurück. Ich hinterfragte nicht, die Dinge waren, wie sie waren. Ich drehte den Schlüssel noch einmal in meinen Fingern, dann schloss ich ab. Es war meine Aufgabe, also tat ich sie.

Ein letzter Blick auf die Tür, dann folgte ich den anderen. Wir waren spät. Als wir ankamen, drehte ich mich noch einmal um und blickte gen Osten, der Himmel färbte sich kupfern, es war Zeit. Meine Hände umfassten die letzte Tür, die ich nun schloss, sie klickte leise, als sie einrastete.

002

Die letzte Runde 2

Kathy · 18.08.2026

Der Geruch in unserer Ankerhalle war schwer und würzig; wie jedes Mal hatte jemand Gewürze verbrannt, damit es nicht nach uns roch. Wir taten das immer, aber es hielt nie länger als einen Tag, dann verflüchtigte sich der Geruch in die Wände. Die Lampen brannten in ihren Nischen, hinter schweren Eisengittern, geschützt vor unseren Händen. Es sah aus wie immer: ein Raum, der uns die nächsten Tage Schutz gab und der für mich gleichzeitig eine Art Zuhause war.

Ich legte den schweren Riegel vor die Tür, schob den Splint hindurch und befestigte das große Schloss. Es rastete mit einem deutlichen Laut ein. Ein letzter Blick auf den Schlüsselbund, der klimperte, dann legte ich ihn zu den anderen in die Kiste. Die Kiste stand auf einem Sockel, hoch genug, dass niemand von uns sie im Sitzen je erreichen würde.

Die zehn Stufen reichten, um jedem von uns klarzumachen, dass es keine Chance gab. Es war unerreichbar — nur nicht für die beiden, die dort neben mir standen. Kurz lächelte ich ihnen zu, ehe ich die zehn Stufen hinunterging. Langsam, gemessen. Die Kraft war immer noch in mir, aber ich hatte sie gut im Griff.

Ich setzte mich, zweite Bank, dritter Ring, jedes Mal derselbe Platz. Ich spürte, wie die warme Fischhaut sich um meine Gelenke legte, während ich sie schloss, erst links, dann rechts, mit dem Daumen. Die Kette war so kurz, dass meine Hände zwischen meinen Knien lagen. Nicht gerade bequem, aber es war so gedacht, und es war wichtig.

Die meisten Roten ging es gut. Man saß, man redete, und wenn einer oder eine gereizt wurde, dann redete jemand anders weiter, bis es vorbeiging. Irgendwann in diesen Tagen kippte aber immer einer. Es passierte öfter, als man dachte, und immer bei jemandem, bei dem man es nicht erwartet hätte. Dafür war die Kette da, für die Viertelstunde, in der ein Mensch nicht mehr er selbst war.

Bewe erhob ihre Stimme, öffnete das Buch und begann mit den beiden Bewahrern. So war es schon immer gewesen, und so würde es immer sein. Sie sprach den ersten Namen.

„Nissa."

„Nissa. Sechsundfünfzig."

Sie antwortete mit dem Stolz von jemand, deres schon oft gesagt hat. Sechsundfünfzig bedeutete, dass sie noch vier oder fünf Rote hatte, wenn das Glück mit ihr war. Dann würde ihr Grün zu dunkel sein, und sie ginge mit uns die Stufen.

„Boll" lautete der nächste Name. Es dauerte, und es kam so leise, dass wir es kaum hören konnten. Die Nervosität durchdrang förmlich den Raum. Bewe lächelte und fragte noch einmal nach. Jetzt platzte es laut aus ihm heraus.

„Boll, siebenundzwanzig!"

Ein paar von uns lächelten. Wir alle erinnerten uns an dieses erste Mal, als wir unsere Zahl in den Raum gerufen hatten, als sie noch so klein war und wir stolz auf sie. Siebenundzwanzig. Er hatte also seine erste Rote hinter sich, seit er laufen konnte. All die anderen hatte er verschlafen, wie die meisten Kinder, ohne zu wissen, warum wir unter der Erde waren. Jetzt aber saß er neben Nissa auf dem Sockel und würde es wissen.

Nur die beiden Bewahrer sagten ihre Zahl, wir anderen nicht. Warum auch — es hatte keinen Sinn mehr, wenn man einmal die zehn Stufen gegangen war. Man zählte für sich, und wenn jemand fragte, wie viele man gesehen hatte, dann antwortete man oder eben auch nicht. Die Zahl sagte nichts mehr aus, als dass man immer noch am Leben war.

Ich sah, wie Nissa und Boll nun aufstanden. Boll griff nach Nissas Hand, seine Wangen glühten rot vor Aufregung, und wieder kam ich nicht umhin, daran zu denken, wie es für mich gewesen war, das erste Mal diesen Satz zu sagen, der alles für sie bestimmte.

„Wer bittet, wird nicht gehört. Ich schließe auf, wenn die Sonne vergangen ist."

Ich hatte sechsundzwanzig Rote gesehen, als ich das erste Mal dort oben saß. Meine Mutter saß unten, zweite Bank, zweiter Ring. Ich sah es noch vor mir, auch wenn sie längst nicht mehr da war. Ich hörte ihre Stimme, als sie am dritten Tag zu mir sagte, ich solle aufschließen. Ihr Ton war warm gewesen. Sie sagte, es sei ein Irrtum, ich solle kein dummes Kind sein, es sei längst vorbei und wir könnten hinaus. Ich hatte damals nicht geantwortet, wie ich es nie getan habe. Denn wer antwortet, der verhandelt schon; das ist der Sinn dieses Satzes, den wir lernen und der für uns Ehre und Pflicht zugleich ist.

Das eigentlich Merkwürdige war, dass wir danach nie wieder darüber gesprochen haben. Was hinter dem Riegel passierte, blieb dort. Es gab keine Aussprache, es gab kein Gespräch, obwohl wir beide wussten, was geschehen war. Es war das Erste, was ich über den Riegel lernte: dass man sich erinnert und trotzdem so tut, als sei nie etwas gewesen — und dass alle mitmachen.

Bei einundsechzig ging ich die Stufen, hinunter auf den Platz, auf dem ich jetzt saß und auf dem Bewes Stimme an mein Ohr drang, während sie die einzelnen Namen aufrief. Ich erinnerte mich, dass bei diesem ersten Mal niemand etwas Feierliches sagte. Man saß einfach da und legte sich zum ersten Mal selbst die Manschetten an, und oben saß jemand, den man selbst angelernt hatte. Es war der Moment, in dem man verstand, wie wenig zwischen den beiden Plätzen lag und gleichzeitig wie viel.

Ich hörte die Namen, die Antworten, dann war ich dran. „Marreke", sagte Bewe, und ich antwortete mit einem „Ich bin hier", und schon ging es weiter. Ich sah, wie Boll von einem zum anderen schaute, und dachte daran, wer es wohl sein würde, der dieses Kind in ein paar Stunden, Tagen, Minuten, wann auch immer, anbetteln würde, damit er aufschloss. Er würde erst dann begreifen, dass diese Person es nicht selbst war.In dieses Spiel aus Namen und Antworten fiel die Stille, die einen erfasst. Denn nun rief Bewe einen Namen auf, von dem wir wussten, er würde nicht hier sein. Wir alle wussten es.

„Orrun."

Es gab kein Raunen, es gab kein Tuscheln. Jeder von uns hatte längst gezählt und wusste, welcher Platz leer war. Wir hätten zweiunddreißig sein müssen, aber wir waren einunddreißig. Bewe wiederholte den Namen, wie es Brauch war, und noch ein letztes Mal, dann strich sie ihn mit dem Stift durch.So einfach und doch so grausam. Der Ankerraum war verschlossen; wer jetzt nicht hier war, würde nicht überleben. Das wussten wir alle, und für uns alle war das die Normalität des Seins. Als der letzte Name aufgerufen war, übergab Bewe das Buch an Nissa, die es zur Seite brachte. Ich spürte, wie die Bank sich senkte, als Bewe sich setzte. Unsere Blicke trafen sich, während auch sie sich die Manschetten umlegte.

Kurz schien es, als wäre die Stille fast zu laut, ehe Kirre es aussprach. „Die Neunte war offen. Die Ketten hingen in Reih und Glied, der Boden gereinigt, und niemand hatte dort gewartet."Es war eine Information, die wir alle aufnahmen. Wir alle wussten, es kam vor. Was auch immer die Menschen bewog, was Orrun bewogen hatte. Es gab keine Schuldzuweisung, kein Nachdenken; jeder entschied selbst, und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Erst nach einigen Minuten, in denen Boll und Nissa es sich oben bequem gemacht hatten, forderte eine Stimme: „Erzählt die Geschichte von der Zwölften." Ich sah, wie Boll neugierig die Ohren spitzte. Es gab lange keine Zwölfte mehr, aber es gab ihre Geschichte. Jeder von uns kannte sie, und jeder wollte sie trotzdem hören. Wir schrieben nicht; das tat nur Bewe in ihr Buch.

Die Schrift gehörte dem Orden. Was wir wussten, wussten wir, weil wir es uns hinter dem Riegel erzählten und ein Kind danebensaß und es hörte. Es war Kirre, die zu erzählen begann. Ihre Stimme war ruhig und lag über uns, während draußen die rote Sonne am Himmel stand und in jedem Ankerraum die Dinge ihren Lauf nahmen.

003

Haus Jantro 1

Jon · 19.08.2026

Im Morgengrauen

(Szene: Herrenhaus Jantro, Achaion. Früher Morgen. Erzählt von der Dienerin Lori)


Ich spürte den Läufer im Obergeschoss des Ostflügels wie stets flauschig unter meinen nackten Fußsohlen. Er begann dicht am Treppenabsatz und führte den Gang rechts herunter vorbei an den Gemächern seiner Lordschaft, den Gemächern seiner beiden Schwestern, die noch hier im Hause lebten, den gemeinsamen Gemächern der Herrschaften bis hin zu den Privatgemächern von Lady Candris.

Natürlich gab es Stellen im Teppich, die dünner geworden waren im Laufe der Zeit, aber nicht so dünn, dass man es sehen konnte, denn dann wäre er längst auf Geheiß von Madame Balusz, der Hausdame und strengen Gebieterin über uns Dienerinnen, ausgetauscht worden. Und das, bevor Lady Candris überhaupt hätte bemerken können, dass der Läufer abnutzte. Ich kannte jede kahle Stelle darin, hatte sie kennengelernt in der Zeit, die ich nun bereits im Hause Jantro diente. Bei der ersten Tür, hinter der der Salon lag, in dem Lord Kael Gäste zu empfangen pflegte, war er schon so dünn, dass ich kurz dachte, hier musste Madame Balusz bald tätig werden.

Vor den Türen von Lady Verain und Lady Roshwen, die beide gerade noch jung genug waren, noch hier zu sein und zugleich alt genug, allmählich verheiratet zu werden, wie es in Achaion üblich war, lag der Läufer noch dick auf dem Boden. Kaum jemand betrat die Gemächer der beiden Frauen und diese verließen diese nur zu selten.

Ich trug keine Schuhe, Dienerinnen trugen im Haus keine Schuhe und auch außerhalb dessen nur dann, wenn es absolut nötig war. Ich mochte das, weil es angeblich Häuser gab, in denen das Barfußgehen als unschicklich galt, und es deswegen die Andersartigkeit des Hauses Jantro betonte. Und ich mochte diese Andersartigkeit, wenn sie denn wirklich existierte, denn ich hatte ja keinen Vergleich und kannte nur vom Hörensagen, dass es in den anderen Hohen Häusern durchaus anders zugehen konnte. Diente ich gerne hier? Diese Frage war gar nicht so leicht zu beantworten und eigentlich stellte sie sich auch nicht, denn es war ja nicht so, dass ich eine Wahl gehabt hätte. Ich war eine Dienerin, eine Sklavin, Eigentum, ich gehörte dem Haus Jantro mit Haut und Haaren.

Ich erreichte die letzte Tür am Ende des Ganges, blieb stehen und überprüfte noch einmal mein Kleid. Es war grau und saß wie es eben saß: sehr schlicht, ärmellos und kurz, als wollte man nicht zu viel Stoff für die Kleidung einer einfachen Dienerin ausgeben. Es war dasselbe Kleid, das Dutzende andere Frauen in diesem Haus zu tragen hatten. Meine Haare trug ich in einem strengen Zopf, den ich wie jeden Morgen beim Fertigmachen für den Tagesdienst im Halbdunkeln geflochten hatte. Mein Haar war lang, schwarz und glänzend, eine Dienerin des Hauses Jantro hatte nicht verwahrlost auszusehen, also wusch ich es öfter, als ich wohl eigentlich sollte. Ich flocht es stets strenger, als es eigentlich nötig gewesen wäre, aber eine gelöste Strähne vor den Augen von Madame Balusz konnte mir eine Menge Ärger einhandeln, genauso wie abgeknabberte Fingernägel oder dergleichen. Lady Jantro mochte gnädiger sein und über so etwas hinwegsehen, Madame Balusz war es nicht. Auf meiner Haut, tiefgrün und im Halbdunkel fast schwarz, saß rechts am Hals das hellere Narbengewebe: das Wappen des Hauses Jantro, unterhalb des Ohrs eingebrannt, dort, wo es bei jeder von uns saß. Der Zopf hätte es verdeckt, wenn man ihn über die Schulter legen würde, aber eine Dienerin legte ihn nicht über die Schulter, zumindest keine, die den Rohrstock von Madame Balusz nicht spüren wollte. Ich hatte einmal zu Beginn meiner Dienerschaft Bekanntschaft damit gemacht und eine der Striemen sah man noch immer auf der grünen Haut meines Hinterns.

Vor der Doppeltür standen wie immer die beiden Gardisten der Hauswache. Es standen immer zwei von ihnen dort, in jeder Stunde, in der die Lady im Haus war. Ich kannte ihre Gesichter, schließlich durfte nicht jeder Gardist vor dieser Tür Wache stehen, aber nicht ihre Namen. Links stand der Ältere mit grauem Bart und dem Karabiner über der linken Schulter, rechts der Jüngere, der so gerade stand wie nur Gardisten standen, die noch glaubten, dass jemand hinsah. Was nicht so war, es reichte, sich grade hinzustellen, wenn jemand Hochrangiges nahte, wobei Obrist Imslur weitaus strenger war als Lord Kael selber.

Ich blieb im vorgeschriebenen Abstand stehen, wartete bis der Ältere den Kopf hob und mich ansah. Er sagte nichts, diese Männer sagten selten etwas, wenn es nicht sein musste.

„Eine Gesandte der Roten Ketten ist am Tor", sagte ich leise, wie es sich gehörte. „Sie wünscht die Lady zu sprechen."

Der Graubärtige nickte knapp, als sei die Ankunft einer Roten Kette ein vollkommen normales Geschehen, und sah wieder geradeaus. Der Jüngere zog den rechten Flügel auf, gerade so weit, dass ich hindurchpasste, und blieb dabei einen Schritt näher stehen, als er gemusst hätte.

„Du bist heute die Erste, die hier hochkommt", flüsterte er mit einem wirklich schönen Lächeln. „Und mit Abstand die Hübscheste."

„Natürlich ist das so, wenn ich die erste bin", gab ich zurück und verdrehte innerlich die Augen. Die jüngeren Gardisten versuchten immer wieder, mit uns Dienerinnen zu flirten, vor allem mit mir, weil ich hübsch genug war, eine Huri werden zu können, aber außer meinem Äußeren kein Stück dazu taugte. Das hatte natürlich auch Lady Jantro erkannt und mich gar nicht erst dafür vorgesehen.

„Soso", machte er und grinste nun etwas dümmlich, als hätte er meinem Scherz nicht verstanden. „Ich steh hier übrigens noch bis zum Mittag, aber dann hab ich frei."

„Dann viel Vergnügen beim freien Nachmittag", lächelte ich angedeutet, senkte den Blick und ging an ihm vorbei hinein. Ich wusste genau, dass er mich ansah und wie er mich ansah, obwohl ich ihn nicht ansah. Es hätte mich nichts gekostet, etwas nett zu ihm zu sein, aber auf seine Avancen näher einzugehen, konnte mich sehr viel kosten. Flirten und ähnliche Liederlichkeiten oder gar Sex war uns Dienerinnen absolut verboten und auch wenn Madame Balusz diese Regel nicht erfunden hatte, so stand sie doch nahezu begeistert dahinter. Dem Gardisten würde nicht viel passieren, vielleicht bekam er eine Rüge vom Obristen, mir aber drohte etwas, worüber im Haus nicht offen gesprochen wurde, weil es angeblich zu hässlich war, um darüber zu reden. Dienerinnen waren tabu und das war eine der wenigen Regeln im Haus Jantro, die nicht weicher war als anderswo, sondern härter.

Der große Salon der Lady lag im Halbdunkel. Die Vorhänge waren zugezogen aber nicht ganz geschlossen, durch einen Spalt kam der erste graue Streifen von draußen herein und legte sich quer über den Teppich, ohne irgendetwas wirklich zu erhellen. Auf dem niedrigen Tisch standen die Reste des Abends, Gläser mit Lippenstift an den Rändern, eine leere Karaffe und eine Schale mit Nüssen. Die Sessel standen schief, halb zueinander gedreht, so wie Leute sie stehen lassen, die nicht daran denken, wer sie am Morgen wieder gerade rückt. Es roch nach kaltem Rauch und dem schweren, süßen Öl, das die Lady in den Lampen brennen ließ.

Ralaya stand mitten im Raum, längst vollständig angekleidet, und das Haar sehr ordentlich hochgesteckt, wie es sich für die Hauptzofe von Lady Candris geziemte. Sie stand da offenbar schon seit einer ganzen Weile. Ich war sowieso überzeugt davon, dass Ralaya überhaupt niemals schlief, sondern sich irgendwann hinlegte und wieder aufstand, sobald im Haus etwas geschah. Als Zofe der Lady stand sie über jeder von uns, und sie ließ das niemanden vergessen, ohne je die Stimme zu heben. Sie tat es nun allein dadurch, dass sie wartete, bis ich etwas sagte.

„Ralaya", sagte ich respektvoll und neigte den Kopf dennoch etwas weniger tief als vor den Gardisten, auch wenn sie in der Hierarchie über mir stand, so war sie am Ende doch eine Dienerin.

„Lori?" sagte sie fragend und sah mich durchdringend an.

„Eine Gesandte der Roten Ketten ist am Tor. Sie wünscht Lady Candris zu sprechen", sagte ich und war sehr sicher, dass Ralaya an der Tür gelauscht hatte, und längst wusste, was ich wollte. Ja, das wusste ich, und sie wusste, dass ich es wusste. Trotzdem stand ich jetzt hier und musste mein Anliegen zum zweiten Mal vorbringen, was wie immer ein bisschen Ärger in mir aufsteigen ließ, der aber auch schnell wieder weg ging, so wie immer. Es hatte keinen Zweck. Das war die Ordnung des Hauses und die mochte hier weicher sein als anderswo, aber sie war doch da.

„Zu dieser Stunde?" wollte Ralaya wissen, aber es klang nicht wie eine Frage, sondern mehr wie eine Empörung darüber, dass jemand es wagte, ihre Herrin in aller Frühe zu stören. Und sie ließ es so klingen, als sei ich daran schuld, weil ich so unverschämt war, diese Nachricht der Lady auch noch überbringen zu wollen.

„Sie sagt, sie sei angekündigt", erwiderte ich leise und unterdrückte meinen Ärger, der schon wieder aufsteigen wollte. Ralaya saß am längeren Hebel und wenn sie sich bei Madame Balusz über mein Betragen beschwerte, bekam ich den Rohrstock zu spüren, nicht sie.

In ihrem Gesicht veränderte sich etwas und ich musste ein Grinsen unterdrücken. Ganz offensichtlich wusste Ralaya nicht, dass dieser Besuch angekündigt war, weil Lady Candris es ihr nicht gesagt hatte, was sie wurmte, weil sie der Ansicht war, sie müsste als Hauptzofe doch über alle Termine ihrer Herrin Bescheid wissen. Und die Roten Ketten schickten keine Gesandten ais Höflichkeit. Wenn eine von ihnen bei Tagesanbruch am Tor stand und die Lady zu sprechen wünschte, dann ging es um Ware. Und Ware hieß in diesem Fall: neue Mädchen. Das war die Zuständigkeit der Lady. Der Lord kaufte andere Dinge und machte Verträge, aber die Frauen kaufte Candris Jantro, jede einzelne, seit sie Lady dieses Hauses war, und sie sah sich alle selbst an.

Ich wusste das nur zu gut. Vor weniger als einem Umlauf von Talvenn um die Sonnen hatte ich nackt in einem der engen Käfige der Roten Ketten gestanden, die Handgelenke über dem Kopf an die Stäbe gebunden, damit man mich ansehen konnte, ohne dass auch nur ein kleines bisschen von mir verdeckt geblieben war. Und die Frau, die irgendwann davor stehen geblieben war, war Lady Candris gewesen.

Ralaya ging zur inneren Tür, legte die Hand auf die Klinke und drückte sie langsam herunter, damit das Schloss nicht schnappte. Es war die Tür, hinter der der Raum lag, den wir untereinander das Lustzimmer der Lady nannten, nie laut, nie im Beisein einer Zofe, aber jede Neue hörte den Ausdruck in der ersten Woche und danach benutzte ihn jede.

Der Geruch kam mir entgegen, bevor ich etwas sah. Kalter Rauch, süßer Wein, heruntergebranntes Kerzenwachs und darunter warm und dicht der Geruch von Menschen, die eine Nacht lang zu viert in einem Bett gelegen und davor jene Dinge getan hatten, die mir untersagt waren.

Das Zimmer war sehr groß und dennoch reichten seine Ausmaße gerade eben aus, um das riesige Himmelbett in der Mitte zu beherbergen. Es hatte vier gedrechselte Pfosten aus dunklem Holz, die schweren Vorhänge aus Samt waren an allen Seiten zurückgeschlagen und an den Pfosten festgeschlungen. Auf den Nachttischen sah ich die Überreste der Nacht, vier leere Flaschen teuren Sorana-Weins, eine davon umgekippt und einen dunkelroten Rinnsal hinterlassend, vier Gläser wie im Salon, drei mit Lippenstift daran, eines ohne, das auf dem Boden neben dem Bettpfosten stand. Der große Aschenbecher aus grünem Glas war voll bis über den Rand mit Kippen der Zigarillos, die Lady Candris rauchte, und der Zigarren, die Lord Kael bevorzugte, und beides teilten sie beide in solchen Nächten nur zu gerne mit den Huris, mit denen sie sich vergnügten. Wie auch den Wein und ihre Körper. In einer Schale mit Obst lagen angebissene und dann vergessene Früchte, auf dem Boden lagen die leichten und doch teuren Kleider, die Huris hier im Haus trugen, über einem stummen Diener achtlos hingeworfen das Gewand von Lady Candris und darauf seltsam ordentlich drapiert Hemd, Hose und Weste des Lords.

Im Bett schliefen noch alle vier. Lord Kael lag auf der Seite zum zugezogenen Fenster, ein Arm unter dem Kissen, das Gesicht in die Armbeuge gelegt, neben ihm Lady Candris ebenfalls auf der Seite, den Oberkörper an seinen Rücken geschmiegt. Mancui, die Lieblingshuri der beiden, hatte ihren hochgewachsenen Körper quer über das halbe Bett verteilt, wie immer, wenn sie hier schlief. Ihr langes helles Haar mit dem grünlichen Schimmer hatte sich aus dem Band gelöst und über das Kissen ergossen, auf dem ihr schönes Gesicht ruhte. Die Decke hatte sie im Schlaf bis zur Hüfte hinuntergeschoben und auf ihrer rechten, vollen Brust prangte deutlich sichtbar über der dunklen Brustwarze das Wappen des Hauses Jantro. Yaizrun schlief wie eine Katze zusammengerollt am äußersten Rand des Bettes und nahm so wenig Platz ein wie möglich. Sie war noch nicht lange im Haus und hatte noch nicht begriffen, dass ihr hier niemand etwas tat, solange sie gehorchte und das tat, was eine Huri eben zu tun hatte.

Ralaya blieb an der Tür stehen, es war an mir, Lady Candris die Ankunft der Roten Kette mitzuteilen, nicht an ihr. Und sie war klug und erfahren genug, sich aus Dingen herauszuhalten, die nicht die ihren waren. Ich ging drei Schritte ins Zimmer, blieb stehen und räusperte mich nicht. Ein Räuspern hätte so geklungen, als würde ich zögern und womöglich dazu geführt, dass man mich zunächst einmal ignoriert hätte.

„Milady, verzeiht", sagte ich stattdessen nicht allzu laut, aber deutlich.

Candris Jantro hob den Kopf und drehte ihn etwas zu mir, sie war halbwach und sehr offensichtlich nicht ganz nüchtern nach dieser Nacht. Ihr dunkelbraunes Haar war völlig zerzaust und sie bekam scheinbar die Augen kaum auf.

„Lori, was willst du zu dieser Stunde hier", sagte sie mürrisch. Sie war am Morgen und zwar noch am deutlich späteren Morgen oft mürrisch, für sie begann der Tag in etwa gegen Mittag. "Was ist so wichtig, dass du mich zu dieser furchtbaren Zeit weckst?"

„Verzeiht, Milady", sagte ich ehrerbietig. „Eine Gesandte der Roten Ketten steht am Tor. Sie wünscht Euch zu sprechen, Milady. Sie sagt, sie sei angekündigt."

Die Lady sah einen Moment lang an mir vorbei zur Tür. Dann setzte sie sich mit einer grazilen Bewegung auf und schien plötzlich wach. Ich sah ihren entblößten Oberkörper und auch auf ihrer rechten Brust war l das Wappen des Hauses Jantro eingebrannt.

„Angekündigt", sagte sie und rieb sich die Augen. „Ja. Für heute Vormittag."

Neben ihr murmelte der Lord etwas ins Kissen, das kein Wort war, zumindest verstand ich es nicht. Sie legte ihm im Aufstehen kurz die Hand in den Nacken, ohne hinzusehen, so wie man jemanden berührt, mit dem man vertraut war.

„Schlaf weiter, Kael. Sie will nicht zu dir", sagte Lady Candris, erhob sich vom Bett, stand kurz vollkommen nackt mit ihrer blassgrünen Haut vor mir und schlüpfte dann in den Morgenmantel, den Ralaya ihr hin hielt.

Mancui zog sich die Decke höher über die Schulter und drehte sich weg, als ginge sie das alles nichts an und ich bewunderte einen kleinen Moment diese Ignoranz des Alltäglichen, die Huris oft an sich hatten. Yaizrun dagegen atmete zu offensichtlich für jemanden, der noch schlief, aber sie hielt die Augen geschlossen, als ob sie abwarten würde, was für ein Morgen das wohl werden konnte. Schlaues Mädchen, hätte ich an ihrer Stelle genauso gemacht.

„Wo ist die Kette, Lori?" fragte Lady Candris grimmig.

„Noch am Tor, Milady“, erwiderte ich. „Die Wache hat sie natürlich nicht eingelassen."

„Gut", nickte sie, strich sich das Haar aus dem Gesicht und sah dabei zum Fenster, hinter dem es kaum heller wurde. „Dann lass sie herein und bring sie in den kleinen Salon. Da wurde seit Tagen nicht geheizt, und die Stühle sind von der nicht besonders bequemen Sorte. Wer bei Tagesanbruch kommt, obwohl er für den Vormittag geladen ist, soll sich hier nicht entspannt einrichten."

„Sehr wohl, Milady", sagte ich und senkte respektvoll den Kopf.

„Und sag ihr bloß nicht, dass ich noch im Bett war", fügte Lady Candris hinzu. „Und jetzt ab mit dir."

„Natürlich nicht, Milady", bestätigte ich, neigte den Kopf und ging rückwärts bis zur Schwelle, wie ich es gelernt hatte. Im Hinausgehen hörte ich hinter mir die Lady etwas sagen und dazu ein Lachen von Mancui, das noch halb nach Schlaf klang. Ralaya schob mich aus dem Raum und schloss die Tür, bevor ich mehr davon verstehen konnte.

Ich ging durch den Salon, dann an den Gardisten vorbei, die mich jetzt nicht ansahen, und hüpfte schließlich die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal, weil um diese Zeit noch niemand da war, der es mir verbot. Ich würde nun zum wachhabenden Offizier der Hausgarde gehen und ihm sagen, dass die Kette von Lady Candris empfangen werden würde und also hinein durfte. Damit war die Sache für mich dann erledigt, weil man es natürlich nicht einer Dienerin überließ, einen solchen Gast auf das Anwesen zu begleiten. Viel zu gefährlich, einer Kette war nicht zu trauen, so wie den meisten Besuchern von außerhalb Achaions nicht zu trauen war.

Einen Moment dachte ich daran, wie nun wieder Mädchen irgendwo draußen in der Stadt in einem Lager der Ketten darauf vorbereitet wurden, in diesen Käfigen auf dem Markt ausgestellt zu werden, nackt und die Arme über dem Kopf. Wer in die Hände der Ketten geriet, war nur noch Ware. Ich kam unten an und die letzten Steine der Treppe war kalt unter meinen Füßen, so wie jeden Morgen...

Festland, Geschichte, Boll, Nissa, Marreke
004

Die Geschichte der 12ten

Kathy · 21.08.2026

Es war ein seltsames Gefühl, das sich über mich legte. Ich hatte Kirre diese Geschichte schon viermal erzählen hören. Das erste Mal saß ich selbst wie Boll dort oben. Ich erinnerte mich an die Wörter und an das Gefühl; es war etwas, wovor ich mich anfangs auch gefürchtet hatte. Denn die Geschichte hatte kein gutes Ende.

Kirres Worte waren dieselben wie immer, wir veränderten sie nicht. Sie hatte es von Terve gelernt und Terve von jemandem davor. Der Wortlaut blieb, vielleicht einmal ein Wort zu viel oder zu wenig, aber das war höchst selten. Wir schrieben nichts auf, dafür reichte die Zunftschrift nicht. Sie reichte, um das Buch zu führen. Alles andere hielt sich, weil wir es hinter dem Riegel erzählten.

Boll hatte auf seinem Platz oben aufgehört, mit dem Riemen an seinem Ärmel zu spielen. Er hörte zu, und wir alle sahen, wie konzentriert er war. Nissa sah geradeaus, sie hörte die Geschichte nun zum zweiten Mal, ihr Blick war auf die Lampen hinter den Gittern gerichtet, während Kirre weitererzählte.

„In der Zwölf waren damals vierunddreißig und ein Bewahrer, damals war es nur einer in jeder Ankerhalle. Es war der dritte Tag, und dort passierte etwas, das wir uns seitdem erzählen. Es ist wichtig, dass du gut zuhörst und verstehst, Boll."

Die Warnung erfasste uns irgendwie alle, aber niemand schien abgelenkt oder gar genervt. Wer konnte, hatte sich in Richtung Kirre gedreht und es sich bequem gemacht.

„Niemand weiß mehr, warum und wieso es passiert ist. Vielleicht ist die Lampe gefallen, hat der Halter nachgegeben, oder es war einfach ein Unfall. Die Lampe fiel auf das Stroh, das am Boden ausgelegt war, und das Feuer setzte eine der Bänke in Brand. Der Rauch zog über die Decke immer mehr in die Mitte. Die Bank brannte nicht gut, auch das Stroh nicht, aber der Rauch wurde bald zu dicht."

Ich sah, wie Boll die Hand an den Mund drückte, weil er sich vorstellte, wie es gewesen sein musste, wie wir alle es taten. Kirre erzählte es, als würde es gerade geschehen; ihre Stimme war nie zu sanft und nie zu hart, aber eindringlich.

„Die Menschen haben angefangen zu rufen, den Bewahrer anzuflehen, sie zu retten und sie herauszulassen."

Wie immer wurde mir an dieser Stelle kalt und klamm. Ich spürte förmlich, wie alles in mir schrie — tu es nicht —, aber es war jedes Mal diese Stelle, die eine Pause einleitete und eine unbehagliche Stille erzeugte. Jeder von uns war einmal Bewahrer oder Bewahrerin gewesen. Wir wissen alle, wie es klingt, wenn die eigenen Eltern, die Freunde, einem zurufen. Wenn sie bitten und flehen. Wir alle kennen das.

Kirre durchbrach unsere Gedanken, allein weil Boll es kaum noch auszuhalten schien.

„Das Kind nahm den Schlüssel. Er lag damals noch auf der Schwelle der Tür, nicht in der Kiste."

Boll warf einen Blick auf die Kiste, die neben ihm auf dem Sockel stand.

„Es musste sich nur bücken. Es nahm ihn von der Schwelle und schloss die Tür auf. Der Riegel fiel, und noch während der Rauch durch die Tür abzog, begann das Kind, die Manschetten zu öffnen, eine nach der anderen."

Boll stand von seinem Sitz auf. „Der Rauch. Das Kind." Er sah auf die Tür, dann zu uns. Niemand hielt ihn auf. Kirre sah ihn nicht an, sie sah auf ihre Hände, während sie weitersprach.

„Die siebenundzwanzig, die es aufgeschlossen hatte, sind nach draußen. Der Letzte rempelte das Kind um, sodass es schwer stürzte und mit dem Kopf aufschlug."

Boll öffnete den Mund, doch Nissa schüttelte nur sanft den Kopf, und so hörte er weiter zu.

„Die sieben, die das Kind nicht mehr aufschließen konnte, überlebten. Und das Kind, weil es zwischen den Bänken lag und niemand mehr hereinkam und sich für den Ankerraum interessierte."

Boll stand der Mund offen. Ich konnte sehen, wie hektisch er atmete, und wieder ging mir durch den Kopf, dass diese Geschichte eigentlich nicht für Kinder gedacht war. Aber sie war so notwendig wie die Ketten, die ich gerade trug.

„Draußen stand die Sonne im Zenit. Wie du weißt, ist es oft am dritten Tag am schlimmsten", sagte Kirre sanft. Doch sie ersparte ihm nicht, was wir alle schon gehört hatten. „Sie waren alle nicht mehr sie selbst, als sie oben ankamen. Was dort geschehen ist, weiß niemand. Man hat sie später gefunden, verstreut auf den Terrassen, in den Gassen und Wegen. Wir wissen, dass sie alle gestorben sind, weil sie sich gegenseitig gejagt haben."

Boll schluckte vernehmlich.

„Es war nicht die rote Sonne. Es waren die Menschen, die ihr erlegen waren und ihren Verstand verloren hatten."

Sie machte wieder eine Pause, in der Boll sich setzte und die Hände um die Knie schlang. Ich konnte so mit ihm fühlen; meine Finger spannten sich auch kurz an, gegen die Ketten. Ich sah, wie Bewe eine Träne vergoss, genau an der Stelle tat sie das eigentlich immer.

„In der Halle saßen die sieben Angeketteten im Rauch und haben es gehört. Sie hörten die Schreie, und sie hörten das Toben. Vier Tage dauerte es, bis die anderen Ankerhallen sie fanden. Das Feuer war da schon aus, nach der Bank gab es nichts mehr, auf das es hätte überspringen können. Der Ruß zeugte noch deutlich von dem, was passiert war. Niemand weiß bis heute, ob die sieben überlebt hätten, wäre die Tür geschlossen geblieben. Manche sagen, es wäre unmöglich gewesen, sie wären erstickt. Andere sagen, die offene Tür hat ihnen das Leben gerettet."

Sie hob den Kopf und sah zu Boll. „Beides kann stimmen. Es ist nie geklärt worden, und es wird nie geklärt."

Boll stand wieder auf und sah sie an, seine Stirn lag in Falten, und in seinen Augen glimmte die Geschichte noch nach. „Aber es hat doch das Richtige getan." Seine Stimme war die eines Kindes, das noch nicht ganz verstand. Ich hatte diese Frage schon oft gehört, weil sie einfach das Erste war, das einem einfiel.

„Ja", hörte ich Kirre sagen, fest und warm. Doch die Moral in ihrem nächsten Satz milderte auch das Ja nicht. „Es hat das Richtige getan, und es hat siebenundzwanzig Menschen umgebracht. Beides ist wahr. Darum sagen wir den Satz, den du heute gelernt hast."

Boll blickte sie lange an, dann wiederholte er ihn leise für sich. „Wer bittet, wird nicht gehört. Ich schließe auf, wenn die Sonne vergangen ist."

Eine Weile schwiegen wir alle, weil diese Worte für uns etwas bedeuteten.

Dann wandte Kirre sich wieder an ihn. „Wenn du in drei Tagen dort oben sitzt und dein Vater sagt dir, es sei vorbei, oder es brennt, oder er habe Schmerzen, dann kannst du nicht wissen, ob es so ist. Dann kannst du nicht wissen, ob es echt ist oder die rote Sonne." Wieder machte sie die kleine Pause. „Das Kind in der Zwölften hatte recht. Es hat trotzdem alle umgebracht, die es aufgeschlossen hat."

Bolls nächste Frage platzte fast in diesen letzten Satz hinein. Es war die Frage eines Kindes, dem sich der Sinn von Gehorsam gerade erschloss. „Und wenn es wirklich brennt?"

„Dann brennt es", sagte Kirre.

Boll rührte sich einen Moment nicht, ehe er den Kopf zu Nissa drehte, die nur nickte.

„Boll, das ist der Preis. Wir haben ihn ausgerechnet, und wir zahlen ihn seit langer Zeit. Damals blieben nur sieben und der Bewahrer übrig. Wenn niemand aufgeschlossen hätte, wären es im schlimmsten Fall vierunddreißig gewesen, die ersticken. Im wahrscheinlichsten Fall hätten aber alle vierunddreißig überlebt. Wir haben uns seitdem für das Wahrscheinliche entschieden."

Boll wiegte noch immer den Kopf, als wöge er ab, was er davon halten sollte. Seine Eltern waren beide hier, und sein Vater nickte ernst, als wollte er jedes Wort von Kirre unterstreichen. Auch seine Mutter nickte.

Das Nächste, was Kirre uns allen erklärte und was Boll lernen musste, war mir damals ziemlich merkwürdig vorgekommen. Ich hatte es lange nicht verstanden. Wirklich begriffen hatte ich es erst, als ich hier unten auf der zweiten Bank im dritten Ring gesessen hatte.

„Jedes Unglück ist eine Lehre, und seitdem ist es nicht mehr passiert. Die Lampen kommen hinter schwere Gitter. Es gibt niemals nur einen Bewahrer. Und es gibt seitdem den Satz — wir erklären die Dinge nicht mehr. Denn Erklärungen kann man auseinandernehmen. Wenn dir alle hier sagen, du liegst falsch, dann wirst du zweifeln. Der Satz aber lässt dich standfest sein."

Boll nickte langsam. „Und die Zwölfte, wir zählen sie nicht mehr."

Wieder nickten einige von uns, andere schwiegen einfach still vor sich hin.

„Die zwölfte Ankerhalle gibt es noch, sie wird jetzt als Wohnhaus benutzt. Niemand in diesem Raum, niemand weiß, wo sie stand. Die Geschichte überliefert es nicht."

Natürlich wurde die Halle als Wohnraum weitergenutzt. Gebäude waren wertvoll, gerade ein solches. Ich hatte mich selbst oft gefragt, welches Gebäude es war. Es gab viele, die Vermutungen hatten, aber einen Beweis hatte keiner von uns je gesehen.

„Warum aber gibt es keine neue Zwölf?", wollte Boll wissen.

Kirre lächelte ihn an und sagte leise: „Damit man beim Zählen kurz innehält, Boll."

Ich habe über diese Worte oft nachgedacht, oft auch darüber, ob das eine Antwort war oder ob sie nur nichts Besseres hatte. Manchmal glaube ich, es war eine. Denn wenn man keine Bücher hat, in die man Dinge wie diese Geschichte schreibt, dann ist eine Zahl das Einzige, was sich nicht verändert. Eine Zahl, die in unserem Gedächtnis tief verankert ist.

Boll überlegte noch, während wir alle zur Ruhe kamen, eine Ruhe, die diese Geschichte mit sich brachte und uns in Gedanken versinken ließ.

Ich erinnerte mich, dass ich damals gefragt hatte, wie das Kind hieß, das der Bewahrer gewesen war. Man sagte mir, man wüsste es nicht mehr. Ich hatte als Bewahrerin noch einmal gefragt, und die Antwort war dieselbe gewesen. Und doch glaube ich sie bis heute nicht.

005

Haus Jantro 2

Jon · 26.08.2026

Handelsgeschäfte

(Szene: Anwesen des Hauses Jantro, Achaion. Am frühen Morgen. Erzählt von Lady Candris Jantro)


Ich hasste diese Frühe, ich hatte sie schon immer gehasst, auch als ich noch im Westflügel gewohnt und niemand von mir nach einer langen Nacht verlangt hatte, dass ich um diese Zeit auch nur die Augen aufmachen sollte. Und ich hasste sie jetzt noch, wo ich Lady dieses Hauses war und es niemanden mehr gab, der mich zwingen konnte, sie zu mögen. Außer Kael natürlich, sein Wort war auch für mich Gesetz.

Ralaya hatte mir eine große Schüssel mit kaltem und einen Krug mit heißem Wasser bringen lassen, obwohl es natürlich Leitungen im Haus Jantro gab und ich im Bad einfach den Wasserhahn hätte benutzen können. Aber Ralaya hielt an dieser alten Sitte fest und ich ließ sie, auch wenn ich wusste, dass sie damit nur ihre Macht gegenüber den einfachen Dienerinnen demonstrieren wollte. Warum auch nicht, genau für derartige Dienste waren Lori und all die anderen Frauen in ihren schmucklosen grauen Kleidern schließlich da.

Ich hatte mich ausgezogen und es störte mich nicht im Geringsten, nackt vor dem Waschtisch zu stehen, mich vorzubeugen und mein Gesicht in das kalte Wasser zu tauchen. Die Scham, die eine Lady vor dem Nacktsein eigentlich haben sollte, empfand ich einfach nicht, wohl, weil ich völlig anders aufgewachsen war als eine anständige, prüde Lady.

Nach dem kalten Wasser fühlte ich mich etwas besser, nicht wirklich gut, aber besser. Der Wein aus Sorana schmeckte am Abend eben nach Euphorie und am nächsten Morgen nach Reue, und ich hatte in der letzten Nacht vier Flaschen davon mit Kael und den Mädchen geteilt, was hieß, dass ich wohl mindestens anderthalb allein getrunken hatte. Die Zahl der Zigarillos, die ich geraucht hatte, wollte ich gar nicht erst zählen.

„Das grüne Kleid", schlug Ralaya vor und es war kein Vorschlag, sondern eine Feststellung. Und dieses grüne Kleid wäre sicher angemessen gewesen für einen langweiligen Nachmittagstee mit ein paar geladenen Ladys, verbarg es doch das, was ich dezent, aber für eine Lady vollkommen unangemessen so gerne zeigte: Haut.

„Nein, Ralaya“, erwiderte ich und hätte fast gelacht über diesen weiteren Versuch, mir ein bisschen Anstand zu vermitteln. Ich hatte keinen, aber ich hielt mich an die Konventionen, wenn ich musste, weil es klüger war. Aber heute morgen musste ich nicht. „Ich gedenke, die Ledermontur anzulegen. Leg sie mir raus.“

„Aber Milady empfängt eine Gesandte“, protestierte Ralaya und sah mich an, als wollte ich nackt zu diesem Treffen gehen.

„Milady empfängt eine Kette“, stellte ich klar und mein Tonfall verriet ihr wohl, dass sie den Bogen besser nicht weiter überspannte. Ich hatte morgens nie gute Laune und zudem keine Bedenken, den Rohrstock auf ihrem hübschen Hintern tanzen zu lassen, und das wusste sie nur zu gut. Sie hatte es erlebt und ich schlug härter zu als die gefürchtete Madame Balusz, obwohl mir bewusst war, wie schmerzvoll und demütigend es sich anfühlte, wenn man sich von jemandem strafen lassen musste und nichts dagegen tun konnte, nur weil dieser über einem stand. Ich hatte es am eigenen Leib erfahren.

„Sehr wohl, Milady“, sagte Ralaya, sah mich einen Atemzug lang an und senkte dann das Kinn. „Wie Ihr wünscht.“

Sie verließ das Bad und natürlich würde sie die von mir gewünschte Kleidung heraussuchen. Ralaya widersprach manchmal, aber sie widersetzte sich niemals wirklich. Hätte sie das jemals getan, wäre sie nicht mehr hier, sondern an eines der Laufhäuser verkauft, in denen die Gardisten der Schutzwehr sich eine Frau für die Stunde vor dem Zapfenstreich aussuchten. Denen war es auch einerlei, wenn eine Laufhure nicht mehr über alle Körperöffnungen verfügte, wie es bei Ralaya nun einmal verhielt. Sie teilte das Los jeder Zofe im Haus Jantro und auch den elf anderen. Nein, sie würde es niemals wagen, sich zu widersetzen, sie tat nur manchmal eine Winzigkeit langsamer, was man ihr auftrug, und das war eben ihre Sprache des Missfallens.

„Wie lange wartet die Kette bereits?", fragte ich, als ich gewaschen und einigermaßen standesgemäß geschminkt aus dem Bad in mein privates Schlafzimmer trat, das selbst Kael höchst selten aufsuchte.

„Sicher beinahe einen Schlag, Milady", erwiderte Ralaya.

„Gut“, sagte ich, steckte mir das Haar hoch und ließ es dann doch wieder fallen. Ich würde es offen tragen, was eine Lady außerhalb des Hauses niemals tat und schon gar nicht, wenn sie jemanden empfing. Aber ich würde das Anwesen nicht verlassen und ich empfing eine Kette, also ließ ich sie offen. „Dann sitzt sie noch eine Weile dort, bis ich unten bin."


Marduc Grenn stand in der Mitte des Raumes, als ich den kleinen Salon betrat, aber nicht aus Höflichkeit, sondern weil sie lange gesessen hatte und wollte, dass ich das wusste. Und ich wusste das natürlich und sie wusste, dass ich es wusste und auch, dass ich mich sicher nicht beeilt hatte. Es war das übliche Spielchen zwischen uns, dass ich nur ausgedehnt hatte, weil sie viel zu früh aufgetaucht war.

Es war wirklich kühl im Salon, in dem ich Besuch empfing, für den der große Salon ein paar Nummern zu groß gewesen wäre. Diese Frau war eine Händlerin und kein Gesandter eines Hohen Hauses. Ich spürte die leichte Kälte an der nackten Haut meiner Oberschenkel zwischen dem Ende meiner Overknee-Stiefel und dem Daum meines kurzen Rocks.

Marduc hatte den Mantel nicht abgelegt, obwohl man ihr das Ablegen sicher angeboten haben würde. Sie war wie immer in diesem satten, dunklen Rot gekleidet, das in Archaion eine geradezu verpönte Farbe war, weil sie den Ketten gehörte. Ihr Haar hing dunkelgrün und ungebändigt fast bis zu ihren Hüften. Sie war in etwa so groß wie ich und ihre Haut ein paar Nuancen dunkler als die meine.

„Lady Jantro", grüßte sie und neigte den Kopf um genau so viel, wie eine Gesandte der Roten Ketten für die Lady eines Hohen Hauses den Kopf zu neigen hatte, aber auch kein Grädchen mehr.

„Marduc“, sagte ich mit einem kleinen Lächeln, setzte mich in den einzigen bequemen Sessel am Fenster des Raumes und schlug die Beine übereinander. „Du bist sehr früh."

„Ihr hattet mich für den Vormittag geladen“, erwiderte sie und zuckte mit den Schultern. „Es ist Vormittag.“

„Der Vormittag beginnt nicht bei Tagesanbruch“, gab ich zurück und verspürte den Wunsch nach einem Glas Sorana-Wein, einem Zigarillo und einer Zunge zwischen meinen Beinen, wie so oft nach einer dekadenten Nacht mit meinem Gatten und zwei äußerst fügsamen Werkzeugen unserer Lust. Ich hätte nichts dagegen gehabt, einfach liegenzubleiben und da weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten.

„Für uns schon, Lady Jantro“, meinte Marduc ohne jede Regung und ich wusste genau, dass sie log. Sie war eine Lebefrau und Hedonistin wie ich, nur auf dem Niveau von Sorana, und mochte den frühen Tag genauso wenig wie ich. Und sie wusste, dass ich es wusste, nur nicht woher und ich würde ihr sicher nicht auf die Nase binden, dass sie von der Schattenzunft bespitzelt wurde, obwohl sie das vielleicht sogar ahnte.

Ich lachte leise, wir hatten dieses Gespräch seit ich die Gattin des Oberhauptes des Hauses Jantro geworden oft genug geführt. Immer mit denselben Sätzen und keine von uns hatte je wirklich vorgehabt, den Wortwechsel zu gewinnen, weil es keinen Sinn gemacht hätte, er hatte ja seinen Zweck. Sie kam zu früh, weil sie wusste, dass ich die Zeit am frühen Morgen verabscheute. Und das, obwohl sie selber alles andere als ein Morgenmensch war. Ich dagegen ließ sie warten, weil ich wusste, dass sie es hasste zu warten, obwohl ich nicht besonders gerne trödelte, wenn ich erst einmal aufgestanden war. Eigentlich war das ein wenig hinrissig, aber so lief das Spiel zwischen uns eben.

„Setz dich", sagte ich und deutete auf den harten Stuhl etwas schräg links von mir an der Wand. „Und gib her. Was hast du heute Schönes?“

Marduc setzte soch etwas widerwillig, schlug den Mantel zurück und zog aus einer alten, abgesetzten Ledertasche eine Mappe aus Wachstuch hervor. Die Papiere darin waren mit einer roten Kordel gebunden und trugen das Siegel ihres Hauses, wenn man das, was die Ketten hatten, ein Haus nennen wollte. Kael hätte das definitiv verneint. Sie legte sie auf den Tisch zwischen uns und schob sie mir herüber.

„Ihr werdet nicht enttäuscht sein, Lady Jantro“, sagte sie selbstbewusst und sicher wie immer.

Ich zog die Kordel auf und betrachtete das erste Papier, das drei Aufstellungen enthielt. Es gab immer drei Aufstellungen, seit wir Geschäfte machten, weil Marduc wusste, wie ich es haben wollte.

Die erste war die längste und listete diejenigen auf, die Marduc für den Dienst als einfache Dienerin eingestuft hatte. Meistens lag sie richtig, aber manchmal war auch eine Perle dabei, die höhere Aufgaben übernehmen konnte. Mancui war eine solche gewesen.

Ich überflog die Auflistung mit siebenundzwanzig Posten, jede Position mit Alter, Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe, Herkunft oder Fundort, Zustand und Bemerkung. Ich las schnell, man lernte das, wenn man es schon lange genug tat, man las nicht mehr alles, sondern erfasste die Unregelmäßigkeiten und Lücken. Wo eine Angabe fehlte, war etwas nicht in Ordnung oder zumindest erklärungsbedürftig.

Bei Nummer neun fehlte die Bemerkung zum Gebiss, bei Nummer vierzehn stand unter Zustand nur „zufriedenstellend“ und nicht „gut“ oder „sehr gut“, wie bei allen anderen, und bei Nummer einundzwanzig war das Alter mit einer Spanne angegeben statt mit einer Zahl, was hieß, dass niemand das Alter wusste.

„Nummer neun, vierzehn, einundzwanzig", sagte ich, ohne aufzusehen. „Warum stehen die überhaupt auf deiner Liste?"

„Weil sie trotz allem keine Schundware sind“, entgegnete Marduc. „Ich habe Euch noch nie Schund angeboten, Lady Jantro. Das wisst Ihr.“

„Ja, das weiß ich und werde dir da nicht widersprechen“, meinte ich und blätterte weiter. „Du weißt, was das Haus Jantro selbst für den einfachen Dienst wünscht. Hier läuft nichts über die Flure, was ich nicht ansehen mag."

„Ja, ich weiß, was Ihr wünscht, Lady Jantro“, bestätigte Marduc. „Meine Aufgabe ist es, Euch das anzubieten, was meiner Ansicht nach für Euer Haus in Frage kommt. Ich habe weit mehr Ware als nur diese siebenundzwanzig und das meiste davon ziehe ich für Jantro nicht einmal in Betracht.

Ich lachte leise, weil sie recht hatte, Anbieten war ihre Aufgabe, Streichen die meine. Ich wusste, dass sie mir ihre Ware als erste anbot und erst dann das Übriggebliebene den anderen Häusern. Und das sicher nicht, weil sie mich mochte, sondern weil ich am besten zahlte und durchaus auch Geschäfte machte, die die anderen Häuser niemals machen würden.

Die zweite Aufstellung war mit neun Posten deutlich kürzer, die Beschreibungen wurden länger und enthielten sogar Fotos. Hier ging es nicht mehr nur um das richtige Alter und den richtigen Zustand, das wurde vorausgesetzt, sondern darum, ob die Ware lesen und schreiben, vielleicht sogar rechnen konnte und ob sie ein Instrument beherrschte. Es ging um Schönheit und Ästhetik, darum, wie sie auftrat, sich bewegte und ob sie schwieg, wenn man es ihr befahl. Und ob sie klug war, das war etwas, auf das ich zuerst schaute. Schöne Huris waren teuer, wenn sie gut erzogen worden waren, aber nur schöne und zugleich kluge Huris waren auch nach zwei oder drei Umläufen noch etwas wert.

Die anderen Häuser kauften Gesichter, aber ich kaufte Frauen, die sich an einem Tisch zwei Schläge lang unterhalten konnten, ohne dass ein Lord aus dem Haus Ryne oder Trumpey merkte, dass er die ganze Zeit über selbst geredet hatte. Ich hatte ein Gespür dafür, welche Frau ihren Weg gehen würde, und musste selten während der Ausbildung aussortieren. Und genau deshalb brachte Jantro die besten Huris Achaias hervor. Nicht, weil sie schöner waren, Schönheit konnte jeder beurteilen, sondern weil meine Huris mehr waren als nur schön.

Bei der Nummer vier hielt ich an, legte die Stirn in Falten und betrachtete ihr Foto. Sie war drei Umläufe und eine Jahreszeit alt, nur etwas mehr als fünf Spannen und drei Finger groß, was mir eigentlich zu klein war, und hatte eine satte dunkelgrüne Haut und helle, fast weiße Haare mit einem leichten Grünstich. Sie war wirklich eine Schönheit und stammte aus Forlyn, aber am meisten interessierte mich die Bemerkung „sehr intelligent, aber äußerst widerspenstig.“

„Was genau bedeutet ‚äußerst widerspenstig‘ bei Nummer vier?" fragte ich schmunzelnd.

„Sie hat einem Aufseher die Nase gebrochen“, gab Marduc zurück und zuckte mit den Schultern. „Sie ist ziemlich wild.“

„Das ist wohl so“, murmelte ich und merkte mir Posten vier vor. Widerspenstig hieß bei den Ketten normalerweise, dass solche Ware an ein Haus ging, das sie brechen würde. Im Haus Jantro hieß es etwas ganz anderes, denn solche Ware hatte etwas an sich, was man nur im eigenen Sinne formen musste, statt es zu brechen. Wenn man wie ich und Madame Carun wusste, wie man damit umzugehen hatte und weil wir im richtigen Haus dafür lebten, konnte man etwas erschaffen, das Jantro zur Ehre gereichte.

„Keine Rothaarige?“ fragte ich, obwohl ich natürlich gelesen hatte, dass keine dabei war.

„Nein“, erwiderte Marduc. „Ihr wisst, dass Rothaarige selten sind, Lady Jantro.“

Das wusste ich allerdings, es gab sie fast nur auf dem Festland, dessen Existenz die meisten Menschen auf Achais bestritten. Das Festland war eine Sage für sie, nichts weiter. Ich wusste es besser, auch wenn ich nie dort gewesen war.

Ich nickte nur und kam zur dritten und letzten Aufstellung, die wie immer die kürzeste war und heute nur vier Posten auflistet. Es waren Geschenke, Ware von erlesener Schönheit und ansonsten wenig mehr, die zu schade war für den einfachen Dienst und in Jantros Augen für eine Huri nicht taugten. Es gab oft genug Anlässe, zu denen ein Hohes Haus einem anderen etwas schenken musste. Ein Kimyon, der heiratete, ein Yorc, der ein Enkelkind bekam, ein Narcim, dem man einen Gefallen schuldete, der mit Geld nicht zu bezahlt werden konnte, weil Geld einen Wert sehr exakt benannte, den eine schöne Frau nur andeutete. Und worüber freuten sich die meisten Lords mehr als über eine schöne Frau, die ihr Eigentum wurde?

Hierfür kaufte ich anders ein, nicht hübsch und brauchbar wie für den einfachen Dienst oder schön und klug für Huris, sondern außergewöhnlich und auffällig. Frauen, von denen jeder wissen würde, von wem sie geschenkt worden waren, was Jantro mehr nutzte als dem beschenkten Haus.

Ich sah mir die vier Posten an und dachte wie immer, dass diese Ware nur dekorativ war und sonst gar nichts, aber der Beschenkte konnte sie nicht einfach entsorgen, weil dies ein Affront gegenüber Jantro sein würde und einen Affront scheute jedes Haus, weil daraus in der Welt vom Achaion schnell ein gesellschaftlicher Skandal werden konnte, den niemand entfachen wollte, es sei denn, ein Skandal war genau das Ziel, was durchaus vorkam. Der Kauf von Geschenken war für mich stets ein unangenehmes Tun, denn man selber konnte mit ihnen nichts anfangen, weswegen man sie bis zum richtigen Anlass am Hals hatte, und brauchte sie dennoch. Zudem musste man sorgfältig wählen, weil eine schlecht gewählte Gabe auf das Haus zurückfiel, das sie gegeben hatte.

„Hm“, machte ich, während ich einen Moment die vier Fotos betrachtete, dann die Mappe schloss und meine Hand darauf legte. „Ich werde das später noch eingehender prüfen und dann bestellen. Ich benötige akut keine neue Ware für den einfachen Dienst, werde dir aber dennoch fünf oder sechs abnehmen, da eine gewisse Reserve niemals schadet. Was die Huris angeht, hast du meine Wahl gehört. Nummer Vier, Sieben und Neun. Über eine weitere werde ich noch nachdenken.“

„Natürlich, Lady Jantro“, nickte Marduc. Etwas in ihrem Gesicht bewegte sich ein ganz klein wenig, weil sie gewusst hatte, dass ich Nummer Vier nehmen würde. Sie hatte die Bemerkung deswegen hineingeschrieben. Und sie wusste, dass ich meine Zusagen einhielt, ich kaufte zumeist, was ich reservierte, und sie hatte also schon drei Geschäfte recht sicher in der Tasche. „Was ist mit den Geschenken?“

„Ich nehme alle vier“, entschied ich. „Es wird in der nächsten Zeit genügend Anlässe für Geschenke geben.“

„Gut“, sagte Marduc und versuchte, sich ihre Zufriedenheit nicht anmerken zu lassen. „Wann werdet Ihr abschließend bestellen?“

„Wenn ich abschließend geprüft habe“, sagte ich bestimmt und stand auf, was sie zum einen dazu zwang, ebenfalls aufzustehen, wenn sie das Protokoll nicht verletzen wollte, was sie nicht wollte und was ihr in Achaion auch nicht gut bekommen würde, und zum anderen bedeutete, dass die Unterredung beendet war. „Du bekommst meine Bestellung in Bälde.“

„Sehr wohl, Lady Jantro“, sagte sie und senkte das Kinn, weil sie wusste, dass ich sie nun entlassen würde.

„Gut, Marduc“, sagte ich, ging zur Tür und hielt sie ihr selbst auf, was eine Unhöflichkeit und auch so gemeint war. „Und das nächste Mal kommst du nicht vor dem elften Schlag, sonst sitzt du hier in diesem kalten Salon bis du blau wirst."

„Da wäre noch etwas, Lady Jantro“, sagte Marduc. Sie lachte leise, blieb stehen und ging nicht durch die Tür. „Falls es Euch interessiert. Ich führe spezielle Ware mit.“

Ich schloss die Tür sofort wieder und sah sie mit erhobenen Augenbrauen an. Speziell hieß, dass sie etwas anzubieten hatte, was nicht registriert worden war, obwohl jeder Fang und jeder Verkauf laut Gesetz registriert werden musste. In Achaia gehörte jedes Stück Ware registriert, aber Marduc bot mir gelegentlich Ware an, die eben nicht registriert worden war, Ware die somit offiziell gar nicht existierte. Sie tat das, weil das Haus Jantro unregistrierte Ware nahm, was in Achaion eher unüblich war und die anderen Häuser nicht taten. Dafür gab es einen Grund, nach dem Marduc genau einmal gefragt hatte, sie hatte wissen wollen, warum das Haus Jantro Unregistrierte kaufte, aber ich hatte ihr damals nicht geantwortet und sie hatte nie wieder gefragt. Das war einer der Gründe, warum wir gut miteinander auskamen.

„Wie viele?" fragte ich und dachte an die Möglichkeiten, die unregistrierte Ware eröffnete. Man konnte mit ihr aus dem Nichts Lebensläufe erschaffen, Personen mit einer Vita kreieren, die nützlich werden konnte. Und das Haus Jantro war gut darin geworden, Dokumente zu fälschen.

„Fünf“, antwortete Marduc. „Sie sind vom Festland gekommen. Mit den Booten, aber nicht in der Bucht der Boote angelandet, sonst hätten wir sie nicht fangen können. Sie müssen abgedriftet sein, es war kein Bootsführer dabei und wir nehmen an, dass die meisten ertrunken sind. Das Meer vor Forlyn ist rau, vor allem, wenn man zu weit nach Osten gerät.“

„Und die Ketten wissen noch immer nicht, wer dahinter steckt“, sagte ich. „Wer diese Frauen vom Festland holt und nach Achais bringt. Und auch nicht, warum.“

„Nein, das wissen wir noch immer nicht“, bestätigte sie. „Oder besser gesagt, ich weiß es nicht. Es mag Ränge über mir geben, die es wissen.“

Ich lächelte leicht, weil ich wusste, dass die Führung der Ketten tatsächlich nichts darüber wusste. Manchmal war es ein Segen, derart gute Verbindungen zur Schattenzunft zu pflegen wie Jantro sie pflegte.

„Der Wagen steht am Lieferantentor, Lady Jantro“, fuhr Marduc fort. „Eure Garde lässt ihn nicht herein, solange es niemand anordnet."

„Das ist ihre Aufgabe“, sagte ich mit einem leisen Lachen, zog die Tür wieder auf und trat auf den Flur. Der Gardist an der Wand richtete sich sofort auf.

„Sag dem wachhabenden Offizier, er soll den Wagen der Kette hereinlassen“, wies ich ihn an. „An die Remise. Nicht zu viel Aufsehen.“

„Sehr wohl, Milady“, erwiderte der Gardist, senkte kurz das Kinn und stapfte von dannen. Einen Moment fragte ich mich, ob er wohl einen Rüffel bekommen würde, schließlich war mein Schutz seine Aufgabe und er konnte sich nicht darauf berufen, dass ich es befohlen hätte. Ich verfügte nämlich über keine Befugnisse über die Garde, aber wer würde es schon wagen, der Gattin von Lord Jantro zu widersprechen?

„Komm“, sagte ich zu Marduc. „Sehen wir uns deinen Fang an.“


Draußen war es hell geworden, ohne warm zu sein, und der Kies des Wirtschaftswegs war noch feucht vom Nachttau. Meine Absätze sanken ständig ein, aber das war nur das übliche Ärgernis, wenn man als Lady draußen herumlief, was eine Lady eigentlich auch nicht tun sollte.

Nun wusste ich auch, warum derart unverschämt früh eingetroffen warm In Achaion fuhren die Transporte in der Frühe, weil sie immer in der Frühe gefahren waren, und niemand konnte noch sagen, warum doch das so verhielt. Schließlich war ein Käfigwagen auf den Straßen des Inneren Kreises in etwa so bemerkenswert wie ein Kohlenkarren.

Man hörte diese Wagen, bevor man sie sah. Ein tiefes, gleichmäßiges Stampfen ertönte, dann folgte das Zischen, als der Fahrer Druck abließ, und darüber lag metallisch und ein wenig süßlich der Geruch von Achalith, das für alles, was nicht von Menschen, Pferden oder Ochsen gezogen wurde, als Treibstoff diente. Man roch Achalith an jeder der größeren Straßen, und ich bemerkte ihn längst nicht mehr, außer am frühen Morgen, wenn mir alles zu laut und zu deutlich war.

Der Wagen rumpelte den Weg vom Lieferantentor herauf und hielt leise schnaufend vor der Remise. Vorne sah ich schwarz und verrußt die Maschine mit dem großen Kessel und den unzähligen Messingarmaturen, dahinter folgte der Aufbau, auf dem ein gutes Dutzend der Käfige stand, in denen man gemeinhin derartige Ware transportierte. Die meisten Käfige waren leer, aber in fünf davon standen Frauen so, wie man mit ihnen eben verfuhr: nackt und mit über den Köpfen gefesselten Händen.

Der Fahrer ließ noch einmal Dampf ab, stieg aus und stellte sich neben das große Rad. Sein Blick streifte mich kurz und er senkte das Kinn nur angedeutet, so wie Männer der Ketten es taten, wenn sie einer Frau aus einem der Hohen Häuser begegneten. Dann sah er zu Boden und tat so, als wäre ich gar nicht da.

Ich trat neben Marduc und betrachtete die fünf Frauen in den engen Käfigen, in denen sie sich auch ohne ihre Fesselung kaum hätten bewegen können. Man konnte in diesen Käfigen nur stehen, alles andere ließ die Enge nicht zu. Es war kühl, die blaue Sonne würde zu dieser Jahreszeit erst in einem Schlag an genügend Kraft gewinnen, um den Platz zu erwärmen. Die Frauen froren, das zeigten ihre hart aufgestellten Brustwarzen.

Ich ging die kurze Reihe entlang und sah mir die fünf genau an. Bei allen hatte die Haut diesen tiefen und satten Ton, ein so dunkles Grün, das es auf Achais kaum noch gab. Es war nicht dieses Grün, das man bei den Frauen aus Forlyn oder Sorana schon für dunkel hielt, es wirkte noch ein paar Nuancen tiefer. Und alle fünf waren jung, drei Umläufe und höchstens eine Jahreszeit, wenn überhaupt eine ganze, schätzte ich, und auffällig schön, nicht hübsch wie die Frauen für den einfachen Dienst hübsch sein mussten, damit sie über meine Flure laufen durften, und schöner als eine Huri sein musste. Nach einer solchen Wäre würden sich alle Händler die Finger lecken.

„Soso“, sagte ich und schaute über die Schulter zu Marduc. „Da haben also ausgerechnet die fünf Schönsten den Weg in die Hände der Ketten gefunden. Welch ein Zufall.“

„Nicht, wahr?“ gab Marduc zurück und lächelte unverbindlich. Sie wusste, dass ich ihr ihre schöne Geschichte von vorhin nicht glaubte, aber sie würde mir die Wahrheit nicht sagen.

Ich wandte mich wieder der Ware zu. Die fünf waren bei aller Schönheit beileibe nicht makellos, die in der Mitte trug am linken Oberarm eine alte, schlecht verheilte Wunde, das Bein der ersten von links zierte ein tiefer, frischer Kratzer und ich sah aufgescheuerte Fußknöchel und blaue Flecken an allen, aber da war nichts, was die Medizin von Achaion nicht würde heilen können.

Ich ging noch einmal die Reihe entlang und sah nun in ihre Gesichter. Die erste mit dem Kratzer am Bein hielt den Kopf gesenkt und die Augen fest geschlossen, als könnte sie so das ausblenden, was mit ihr geschah. Die zweite sah mich direkt an und ich erkannte den Trotz in ihrem Blick. Die dritte betrachtete mich seltsam neugierig, als würde sie schon ausloten, wie man hier am besten überlebte. Die Augen der Vierten waren voller Zorn und Hass, sie würde ein schwieriger Fall werden, aber das war etwas, was ich mochte. Die Fünfte lächelte entrückt, als wäre sie nicht in der Wirklichkeit. Keine von ihnen trug ein Zeichen, das ausgesagt hätte, dass sie jemals jemanden gehört hatten, keine Brandmarken, keine Symbole oder Wappen und keine Ringe durch Nase oder Brustwarzen. Diese Frauen waren frei gewesen, bis sie aus irgendeinem Grund in eines der Boote gestiegen waren, das sie nach Achais gebracht hatte, und in die Fänge der Ketten geraten waren.

Ich wollte mich gerade Marduc zuwenden, als die in der Mitte etwas sagte. Es waren zwei, drei Sätze, die sie an mich richtete, und ich verstand vielleicht die Hälfte davon. Die Wörter mochten unsere sein, aber sie kamen zu langsam und zu weich, mit gedehnten Vokalen und Endungen, die bei uns seit Generationen niemand mehr sprach, und dazu kam etwas, das ich überhaupt nicht einordnen konnte.

„Sie sprechen Kette", sagte Marduc hinter mir und nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob es Zufall war, dass wir diese Sprache abfällig Kettensprache nannten und die Roten sich selber Rote Ketten.

„Ich höre es“, erwiderte ich und drehte mich zu ihr um. Ziemlich sicher stimmte von Marducs Geschichte mehr oder weniger gar nichts. Normalerweise kamen die Boote vom Festland in der Nacht an, in der das Glimmen den Himmel beherrschte, aber das Glimmen würde erst in zwei Sonnen erscheinen. Nein, Marducs Geschichte stimmte ganz und gar nicht. Oder aber eines der Boote hatte sich früher auf den Weg gemacht als üblich, aber das war noch nie geschehen.

„Wenn man langsam spricht und sie langsam sprechen, kann man einander verstehen“, meine Marduc und an ihrem Blick erkannte ich, dass sie ahnte, dass ich ihre Geschichte bezweifelte.

„Ich nehme alle fünf“, sagte ich, ohne auf ihre Anmerkung einzugehen. Die Tatsache, dass sie mir nicht sagte, woher diese fünf Schönheiten tatsächlich stammten, mochte zum typischen Spiel der Ketten aus Wahrheit und Lüge gehören, aber das war ein Spiel, das wir in Achaion besser beherrschten als die meisten anderen. Schließlich waren wir die Marionettenspieler…

006

Haus Jantro 3

Jon · 26.08.2026

Der Morgen einer Huri

(Szene: Herrenhaus Jantro, Achaion. Am Morgen. Erzählt von der Huri Mancui)


Ich lag im Halbdunkel des großen Bettes, als die Tür hinter Lady Candris und Ralaya leise ins Schloss fiel. Der Geruch der Nacht hing schwer im Raum. Kalter Rauch von den Tabakwaren, von denen der Lord und die Lady zahllose geraucht und an denen auch Yaizrun und ich gezogen hatten, die schwere Süße des Sorana-Weins, der mir nicht viel ausmachte, eine Huri erlangte schnell eine gewisse Trinkfestigkeit, das Wachs der heruntergebrannten Kerzen und der warme, dichte Duft der Lust, der durch Körper entstand, die sich in der Nacht ausdauernd miteinander vergnügt hatten. Ja, für mich war Sex ein Vergnügen, auch wenn er mir befohlen wurde und ich wie alle Huris stets verfügbar zu sein und keinerlei Mitspracherecht hatte.

Lord Kael atmete tief und gleichmäßig neben mir, das Gesicht in die Armbeuge gedrückt, ein Arm unter dem Kissen. Sein Rücken war warm und seine blassgrüne Haut schimmerte im wenigen Licht. Ich grinste leicht, schob die Decke beiseite und schmiegte mich an ihn. Mein Körper legte sich der Länge nach an seinen, mein Gesicht seinen Haaren nahe, die Brüste gegen seinen Rücken gedrückt und ein Bein über seines geschlungen. Meine Hand fuhr über seine Hüfte und ich spürte seine Muskeln unter der straffen Haut. Ich mochte seinen harten Körper, auf den er im Gegensatz zu gewissen anderen Lords achtete. Ich fühlte das langsame Auf und Ab seines Atems und den vertrauten Geruch seiner Haut, vermischt mit dem Rauch von Zigarren im seinen Haaren.

Langsam glitt meine Hand von der Hüfte auf seinen Bauch, wanderte dann über die weiche Linie unterhalb seines Nabels tiefer und fand seinen halbschlaffen, warmen Schwanz. Ich umfasste ihn behutsam, denn ich wollte ihn nicht sofort wecken, und streichelte mit dem Daumen über die empfindliche Haut unterhalb seiner Eichel. Er murmelte etwas Unverständliches ins Kissen, rührte sich aber nicht. Ich lächelte und drückte mich fester an ihn, ließ meine Lippen über seine Schulter gleiten, während meine Hand ihn mit leichter Drehung langsam, aber fest massierte. Er wurde mit jeder Auf- und Ab-Bewegung meiner Finger härter und dicker, bis er voll aufgerichtet in meiner Hand lag. Ich lächelte still, als ich hörte, wie sein Atem sich veränderte und tiefer und unruhiger wurde, und machte ganz langsam weiter, während meine Lippen sanft über seine Nacken und seine Schulter glitten.

Schließlich drehte er den Kopf, die Augen noch halb geschlossen, und brummelte leise: "Mancui…“

„Guten Morgen, Milord", flüsterte ich leise und küsste die empfindliche Stelle unter seinem Ohr, worauf er immer reagierte. Und natürlich wusste er sofort, dass ich es war, denn nur ich wagte es, ihn einfach zu wecken. Meine Hand glitt weiter seinen harten Schaft auf und ab, strich vom Ansatz bis zur Spitze und wieder zurück, und spürte, wie er unter meinen Fingern zuckte. Ich wusste genau, wie er es mochte, sehr langsam am Anfang, dann nach und nach schneller werdend, aber niemals zu schnell, und dabei mit dem Daumen immer wieder über diese Stelle unter der Eichel streichend. Nach einer Weile schob er unwillkürlich die Hüften nach vorn und stöhnte leise.

Hinter mir hörte ich Yaizrun leise atmen. Sie lag noch immer am Rand des Bettes und hielt die Augen geschlossen, aber ich wusste, dass sie wach war. Ich drehte den Kopf leicht und sagte ruhig, ohne die Hand von Lord Kaels Schwanz zu nehmen: „Yaizrun. Hol eine Schüssel mit warmem Wasser. Und ein weiches Tuch.“

Sie öffnete die Augen, sah mich einen Moment an und nickte dann. Ohne ein Wort glitt sie nackt aus dem Bett und verschwand leise durch die Seitentür. Ich hörte, wie sie im Nebenraum Wasser im großen Kessel erhitzte, der immer für solche Zwecke bereitgehalten wurde, während ich mich wieder Lord Kael zuwandte, der inzwischen auf dem Rücken lag und mich aus halb geöffneten Augen ansah. Sein Schwanz lag hart in meiner Hand und die Eichel glänzte bereits.

„Du bist unersättlich“, murmelte er heiser, weil er wohl dachte, ich würde ihn gerade auf meine Pussy vorbereiten und tatsächlich war der Gedanke verlockend, aber ich hatte dennoch etwas anderes vor.

„Nur für Euch, Milord“, antwortete ich, beugte mich über ihn und ließ meine vollen Brüste über seine Brust gleiten, während meine Hand ihn weiter massierte. Ich küsste seinen Hals und seine Brust, bis Yaizrun zurückkam. Sie trug die flache Schüssel mit dampfendem Wasser und ein sauberes Leinentuch auf einem Tablett. Ich nahm es entgegen und stellte es neben mir auf das Bett.

Ich setzte mich auf, tunkte das weiche Tuch in die Schüssel, beugte mich dann vor und begann seinen Schwanz langsam und gründlich von der Wurzel bis zur Eichel zu reinigen, wusch die die Reste der Nacht von ihm, den Geruch der Lustsäfte von Lady Candris, von mir und von Yaizrun, die Reste seines Samens und getrockneten Schweiß. Das Wasser war angenehm warm und ich spürte, wie sein harter Schwanz unter meinen Berührungen zuckte. Ich faltete das Tuch neu, tauchte es erneut ein und strich langsam noch ein paar Mal seinen Schaft entlang, bis seine Härte sauber und vor Feuchtigkeit glänzend vor mir lag.

Ich legte das Tuch zurück in die Schüssel und stellte das Tablett auf den Nachtisch, wobei ich Yaizrun einen kurzen Blick zuwarf. Sie kniete am Fußende des Bettes, die Hände im Schoß und die Augen auf Lord Kael gerichtet. In ihrem Blick lag dieses vertraute, hungrige Leuchten, das ich von jeder Huri kannte, wenn Lady Candris nicht anwesend war, das ein Zeichen der stillen Rivalität und des stetigen Ringens um seine Gunst war. Ich war seit gut einer halben Jahreszeit seine Favoritin, das wusste Yaizrun, aber sie wollte genau das werden, was ich war, so wie jede von uns es werden wollte. Jede wollte von ihm gesehen und zu sich gerufen werden, denn je höher eine Huri in seiner Gunst stand, desto mehr Privilegien erhielt sie. Yaizrun war für mich eine Rivalin wie jede andere Huri und dennoch gab es zwischen uns eine Verbindung. Ich lehrte sie Dinge, von denen ich keiner anderen Huri etwas erzählen würde, und ich tat das, weil sie keine akute Gefahr für mich darstellte, dafür hatte ich zu viel Vorsprung, den sie in in einigen Jahreszeiten nicht würde aufholen können. Da gab es andere wie Elayin, Vara und Gundis, die hinter mir mit den Hufen scharten und nur darauf warteten, dass ich einen Fehler beging oder Lord Kael meiner überdrüssig wurde.

Ich neigte leicht den Kopf und lächelte sie kaum merklich an. Ein kleines Lächeln, das ihr sagte: du wirst deinen Anteil bekommen. Sie erwiderte es mit einem kaum sichtbaren Zucken der Mundwinkel und rutschte näher.

Dann beugte ich mich tiefer und nahm Lord Kaels Schwanz in den Mund. Ich tat es auf meine Art, indem ich meine Hände nicht benutzte, sondern diese auf meinen Rücken legte. Ich wusste, er mochte diese Geste, weil sie meine Unterwerfung unter seinen Willen ausdrückte. Um so etwas zu wissen, musste man ihn gut kennen und ich kannte ihn gut, besser als jede andere.

Ich begann langsam, meine Lippen umschlossen seine Eichel ind meine Zunge strich in meinem Mund kreisend darüber, während ich den Geschmack seines Schwanzes und der ersten Vorlust in mich aufnahm. Seine Hand griff in mein Haar, nicht besonders fest, eher ein Zeichen, dass er der Herr im Haus war und ich nur ein Werkzeug seiner Lust.

Ich schmunzelte darüber und ließ ihn tiefer gleiten, bis die Spitze seines Schwanzes meinen Rachen berührte, saugte dabei fest und erzeugte diesen Unterdruck, der die Geilheit jedes Mannes anschob, ob nun Lord oder nicht. Dann zog ich meinen Kopf wieder zurück, ließ ihn aus mit ind lutschte fest an seiner Eichel. Mein Haar fiel über seine Hüften und ich hörte ihn leise stöhnen.

Nach einer Weile entließ ich seinen Schwanz aus meinem Mund, leckte mit genießerisch über die Lippenund nickte Yaizrun zu. Sie glitt sofort näher und übernahm meine Stelle, legte ihre Hande auf ihren Rücken, wie ich es ihr beigebracht hatte, und nahm seinen Schwanz mit völliger Selbstverständlichkeit in den Mund. Dieses Zieren und Zurückhalten legte sie nämlich nur an den Tag, wenn Lady Candris dabei war, war sie es nicht, fiel dieses Getue sofort von ihr ab.

Ihre Lippen schlossen sich um seine Eichel, und sie saugte mit leichtem, rhythmischem Druck, was er besonders mochte, was sie natürlich von mir wusste. Ich beobachtete sie einen Augenblick und sah zu, wie ihre Wangen sich zusammenzogen, als sie ihn tiefer aufnahm. Ich legte meine Hand in ihren Nacken und strich sanft ihre Wirbelsäule herunter bis zu ihrem festen Po. Dann malte ich mit dem Finger das Huri-Zeichen für "Gut so" auf ihre Haut.

Lord Kael stöhnte dunkel, als Yaizrun ihn nun fester saugte und seinen Schwanz fast bis zum Anschlag in ihren Rachen ließ. Jede Huri lernte die "Tiefe Kehle" und in dieser Disziplin hatte Yaizrun sogar mir etwas voraus, sie bekam Schwänze scheinbar mühelos in ihren Rachen, an denen ich scheiterte, und verschluckte sie geradezu. Ich hatte es gesehen. Den Lord schafften wir beide und das war auch gut so, wäre sie an ihm besser darin als ich, würde ich sie ausbooten müssen. Und das würde ich gnadenlos tun, da war mir die Gunst des Hausherren wichtiger als eine kleine Huri wie Yaizrun, auch wenn es da etwas gab, das ich an ihr mochte, aber so weit ging es dann doch nicht. Und so dachten wir doch alle.

Sie hielt ihn so, ließ den Druck wirken und seine Hände fuhren fast ein bisschen hilflos durch die Luft und fanden ihr Haar, fielen aber sofort wieder kraftlos auf das Bett. Yaizrun entließ ihn, nahm einen tiefen Atemzug und gab ein leises, zufriedenes Geräusch von sich. Dann senkte sie ihren Kopf wieder und machte weiter.

„Sie lernt schnell, nicht wahr, Milord?“ flüsterte ich und krabbelte mit meinen Fingerspitzen über seinen Bauch. Ich spürte die Anspannung seiner Muskeln und lächelte zufrieden.

Lord Karl murmelte etwas, das wie Zustimmung klang, und hob die Hüften leicht an. Yaizrun ließ ihn fast ganz aus ihrem Mund gleiten und leckte langsam und genüsslich über seine Eichel, bevor sie ihn wieder in sich saugte, ihre Lippen fest um ihn schloss und ihrem Kopf langsam vor und zurück bewegte, ihn nicht mehr schluckte, sondern hart lutschte. Ein dünner Faden Speichel löste sich aus ihrem Mundwinkel und rann ihr Kinn herab. Lord Kaels Hände krallten sich in das Laken des Betts und ich wusste, er würde bald kommen, er konnte sich ewig lange mäßigen, wenn er seine Gattin oder eine Huri fickte, aber wenn sein Schwanz von kundigen Lippen verwöhnt wurde, verlor er recht schnell die Kontrolle.

„Langsam, Yai", hauchte ich fast unhörbar in ihr Ohr, strich wieder über ihre Wirbelsäule und zeichnete ein "Halt" auf ihren Rücken. „Noch nicht!"

Yaizrun ließ von ihm ab und sein schwerer, schneller Atem hing im Raum. Sie sah mich mit funkelnden Augen und glänzenden Lippen an und ich nickte lächelnd. Sie rutschte beiseite und ich übernahm wieder das Feld. Nun gut, die "Tiefe Kehle" beherrschten wir beide, aber ich lutschte ihn anders als Yaizrun, erfahrener und souveräner, da wo sie druckvoll und hart war, wirkte ich weich und verspielt, nicht so ungeduldig und fordernd wie sie.

Ich legte meine Hände erneut hinter den Rücken, beugte mich vor und nahm seine Eichel zwischen meine Lippen, schloss sie mit dem Wissen einer Frau, die seit zwei Jahreszeiten so oft das Bett mit ihm teilte, nur lose um seine Härte und ließ meine Zunge langsam in der Wärme meines Mundes um seine Eichel kreisen, streifte immer wieder die empfindliche Naht unterhalb, dann die Spitze, dann wieder die Naht, immer im gleichen, ruhigen Rhythmus. Ich saugte nicht hart, sondern nur so viel, dass ein leichter Druck entstand, der ihn meine Lippenkünste spüren ließ. Ja, einen Mann mit dem Mund, mit Lippen und Zunge zu verwöhnen war eine Kunst. Mein Haar lag auf seinen Hüften und ich hörte seinen Atem, der vor Geilheit triefte. Ich lächelte innerlich und ließ ihn bis zur Mitte des Schafts in meinen Mund gleiten, drückte mit meiner Zunge von unten gegen seinen Schwanz, während ich den Kopf ganz langsam vor und zurück bewegte. Es war kein eiliges Lutschen, kein gieriges Einsaugen, sondern spielerische Langsamkeit, die ihn dazu brachte, die Hüften unwillkürlich ein Stück anzuheben und mehr zu wollen. Ich lächelte um seinen Schwanz herum und gab ihm noch ein wenig mehr, saugte etwas fester an ihm und spürte, wie er unter mir zuckte.

Nach einer Weile entließ ich ihn aus meinem Mund, weil ich spürte, dass er nicht mehr lange brauchen würde, wenn ich so weitermachte, leckte noch einmal langsam und gemächlich seinen von mir feuchten Schaft entlang, dann über seine glänzende Eichel und nickte schließlich Yaizrun zu. Sie lächelte dieses etwas falsche Huri-Lächeln, dieses „wollen wir doch mal sehen, was ihm besser gefällt"-Lächeln und schob sich an meine Stelle, kaum dass ich Platz gemacht hatte. Sie legte die Hände hinter den Rücken, beugte sich herunter, nahm ihn in den Mund und lutschte ihn so ganz anders als ich, druckvoller, härter und roher, genau so, wie ich es erwartet hatte. Ihre Lippen schlossen sich fest um den Schaft und sie bewegte ihren Kopf in einem rhythmischen, kraftvollen Takt vor und zurück, der seinen ganzen Körper auf Spannung brachte und ihm ein lautes Keuchen abrang. Sie ließ ihn tief in den Mund gleiten und hielt ihn dort, während sie mit der Zunge von unten gegen ihn drückte, und dann ihren Rhythmus wieder aufnahm.

Ein leises, feuchtes Geräusch erfüllte den Raum, als sein Schwanz kurz aus ihrem Mund glitt, Yaizrun tief Luft holte, ihn dann wieder aufnahm und ihn hart und fordernd lutschte. Speichel tropfte von ihrem Kinn auf seinen Bauch und Lord Kael stöhnte laut auf und krallte seine Finger ins Laken. Ich schmunzelte, Atemtechnik gehörte dazu und das war etwas, was Yaizrun noch nicht begriffen hatte. Eine Huri entließ keinen Schwanz aus ihrem Mund, um Luft zu holen, sie wartete auf den richtigen Moment, sie sich zu holen.

Ich beobachtete sie und sah, wie sie ihn erneut fast bis zum Anschlag aufnahm und nicht nachließ. Sie war zu roh und zu gierig, weil sie ihm zeigen wollte, dass sie es konnte, dass sie es für ihn tat, aber es wirkte als tat sie es für sich, weil sie in diesem Moment die Macht über seine Lust hatte. Und das machte sie noch falsch, eine Huri ließ es niemals so wirken, als hätte sie Macht über einen Lord, nur weil sie seinen Schwanz lutschte, eine Huri ließ es so aussehen, als hätte der Lord die Macht und sie sei nur ein Werkzeug, auch wenn sie die Kontrolle hatte. Das war die Diplomatie der Lust in Achaion.

Als ich erkannte, dass er nah davor war, legte ich meine Hand auf Yaizruns Rücken und malte mit dem Finger wieder ein "Halt" auf ihre Haut. Sie hörte sofort auf und ließ von ihm ab, die Lippen glänzend und die Augen dunkel vor Erregung.

„Genug“, flüsterte ich und erkannte in ihrem Blick, dass sie nicht mehr lange auf mich hören würde, zu sehr wollte sie seine Aufmerksamkeit. Doch noch hörte sie auf mich. Noch, aber sie würde sich bald davon lösen, weil sie so erpicht auf seine Gunst war, dass sie es erzwingen wollte. Aber das würde nicht funktionieren, einem Lord zwang man nichts auf, man überzeugte ihn von sich.

Ich machte eine Zeichenfolge in der Hautsprache der Huris und wir legten uns links und rechts von ihm, unsere Köpfe auf der Höhe seiner Hüfte, ich rechts, Yaizrun links. Beinahe synchron beugten wir uns über seinen Schoß, unsere Münder fanden sich und wir küssten und mit seiner Eichel zwischen unseren Lippenpaaren. Ich hörte sein lautes Keuchen und es klang wie Musik in meinen Ohren. Und dann begannen wir unser Spiel, wir ließen unsere Zungen um seine Eichel tanzen, leckten darüber wie in einer einstudierten Choreographie, küssten uns immer wieder und züngelten links und rechts oder oben und unten, ohne uns in die Quere zu kommen. Lord Kael atmete zusehends flacher und unruhiger, sein Schwanz stand kerzengrade und auf sei er Eichel glänzte der Saft der Vorlust. Dann nahm ich ihn kurz in den Mund, nur seine Eichel, und saugte verspielt daran, nahm ihn etwas tiefer auf, bewegte meinen Kopf ein paar Mal langsam vor und zurück und entließ ihn schließlich, aber war Yaizruns Mund da. Sie schloss ihre Lippen hart um ihn, saugte ihn hart ein und schluckte ihn förmlich bis zum Anschlag. Sie hielt ihn einen Moment so, sein Keuchen wurde lauter und ich war feucht zwischen den Beinen. Es war einfach ein erregendes Gefühl, diesem achso mächtigen Mann Lust zu bereiten und ihm in diesen Augenblicken zu kontrollieren. Yaizrun ließ ihn mit diesem schmatzenden Geräusch aus ihren Mund gleiten. Wir lächelten uns einen kleinen Moment an, gönnten ihm aber keine Atempause und fingen an, uns ständig abzuwechseln, jede von uns nur kurz, bevor die andere wieder übernahm.

Seine Hüften zuckten und sein Atem ging längst stoßweise. Die Hände krallten sich in unsere Haare und ich wusste, dass er gleich kommen würde. Ich nickte Yaizrun unmerklich zu und wir setzten zum Schlussakt unserer kleinen Lustoperette an. Sie umfasste seine Schwanzwurzel und massierte ihn mit langsamen, drehenden Bewegungen, während ich mit meiner Zunge über seine Eichel leckte. Sein Schwanz pulsierte und in dem Moment, in dem er kam, stülpte ich meine Lippen um ihn und saugte fest an seiner Eichel. Sein Keuchen klang fast wie ein kleiner Schrei durch den Raum, als er seinen Samen in meinen Mund pumpte. Ich schluckte alles, ohne ihn loszulassen, saugte weiter, bis der letzte Tropfen aus ihm gepresst schien und ließ ihn erst dann langsam aus meinem Mund gleiten.

Yaizrun beugte sich vor, kaum dass ich meinen Kopf zurückgezogen hatte, und ließ ihre Zunge seinen noch zuckenden Schaft von unten nach oben entlang gleiten und strich dann über deine Eichel und befreite ihn leckend von den letzten Resten seines Samens, bis ich ihr über den Rücken strich und ihr so bedeutete, dass es genug war.

Ich sah zu Lord Kael hoch, er lag einfach da, noch schwer atmend, die Augen halb geschlossen, und ein kleines, erschöpftes Lächeln lag auf seinen Lippen. Yaizrun zog sich leicht zurück, wie es sich eigentlich gehörte, aber ich schwang mich frech auf seine Hüften und beugte mich leicht zu ihm.

„Seid Ihr nun wach, Milord?“ flüsterte ich und lächelte ihn an...


Ich lag auf der Seite, den Kopf auf meine Hand gestützt, und blickte zu Lord Kael hinüber, der auf dem Rücken lag, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Zwischen uns seufzte Yaizrun wohlig, weil meine Hand zwischen ihren leicht geöffneten Schenkeln sanft über ihre enthaarte Pussy strich. Ihre Augen waren geschlossen und sie presste die Lippen zusammen, um unser Gespräch nicht zu stören, was ihr nicht ganz gelang, ein leises, unterdrücktes Wimmern folgte dem Seufzen, als ich meinen Finger langsam in ihre Feuchtigkeit schob und mein Daumen verspielt über ihre Lustperle strich. Sie lag wie dahin gegossen da und das tat sie, weil ich es ihr gesagt hatte, ein Mann wie Lord Kael erwartete etwas von seinen Huris und ich war gewillt, ihm meine Anwesenheit niemals langweilig werden zu lassen. Meine wohlgemerkt, Yaizrun war letztlich nur ein austauschbares Werkzeug.

„Ich werde bald gehen müssen, Milord“, sagte ich lächelnd, während ich einen zweiten Finger zum ersten gesellte und beide tief in Yaizruns nasse Spalte schob, was ihr ein etwas lauteres Stöhnen abrang. „Ich bin zum zehnten Schlag bei Eurem Vater zum Frühstück geladen und muss mich noch frisch machen."

„Natürlich. Zum Frühstück", schmunzelte Lord Kael und wandte den Kopf zu mir, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. Dann lachte er und sein Blick glitt für einen Moment über Yaizrun, die gerade ein leises Wimmern von sich gab, als mein Daumen fester über ihre Perle strich und ich anfing, meine Finger langsam ein- und ausfahren zu lassen. Er sagte nichts dazu und schmunzelte nur, bevor er wieder zu mir sah.

„Natürlich, Milord“, erwiderte ich und ließ meine Finger ein wenig schneller werden, nur einen Hauch, aber wohl ausreichend, Yaizrun hielt den Atem an und ließ ein leises, lustvolles Stöhnen hören. Ich lächelte, Huris waren recht einfach zu erregen und jegliches Schamgefühl wurde uns abtrainiert, sofern es nötig war. Ich hatte das nie gebraucht, ich war von Natur aus völlig schamlos. Und ich vermutete, dass unsere gesteigerte Libido ganz sicher nicht nur auf Training, sondern auch auf Wissenschaft beruhte, wie auch unsere Jugend und Schönheit, die uns bis zum neunten oder zehnten Umlauf erhalten blieb, danach aber schnell verblühte. "Und heute Abend zum zweiundzwanzigsten Schlag wurde für mich ein Treffen mit dem neuen Botschafter der Technokraten arrangiert. Nach dem Diner mit Euch und Eurer Gattin. Er wird meine Dienste erwarten.“

„Wer hat das veranlasst?“ fragte Lord Kael mit erhobenen Augenbrauen, aber seine Stimme klang amüsiert. Und wieder wanderte sein Blick zu Yaizrun, die sich jetzt unwillkürlich ein Stück gegen meine Hand schob, die Schenkel weiter öffnete und den Raum mit einem langgezogenen Seufzen füllte.

„Ihr natürlich, Milord", lächelte ich und klimperte mit meinen langen Wimpern, während meine Finger in Yaizrun kreisten und meine Daumenkuppe ihre Lustperle rieb. „Ihr habt ihn in Euer Haus geladen und wollt ihm das beste bieten, was ihr zu bieten habt. Und im Übrigen wartet er schon einige Zeit auf ein solches Treffen.“

"Und das beste, was ich zu bieten habe, bist natürlich du", lachte Lord Kael, der seinen Blick im Moment kaum von Yaizrun nehmen konnte, die leise wimmerte, weil ich sie nun in einem quälend langsamen Rhythmus mit meinen Fingern fickte, was sie jedesmal ganz kirre machte, weil ihr Art des Lustspiels es roher, härter und schneller wollte. Sie mochte es, wenn ein Mann sie ohne Gnade an die Wand nagelte und hart von hinten nahm. Ich dagegen bevorzuge Raffinesse und Sinnlichkeit, aber grade wegen dieses Gegensatzes ergänzten wir uns so wunderbar. Ich lächelte, als ich sah, wie sie ihren Kopf mit halb geöffneten Lippen zur Seite drehte und ganz woanders zu sein schien. Lord Kael liebte solche kleinen Spiele und genau deswegen bot ich sie ihm.

„Wenn Ihr das sagt, Milord", gab ich zurück und krümmte meine Finger in Yaizruns Nässe und drückte in ihrem Inneren gegen die empfindlichste Stelle, die ich bisher noch bei jeder Frau gefunden hatte. Ich wollte schließlich auch Lady Candris zufriedenstellen können. Yaizrun keuchte laut auf und ließ dann ein leises „Oh jaaa" über ihre Lippen kommen. Ich wusste, sie hätte es unterdrücken können, aber das in Maßen nicht zu tun war effektvoller.

„Du weißt wie ich, dass er ein unwichtiger Handlanger ist“, murmelte Lord Karl. „Die Technokraten haben nur deswegen wie immer einen Mann als Botschafter bestellt, weil der Rat keine Frau akzeptieren würde.“

„Gewiss, Milord“, antwortete ich und spürte, wie Yaizrun sich voller Erregung gegen meine Hand presste, um mehr Druck zu bekommen, und ihr Stöhnen wurde leiser und zittriger. „Ich weiß, dass die Gattin des Botschafters diejenige ist, die das Sagen hat.“

„Kluges Mädchen", lachte Lord Kael und sah mich mit vergnügt funkelnden Augen an.

„Eure Gattin hat mich ausgewählt, Milord“, sagte ich schlicht, lächelte und genoss seine Aufmerksamkeit, wie jede von uns sie genossen hätte.

„Ja, und es war eine weise Wahl, auch wenn du kein günstiger Kauf warst", schmunzelte er. „Aber dein Wert hat sich immerhin mehr als verzehnfacht.“

Yaizrun zwischen uns stöhnte leise auf, ihr Becken bewegte sich unruhig und ich spürte ihr leichtes Zittern. Und sie war pitschnass, meine Finger verursachten bei jeder Fickbewegung einen kleinen, schmatzenden Laut.

„Eure Gattin sagte, ich sei eine der beliebtesten Huris in Achaion“, sagte ich lächelnd, während meine Finger etwas schneller wurden. Natürlich wusste er das, aber jede Huri verspürte das Bedürfnis, sich vor ihm zu profilieren. Warum also nicht so eine Aussage noch einmal platzieren?

„Soso, sagt sie das?“ meinte er mit belustigtem Tonfall. Ich sah, wie Yaizrun jetzt die Lippen zusammenpresste, um ihre Laute zu unterdrücken, und es doch nicht schaffte. Ein leises, gequältes Wimmern kam aus ihrer Kehle „Und sie hat recht damit. Wenn ich auf jede Anfrage jedes noch so unwichtigen Lords eingehen würde, wärest du für einen halben Umlauf verliehen. Und würdest nichts anderes mehr tun, als die Beine breit zu machen.“

„Nun, Milord, darin bin ich ziemlich gut“, gab ich keck zurück und in dem Moment, in dem meine Finger einen bestimmten Winkel fanden und der Daumen fester auf ihrer Perle tanzte, kam Yaizrun. Ein leiser, lustvoller Aufschrei klang durch den Raum, ihr Körper spannte sich an, ihr Becken bebte und ihre Schenkel schlossen sich um meine Hand, um den Höhepunkt bis zum letzten Moment auszukosten.

Lord Kael betrachtete sie amüsiert und sagte nichts, aber ich wusste, dass er sich seinen Teil dachte. Als es nachließ und Yaizrun schwer atmend mit geschlossenen Augen dalag, zog ich langsam meine Hand aus ihr, wischte sie leidlich auf ihren Bauch ab und sah ihn an.

„Ich muss wirklich gehen, Milord", sagte ich bittend. "Wenn Ihr erlaubt."

„Natürlich, geh", nickte er noch immer mit diesem kleinen, belustigten Lächeln auf den Lippen. „Meinen Vater lässt eine Huri besser nicht warten."

Ich erhob mich, glitt vom Bett und neigte das Kinn, wie es sich geziemte. Dann griff ich nach meinem Kleid, das über dem Stuhl am Bettende lag, und schlüpfte hinein. Der Stoff schmiegte sich weich, kühl und reichlich durchsichtig an meine Haut.

„Danke, Milord", sagte ich noch einmal respektvoll und ging zur Tür. Als ich diese öffnete, in den Salon trat und sie gerade wieder hinter mir schließen wollte, hörte ich noch Lord Kaels leise und amüsierte Stimme.

„Bist du kleines Luder etwa ohne meine Erlaubnis gekommen?“ sagte er und ich schmunzelte. Dann fiel die Tür hinter mir ins Schloss...


Ich blieb einen Moment stehen, um die Augen an das Licht im Salon zu gewöhnen. Die Vorhänge waren inzwischen aufgezogen worden und die Fenster standen einen Spalt offen. Von der Nacht war nichts mehr übrig geblieben, die Sessel standen gerade, der Tisch war leer und poliert, und es roch nach nichts anderem als nach dem Wachs, mit dem irgendeine Dienerin ihn abgerieben hatte, während wir noch schliefen. Schade, der Geruch von Wein und Rauch hatte mir besser gefallen.

Ralaya stand am Fenster, die Hände vor dem Körper gefaltet und das Haar tadellos hochgesteckt. Sie hatte mich kommen hören, natürlich hatte sie das, sie hörte alles, was sich in den Gemächern ihrer Herrin abspielte, solange man die Tür nicht hinter sich zuzog.

Sie drehte sich erst um, als ich schon fast an ihr vorbei war. Ich hätte sie nicht angesprochen, das beste Gespräch mit dieser Frau war das, das man gar nicht erst führte, aber sie drehte sich um und es wäre sehr unhöflich gewesen, das zu ignorieren. Man konnte mir vieles nachsagen, aber unhöflich zeigte ich mich selten. Sie sah mich an und ihr Blick wanderte mehr als abschätzend über mich, fast schon herablassend. Langsam, herablassend und sehr gründlich, von den nackten Füßen über meinen recht wenig verhüllten Körper bis zu meinem Haar, das mir offen und völlig ungekämmt weit über die Schultern fiel.

„Es gibt Kleider im Westflügel, die zeigen weit weniger als deines", sagte sie leise und zog die Augenbrauen hoch. „Madame Carun lässt euch herumlaufen wie billige Huren. Und du wählst stets die billigste aller Möglichkeiten."

„Ich wähle, was mir steht. Und was Lord Kael gefällt", entgegnete ich lächelnd und wusste, dass allein die Erwähnung des Hausherren ihr einen Stich geben würde. Ich strich mir eine Strähne hinters Ohr und machte keinen Versuch, irgendetwas zu ordnen. „Und es gefällt ihm, mich so zu sehen."

„Es steht dir so gut, dass man das Wappen über deiner Brust von der anderen Seite des Ganges lesen könnte", gab Ralaya kühl zurück und schaffte es, eine leicht ätzende Nuance in ihre Stimme zu legen, aber das beeindruckte mich nicht. Eine Zofe hatte hinzunehmen, was in den Gemächern ihrer Herrin geschah, auch eine kaum bekleidete Huri wie mich.

„Dafür ist es ja da, Ralaya", gab ich lächelnd zurück und sparte mir den Hinweis, dass das Nichts aus diesem weichen, glatten und kühlen Tuch, aus dem mein Gewand bestand, teurer war als ihre Kleidung aus Leder, Messing und Stoff. Leder, Messing und Stoff konnte man in Achaia herstellen, Seide nicht, die kam aus Evorc. „Man soll es sehen, man hat es mir nicht in die Haut brennen lassen, damit ich es zudecke."

„Milady ist seit dem Morgengrauen auf den Beinen", ignorierte sie meine Bemerkung und brachte das nächste, was ihr einfiel, auf den Tisch, obwohl sie wusste, dass dieses Gespräch völlig sinnlos war, aber sie konnte nicht anders. Der Neid fraß an ihr, sie wollte an meiner Stelle sein, ein solches Kleid tragen und Nächte mit den Herrschaften verbringen. Stattdessen durfte sie am nächsten Morgen die Spuren der kleinen Ausschweifungen beseitigen lassen. „Sie hat bereits eine Kette empfangen und Geschäfte gemacht. Und du kommst erst jetzt aus dem Bett."

„Milady hat vorher eine sehr schöne Nacht gehabt", erwiderte ich freundlich und hätte fast gelacht. Es war ja nicht so, dass ich darüber bestimmte, wie lange ich im Bett lag, das oblag anderen und meinem Terminkalender. „Sie hat es ausgesprochen genossen. Ich weiß das ziemlich genau, ich war ja dabei. Und du weißt, dass ich dabei war, du hast es im Morgengrauen gesehen, als du es Lori überlassen hast, Milady zu wecken, was eigentlich deine Aufgabe gewesen wäre."

„Dann geh besser und mach dich sauber", sagte sie geringschätzig, während sie noch einmal ihren Blick über mich schweifen ließ. In ihrem Gesicht zuckte kurz etwas, war aber sofort wieder weg. „Der alte Lord erwartet dich zum zehnten Schlag. Zum Frühstück."

Sie ließ eine winzige Pause vor dem letzten Wort, das sie deutlich betonte, so kurz, dass man sie hätte überhören können, wenn man nicht gewusst hätte, dass Ralaya nichts versehentlich sagt. Lord Korvain hielt sich entgegen allen Gepflogenheiten des Hauses Jantro keinen Kammerdiener, sondern eine Kammerzofe, ein süßes, kleines Ding namens Dunuc, das er stets fast liebevoll Nuci nannte. Zofen redeten immer und überall nahezu alles miteinander und Dunuc war sogar äußerst gesprächig. Natürlich wusste Ralaya von meinem Termin mit Lord Kaels Vater.

„Zum Frühstück", bestätigte ich und lächelte immer noch. „Lord Korvain speist gern ausgiebig. Es dauert manchmal bis in den Nachmittag."

„Ich weiß, wie lange es dauern kann", gab sie spitz zurück, aber ihre Miene blieb undurchdringlich, ein weiteres Zucken würde sie sich nicht gestatten.

„Natürlich weißt du das", sagte ich, ging an ihr vorbei zur Tür und drehte mich noch einmal um. „Und ich weiß es auch. Der ganze Unterschied zwischen uns ist doch, dass wir beide dasselbe wissen, aber nur eine von uns dazu gerufen wird."

Ralaya sagte nichts und ihr Gesicht blieb unbewegt, aber ich wusste, dass ich sie tief getroffen hatte. Wie immer, wenn sie solch ein Gespräch provozierte, ging sie als Verliererin heraus, aber sie konnte es einfach nicht sein lassen. Ich wusste aber nicht, ob sie mich wirklich dafür hasste, dass ich vor mehr als einem Umlauf zur Huri ausgewählt wurde und nicht sie. Aber Freundinnen würden wir im diesem Leben nicht mehr werden.

Sie stand einfach da am Fenster, aufrecht wie immer, die Hände gefaltet, und sah mich an. In ihren Augen brannte etwas, das sie seit langer Zeit hinunterschluckte. Ralaya war eine schöne Frau das ließ sich nicht bestreiten: hohe Wangenknochen, volle Lippen und eine Figur, die Männern den Atem stocken ließ. Sie hatte damals geglaubt, dass das reichen würde, aber es hatte nicht gereicht. Sie war stattdessen Zofe von Lady Candris geworden und nun verbarg sich unter ihrer Kleidung der Makel, den jede von ihnen trug: die Klitoris entfernt, die Vagina für immer verschlossen, damit ja keine Versuchung aufkommen konnte und ihre volle Aufmerksamkeit ihrer Herrin galt.

„Guten Morgen, Ralaya", sagte ich und ließ es so freundlich klingen, wie es mir nur möglich war, nicht, weil ich versöhnlich sein wollte, sondern weil ich wusste, dass sie Freundlichkeit von mir als Mitleid empfand. Und zum Teil stimmte das, ich bemitleidete sie, weil für mich ein Leben ohne Lust kein Leben war. Da nahm ich es lieber hin, dass es Begegnungen gab, die nicht so schön waren.

Ich zog die Doppeltür zum Gang auf und trat hinaus. Die beiden Gardisten standen natürlich noch immer da, der Ältere mit dem grauen Bart, der geradeaus sah, und der Jüngere, der mich sofort anstarrte und einen Atemzug zu lange hinsah. Ich ging an ihnen vorbei, als wären sie Möbelstücke, und er murmelte etwas, das ich nicht verstand und wahrscheinlich auch nicht verstehen wollte.

Der Läufer lag dick und weich unter meinen Füßen, gleich vor der Tür, wie überall in diesem Gang. Ich ging an den anderen Räumen vorbei, den gemeinsamen Gemächern der Herrschaften, dann an denen von Lady Verain und Lady Roshwen, hinter denen es still war wie immer, und erreichte den Treppenabsatz. Leise eine alte Melodie aus den Ausbildungssälen von Madame Carun summend, nahm ich die Stufen hinunter und wandte mich nach Westen, hinüber in den Trakt, in dem es warm war, nach Öl und Puder roch und vor allen Dingen keine Ralaya existierte.

Ich schätzte, dass ich noch einen und einen halben Schlag und genug Zeit für ein ausgiebiges Bad hatte, bevor ich zum Frühstück beim alten Lord erscheinen musste, wobei "müssen" zwar stimmte, aber dennoch nicht das richtige Wort war. Ich mochte diese Einladungen zum Frühstück, bei denen es niemals Frühstück gab, es sei denn, man betrachtete den erfahrenen Schwanz von Lord Korvain als Frühstück. Ich schmunzelte vor mich hin. Der alte Lord aß wirklich langsam...

007

Was im Riegel passiert, bleibt im Riegel

Kathy · 21.08.2026

Gegen Nachmittag des dritten Tages war der Rost weg und damit auch die letzte Kraft. Jetzt spürte man, dass man seit zwei Tagen kaum geschlafen hatte und auf dieser Holzbank saß. Man roch nun wieder die Menschen, und das Schlimme war: Die meisten wurden jetzt nicht klarer, sondern die Gefahr, dass jemand hochging, war am höchsten. Sicher, das rote Licht kam hier nicht herein, aber wir alle hatten ein paar der Strahlen abbekommen, das ließ sich nicht vermeiden.

Selbst der Orden konnte die Zeit nicht so genau bestimmen. Ich wusste es meistens viel früher als die anderen, und ich hatte irgendwann angefangen zu zählen — nicht Stunden, dazu bräuchte man ein Messgerät, und wir kannten all diese Dinge nicht. Es waren die Muster und irgendein Sinn, den ich nicht beschreiben konnte. Meine Mutter hatte ihn und ihre Mutter auch. Ich wusste einfach, dass wir noch zwei Tage vor uns hatten. Ich wusste auch, dass es keinen Sinn hatte, es zu wissen. Ich konnte es niemandem sagen, denn die wenigsten hätten mir geglaubt, und der Orden sagte uns, wann es vorbei war, niemand sonst.

Über uns waren die Kinder, man hörte sie selten. Manchmal ein Poltern, ein Lachen oder ein Weinen, nie wirklich lang, nie wirklich so, dass die Eltern, die hier saßen, sich Sorgen machten. Es waren elf Halbwüchsige und an die vierzig Kinder, die keiner von uns die gesamte Zeit zu Gesicht bekam. Ihr Pigment war nicht so anfällig, es entwickelte sich erst mit der Zeit, genauso wie die Fähigkeit, aus der Sonne Nahrung zu ziehen.

Der Raum war kindgerecht eingerichtet: viel Spielzeug, Essen, das nicht zubereitet werden musste und für alle reichte, ein Bad, eben alles, was man brauchte. Dazu weiche Betten. Ich erinnere mich selbst kaum noch an die Zeit, als ich klein war, wohl aber an die, in der wir die anderen versorgt hatten — wobei ich nur einmal dabei gewesen war. Danach war ich als Bewahrerin ausgewählt worden.

Meine Gedanken wurden unterbrochen, weil Sallik redete. Eigentlich nichts Besonderes, er tat es in diesen Tagen oft und eigentlich immer, doch seine Worte ließen mich aufhorchen.

„Sechzig", sagte er und machte eine Pause. „In der Neunten waren sechzig Plätze."

Niemand schien ihm antworten zu wollen. Warum auch, es gab dazu nichts zu sagen, was wir nicht ohnehin alle wussten.

„Sechzig Zeichen", fuhr Sallik fort.

Ich sah, wie Kirre den Kopf hob und sich anders hinsetzte.

„Die sind jetzt frei", meinte Sallik. „Sechzig Plätze in einer Halle, die niemand mehr belegt. Das ist mehr, als die Sechzehnte überhaupt hat."

„Lass es." Kirres Stimme war deutlich.

„Ich frag ja nur, wer sie kriegt."

An diesem Punkt veränderte sich die Stimmung im Raum. Ich spürte es an mir selbst, ich spürte es, noch bevor die anderen es fühlten. Es hatte niemand von Toten gesprochen, es hatte niemand gefragt, wo diese Menschen hingegangen waren oder gerade sind. Doch jeder von uns konnte sich die Zahl sechzig vorstellen; das gehörte zu unserem Beruf.

Ich schob die Gedanken weg, die unwillkürlich kommen wollten, doch mit diesem Atemzug spannte sich meine Kette. Ich ballte die Fäuste, und es gab ein knirschendes Geräusch. Ein paar Reihen vor mir hörte ich dasselbe Geräusch. Ich war nicht allein.

„Sallik", sagte Kirre.

„Ich sag doch nur —"

„Sallik."

Endlich trat für einen Moment Schweigen ein. Doch die Worte waren gesprochen, und die Stimmung, die nun im Raum war, war nicht mehr aufzuhalten.

„Boll", hörten wir. Es war Rakke, die Stimme erkannte ich unter vielen. Er sagte den Namen seines Sohnes, so wie man sein Kind eben ruft. Es war kein Befehl, aber es lag etwas darin, das uns alle aufhorchen ließ.

Boll erstarrte ein wenig, er rührte sich nicht. Er hielt nun schon drei Tage durch, an der Seite von Nissa, die ihre Hand auf die Kiste zwischen ihnen legte, als wüsste sie, was kommt.

„Boll, du musst mich jetzt befreien", hörte ich Rakke sagen.

Mir wurde kalt. Wie gern hätte ich vermieden, dass Boll ausgerechnet miterleben musste, wie sein Vater in diesen Zustand der Raserei geriet — denn mir war klar, dass es passieren würde.

„Boll, ich sagte, mach mich los. Es ist vorbei, wir können gehen, ich schmecke es."

Alle sahen zu Rakke, und wir alle wussten, es half nichts, ihm zu widersprechen.

Boll selbst rührte sich nicht. Er saß da, wir sahen, wie er die Muskeln anspannte, und dann sah er vor sich auf den Boden.

„Ich weiß, was sie dir sagen, Boll, aber es ist nicht wahr. Hör auf mich, befrei mich, die Sonne ist weg, wir können spielen gehen, du bist der Einzige, der das kann." Die Stimme wurde eindringlicher, lauter.

Neben mir schloss Bewe die Augen. Sie hatte es viel öfter erlebt als ich. Es war jedes Mal dasselbe: Wir sahen zu, wie ein Kind lernte, gegen die eigenen Eltern zu bestehen. Es war so wichtig, so notwendig.

„Boll, ich werde dir alles geben. Ich werde dich versohlen. Du bist nicht mehr mein Sohn, wenn du mich nicht losmachst!", schrie sein eigener Vater in seiner Raserei, die nun voll durchkam. Die Kette klirrte, aber sie hielt ihn fest an seinem Platz.

Nur einen Sitz weiter saß Neve. Sie war bei sich, und sie sagte nichts, wie wir alle anderen. Sie blickte nur zu ihrem Sohn und nickte. Sie nickte, weil sie sah, wie er kämpfte, sich nicht zu bewegen, nicht auf seinen Vater zu hören, der gerade nicht bei Sinnen war. Sie sprach nicht, sie hielt nur den Blick auf Boll, der immer nervöser wurde.

Nissa ließ die Hand auf der Kiste, während sie den Blick auf Boll richtete und sich leicht zu ihm beugte. Auch sie sagte nichts zu ihm. Doch in ihrem Blick lag die Sicherheit, die Boll wohl brauchte, denn ich sah, wie er sich langsam zurücklehnte.

Rakke brauchte noch eine kleine Ewigkeit, bis es nachließ und er in sich zusammensackte. Es kam mir lange vor, zu lange für Boll, der zwischendurch seine Mutter angesehen hatte, dann den Boden und sich schließlich auf seinem Platz zusammengerollt hatte, als würde es damit aufhören.

Die Stille, die nun herrschte, war nicht erleichternd. Sie war schlimmer. Denn es drang einem ins Bewusstsein, was wir da durchlebten.

Schließlich war es Neve, die die Stille durchbrach und über den Winter sprach, über die Fässer, die man noch brauchen würde. Rakke antwortete, und auch die anderen nahmen die Gespräche über Fische und Vorräte wieder auf. Das war es, was wir immer taten: Wir planen für den Winter, wir rasen, dann planen wir. Ein Kreis, den wir immer wieder fanden.

Nissa hatte ihre Hand zurückgezogen. Sie hatte Boll etwas zu essen gegeben, und die beiden sprachen nun leise miteinander. Ich ahnte, was Nissa ihrem Schützling erzählte, denn sein Körper entspannte sich merklich.

Zwei Tage noch, dachte ich bei mir. Danach würden alle ihrem Tagwerk nachgehen, und niemand würde über die Situation sprechen. Was im Riegel passierte, blieb im Riegel und war nie geschehen. Wir sagten das, damit man einander hinterher noch ansehen konnte, reden konnte, gemeinsam arbeiten konnte. Es funktionierte gut, denn es war für uns alle ein heiliger Pakt. Doch wir alle erinnerten uns, und wir alle vergaßen nicht, auch wenn nie jemand darüber sprach.

Ich schloss die Augen. Auch wenn es nicht bequem war, half ein wenig Schlaf über die vielen Stunden in diesem Raum.

008

Das Ende der Roten

Kathy · 23.08.2026

Die Zeit verging auch, weil Bewe uns Rechenaufgaben gab. Zahlen waren spannend, und so lernten wir schlicht, was Gewichte bedeuteten und wie man sie gegen Getreide tauschen konnte. Eine Währung an sich hatten wir nicht, sie war nicht nötig. Jeder von uns hatte seine Aufgabe, und das funktionierte, schon immer.

Es war Boll, der es zuerst spürte. Er saß mit dem Rücken an der Kiste, beobachtet von uns allen.

Ich war die Einzige, die es wusste. Es musste gleich so weit sein, ich hatte es im Gespür, und als Boll sich regte und erstarrte, wusste ich, er spürte etwas, das wir alle gleich wahrnehmen würden.

„Da war etwas", stieß er aus.

Nissa hob den Kopf, ihre Hand legte sich auf die Wand. Niemand sprach, es war das erste Mal, dass Boll dieses Zeichen erlebte.

Dann erneut. Dieses Mal ging es auch durch mich hindurch.

Es war nichts, was man einfach erklären kann, bevor man es zum ersten Mal erlebt hat. Man hört es schließlich nicht mit den Ohren, eher mit den Zähnen und den Handknochen. Die Wand bebte ganz leicht, man hörte es nicht, aber man sah, wie der Staub sich aufwirbelte. Im Krug, der zwischen mir und Bewe stand, kräuselte sich kurz das Wasser, es zog Ringe, obwohl ihn niemand berührt hatte. Die Ketten, verbunden mit dem Boden, summten eigenartig um die Handgelenke. Es war so weit, ging mir durch den Kopf.

Stille herrschte im Raum, denn die meisten von uns wussten, woher dieses Geräusch kam. Oben hatte jemand vom Orden es ausgelöst — das Zeichen für Nissa und Boll, die Ankerhalle der Schließer zu öffnen.

Es entstand, wenn man mit einem Splitter gegen das Metall schlug, das aus dem Boden wuchs. Es war schon vor uns da gewesen und würde danach noch da sein. Nichts anderes brachte diesen Klang hervor, und der Orden besaß beides, das Wissen und den Splitter. Ich hatte als Kind einmal dagegen geschlagen, aber es hatte nichts gebracht.

„Boll", sagte Nissa und stand auf.

Sie lächelte, wie wir alle. Niemand konnte verstecken, dass er erleichtert war, schon gar nicht Boll, dessen Hände nun schwer zitterten. Nissa nickte nur zur Truhe hinüber, mehr brauchte es nicht.

Boll musste den schweren Deckel zweimal anheben, bis er den Schlüssel endlich hatte; er war absichtlich so schwer. Ich hörte, wie jemand unruhig einatmete. Wir versuchten alle, ruhig zu bleiben im Angesicht des Schlüssels.

Dann schob er ihn zum ersten Mal in die große, schwere Tür, löste den Riegel und den Splint. Das Tor schob sich auf, und wir alle konnten die Treppe nach oben sehen.

Erst danach begann er, die Handfesseln zu lösen. Aufgeregt und als Erstes bei seiner Mutter. Ich lächelte; jeder von uns hätte es genauso getan.

Als Boll bei mir war, sperrte er verkehrt herum auf, erst rechts, dann links, während Nissa ihn einfach machen ließ. Endlich war auch Sallik als Letzter befreit, und wir standen auf.

Wobei einem erst da wieder klar wurde, wie schwach man war. Sechs Tage unter der Erde überraschten einen selbst nach vielen Roten noch immer. Der Körper war schwach und erschöpft, das Laufen fiel schwer. Ich reichte Bewe meinen Arm, sie brauchte länger als ich.

Die Runde, die wir nun vor uns hatten, würden vor allem die Jüngeren beschreiten, Kirre und ich die Ostrunde. Bewe würde das tun, was allen Alten zustand: Sie gingen zur Lichtterrasse.

Ich hörte oben jemanden an der Tür fragen: „Wie steht der Himmel?"

Es war eine der wichtigsten Fragen, die ich überhaupt kannte. Nicht wie geht es dir, brauchst du etwas. Nein, es war die Frage nach dem Himmel. Der Erste oben ruft es nach unten.

„Er steht klar", hörte ich.

Innerlich atmete ich auf. Kein Streifen, kein Dunst, nur dieses hohe, noch harte Blau, in dem alles einen scharfen Schatten wirft. Jetzt gab es kein Halten mehr, wir wollten alle hinaus. Der Hunger fühlte sich real an, er war es auch.

Die Ältesten von uns blieben kurz stehen, wie wir alle, dann gingen sie zur nächsten Lichtterrasse. Noch war sie leer, aber sie würde sich füllen. Mit jeder Ankerhalle, die ich gleich aufschließen würde und die die anderen aufschlossen, würden die Menschen genau dorthin eilen. Es sah immer aus wie ein Fest, aber es war keins. Es war Essen.

Man selbst spürte es erst am Abend, wenn die Farbe wieder satter wurde. Jetzt sahen wir alle schlecht aus, fahl, zum Teil fast grau und stumpf. Teilweise hatten wir offene Wunden, die ich mir nie gut hatte erklären können, denn sie entstanden in diesen Tagen einfach. Im Licht schlossen sie sich dann so schnell, als wären sie nie da gewesen. Ein Tag reichte, und man fühlte sich wieder gesund.

Am Abend, wenn alle Licht bekommen hatten, erst dann kamen die Gespräche auf den Terrassen auf. Dann hörte man das erste Lachen, man sah in die Gesichter, die Farbe bekamen. Deswegen war die erste Frage nach jedem Riegel: Wie steht der Himmel. Graue Tage nach der roten Sonne waren schwere Tage. Es gab Rote, da hatte es Tage danach noch keine Sonne gegeben, und die zählte man an einer Hand ab und nannte sie mit Namen.

Ich sah den Alten also noch hinterher, bis ich endlich meinen Schlüssel von Nissa bekam. Dann machte ich mich mit Kirre auf die Runde. Es war unsere Aufgabe, und egal wie schwer die Beine sich anfühlten, wir erfüllten sie. Beim Schließen läuft man von außen nach innen, beim Aufschließen umgekehrt, also begannen wir bei der Elften. Doch der Weg dorthin dauerte sehr viel länger als sechs Tage zuvor.

Wir erreichten die erste Ankerhalle. Der Geruch, der uns entgegenströmte, hatte mich in der ersten Zeit meiner Aufgabe immer würgen lassen. Viele Menschen auf einem Raum, das roch man. Doch heute wusste ich schlicht, wie es sich anfühlte.

Wir schlossen die Menschen auf und erzählten, dass der Himmel klar war. Wir sahen dumpfe, fahle, erschöpfte Gesichter. In jeder Halle gab es Verletzte, Kratzer, blaue Flecken, es blieb nicht aus. Ich sah es und doch auch wieder nicht. Es war wie immer.

In der Elften sah ich den jungen Mann, der nach seinem Bruder gesucht hatte. Die Neunte gab es nicht mehr, doch ihm das zu sagen, brachte weder Kirre noch ich übers Herz. Kirre war es, die den jungen Mann befreite. Er lief nach draußen, und ich schaffte es nicht, ihm hinterherzusehen. Vielleicht würde er erst essen und so nicht gleich erfahren, was geschehen war. ((Zur Sicherheit jetzt hier noch mal))

Doch es blieb keine Zeit, nach ihm zu sehen, es warteten weitere Menschen auf mich und Kirre. In der Achtzehnten sah ich wundgescheuerte Handgelenke, Schmerzen, die ich nie sehen wollte, aber zwangsläufig sah. Ich nahm es wahr und merkte es mir, wie man so etwas eben merkt.

Es war überall dasselbe. In jeder Halle, in der wir ankamen, waren die Menschen froh und erleichtert, aber auch höflich. Sie alle gingen nach draußen. Sie sagten bitte und danke, und niemand, wirklich niemand brach diesen Kodex, diese Lüge, die wir uns alle erzählten: Was im Riegel war, war nicht. Ich hatte nie erlebt, dass jemand sie gebrochen hätte.

Die Neunzehnte war die letzte auf unserer Runde. Der Weg dorthin ging über das offene Feld, und die sechsundvierzig, die unten standen, brauchten lange, bis sie alle oben waren. Sechsundvierzig Menschen sind nicht schneller als der Letzte von ihnen. Ich zählte mit, wie ich es immer tat, und dieses Mal stimmte es.

Danach hätten wir zurückgehen können. Aber Kirre nahm die Neunte wieder an unser Ende mit, so wie sie es vor sechs Tagen getan hatte, und niemand von uns sagte etwas dazu.

Ich wusste, was uns erwartete, und trotzdem war es meine Aufgabe, den Schlüssel zu benutzen. Ich hatte abgeschlossen, also würde ich auch aufschließen.

Der Weg zurück ging wieder über das Feld. Kirre war ein wenig zurückgeblieben, und so war ich das erste Mal seit sechs Tagen für mich.

Sechs Tage hatte ich bewusst nicht daran gedacht, und es war mir gelungen, weil die Geschichten und Bewes Rechenaufgaben die Zeit vergehen ließen. Ich war nur zu gerne abgelenkt gewesen. Man kam eben durch, wenn man beschäftigt war. Jetzt war ich es nicht mehr. Jetzt trugen meine müden Beine mich bis zur Tür der Neunten.

Einen Moment sah ich sie an, überblickte die schwere Tür und wusste doch, da war niemand mehr.

Kirre holte auf und blieb schwer atmend neben mir stehen. Einen Moment schwiegen wir einfach, dann sagte sie: „Sie werden dich holen."

„Ich weiß."

„Es ist nichts, Marreke. Dein Schlüssel, dein Name. Sie fragen einfach den oder diejenige, die zuletzt an der Tür war."

Ich nickte, denn mein Herz wollte an die Tatsache, dass ich vorgeladen werden würde, noch nicht denken.

Niemand von uns wollte das. Aber es geschah nicht oft, denn nicht immer verschwanden ganze Hallen, das war eher selten. Deswegen hatte ich versucht, nicht daran zu denken. Jetzt war es zu spät.

Ich drehte langsam den Schlüssel. Noch immer war die Halle frisch gekehrt, man sah nur unsere Fußabdrücke, die wir vor sechs Tagen hinterlassen hatten.

„Komm, es wird schon nicht so schlimm", hörte ich Kirre sagen.

Kurz zog sich mein erschöpfter Körper zusammen. An der Art, wie ihre Worte klangen, spürte ich, dass sie selber nicht daran glaubte. Und ich auch nicht.

009

Die Anhörung

Kathy · 23.08.2026

Sie kamen am Morgen, und sie waren zu zweit. Ich war noch nicht lange im Zunfthaus eingetroffen, vielleicht ein paar wenige Momente, wer wusste das hier schon genau. Das Klopfen hatte uns alle aufsehen lassen. Es war Bewe gewesen, die ihnen die Tür öffnete, ich hatte von meinem Platz auf der Bank aus zugesehen. Bewe hatte einen Schritt nach hinten gemacht, etwas, das sie nie tat. Sie hatte hundertvierundachtzig gesehen, und in diesem Alter musste sie vor fast niemandem in dieser Stadt zurücktreten.

Doch das war das eine, das andere war die plötzliche Stille. Sogar der Koch hörte auf, im Topf zu rühren. Seltsam, dass mir das auffiel, aber er starrte zur Tür wie wir alle. Die beiden traten ein. Ihre langen dunklen Roben waren aus feinen Fasern gewoben, die wir uns alle nicht hätten leisten können. Die dunklen Kapuzen waren tief ins Gesicht gezogen, und so war es mir unmöglich zu erkennen, wer da meinen Namen aussprach.

„Marreke."

Es war der Vordere, und es lag keine Frage in meinem Namen, sondern ein Befehl.

Ich hatte ja damit gerechnet, und trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet. Mein Körper reagierte, meine Hände wurden kalt, und der Rest von mir fror auf einmal. Ich dachte an meinen Mantel, und noch während ich aufstand, sagte ich: „Ich hole meinen Mantel."

Doch ich wurde unterbrochen. „Das ist nicht nötig."

Wieder diese Stimme, die keine Widerworte zuließ. Mein Kopf hob sich leicht. Es war nicht wirklich kalt, ich brauchte keinen Mantel. Ich hatte gefragt, um das Unvermeidliche hinauszuzögern, und wir alle in diesem Raum wussten es. Schlimmer noch, SIE wussten es.

Kirre stand hinter mir auf. Der Größere der beiden sah sie an, ein kurzer, langer Blick, dann setzte Kirre sich wieder.

Ich warf den anderen einen Blick zu. Niemand redete, und auch das blieb in meinem Kopf, während ich sah, wie die beiden sich umdrehten und mich in ihre Mitte nahmen. Man hätte nicht zwei schicken müssen, ich wäre so oder so mitgegangen. Aber sie waren zu zweit, und das sagte doch etwas. Oder nicht?

Wir schwiegen, während wir auf den Ordenspalast zugingen. Haus passte einfach nicht, Palast war auch zu groß, aber es war trotzdem das mächtigste Gebäude auf ganz Talvenn, so glaubte ich. Viel mehr gab es ja nicht. Woher die Boote kamen, war mir noch nie klar gewesen.

Als wir in das große Gebäude traten, flutete mich die Erinnerung. Ich war mit meiner Mutter hier gewesen, als Kind, um mein Ankerzeichen abzuholen, und später noch einmal, als sie dort zu tun gehabt hatte. Es war der Tag gewesen, an dem ich versucht hatte, das große Metallwrack zum Klingen zu bringen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter ihr Gesicht verdeckt hatte, als sie zurückgekommen war. Ich war ein Kind. Erst heute kam mir in den Sinn, dass irgendetwas nicht gut gelaufen sein musste.

Ich hatte den Palast anders in Erinnerung, heller. Aber hier war es nicht hell, es strahlte etwas aus, das ich nicht greifen konnte.

Wir passierten den öffentlichen Teil, dort, wo Menschen warteten, ihr Anliegen loswerden zu dürfen. Wir gingen an ihnen vorbei, und ich fühlte die Blicke auf mir. Ich konnte ihre Gedanken förmlich lesen, und ich teilte sie.

Wir folgten einem Gang, der langsam, aber stetig abwärts führte. Je weiter wir gingen, desto weniger Fenster gab es. Aber es gab Licht. Sehr viel Licht. Alle paar Meter eine Lampe, und ich konnte das Öl riechen.

Wie seltsam, woran man denkt, wenn man in einer solchen Lage ist. Der Geruch begleitete mich, und ich rechnete aus, wie viel Öl man hier am Tag wohl verbrannte, sicher mehr als wir in den sechs Tagen im Ankerraum. Vielleicht aber war es gerade der Gedanke an dieses Öl, der mich aufrecht hielt und meine Angst im Zaum. Denn ja, die hatte ich, ich spürte sie förmlich in den Magen kriechen. Der Kleinere von beiden öffnete eine Tür. Der Raum, in den wir traten, war kleiner, als ich erwartet hatte. Grobe Steine bildeten die Wände, der Boden war ebenfalls aus Stein, es gab kein Fenster. Nur zwei Tische, ein größerer, um den vier Stühle standen, einer auf der einen Seite, drei auf der anderen, und ein kleinerer, der etwas seitlich stand. An ihm saß eine Schreiberin. Ich sah, dass sie schon schrieb, als ich eintrat.

In der Mitte, genau mir gegenüber, saß ein Mann. Er passte zu den beiden anderen, seine Ausstrahlung war noch ein wenig härter, und ich spürte, wie ich schlucken musste, als er mir zunickte. „Marreke. Setz dich."

Kein Bitte, kein Schön, dass du hier bist. Nein.

Ich setzte mich, der Stuhl war kalt, und meine Augen huschten herum, während meine Begleiter sich ebenfalls setzten. Sie nahmen ihre Kapuzen nicht ab, etwas, das wir dort oben, draußen, immer taten. Kapuzen waren für draußen, für den Wind, den Regen. Drinnen war es höflich, sie abzunehmen.

Ich spürte meinen Puls pochen, als der Mann in der Mitte zu mir sagte: „Ein Glas Wasser? Es ist kurz nach dem Riegel, das ist mir bewusst, aber wir müssen dich sprechen." Ich nickte leicht. Es war unnormal, so früh nach dem Riegel jemanden zu so etwas zu laden, wir alle waren noch schwach und holten noch nach. Von daher nahm ich das Wasser mit einem leisen „Danke" an. Die Schreiberin hatte es mir hingestellt, dann setzte sie sich wieder und schrieb.

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sie die Zunftschrift verwendete, dieselbe, die ich gelernt hatte. Wie sollte ich jemals Buch führen, wenn ich nicht lesen und schreiben könnte. Auch wenn mir klar war, dass es nicht die Schrift des Ordens war.

Wieder wollten meine Gedanken abtauchen. Ich zwang mich, einen Schluck Wasser zu trinken.

„Du warst die Schließerin, die die Neunte verschlossen hat?", begann der Mittlere.

Ich nickte, denn es war dokumentiert, ich wusste, Bewe hatte alles aufgeschrieben, und warum sollte ich lügen. Ich hatte keinen Grund dazu. „Ja, das war ich."

Er sprach gleich weiter. „In welchem Zustand war die Halle?"

Ich erinnerte mich genau, und so war es ein Leichtes, ihm zu antworten. „Sie war sauber gekehrt worden, alles war ordentlich an seinem Platz, nur die Menschen waren nicht da." Kurz stockte ich, weil ich sehen konnte, lesen konnte, wie die Schreiberin etwas ganz anderes notierte.

Ein Räuspern brachte mich zurück. Sicher wussten alle im Raum, dass ich lesen konnte, aber es war mir nicht erlaubt, über Kopf mitzulesen, auch wenn mein Geist das in Sekundenschnelle tat. Ich verbarg es schnell wieder.

Denn die nächste Frage war die nach Orrun. „Kanntest du den Schließer, der die Halle eigentlich hätte schließen sollen?"

Ich wog leicht den Kopf. „So gut, wie man jemanden kennt, mit dem man arbeitet und die Zeit der roten Sonne verbringt. Wir hatten keine nähere Bekanntschaft."

Was ausschloss, dass wir uns je berührt hätten. Zugegeben, ich hätte gern einen Mann gefunden, aber bis jetzt hatte sich das schlicht nicht ergeben, und ich war noch jung genug, um der Sache Zeit zu geben.

Nun war es der Rechte, der Große, der mich begleitet hatte. „Ist dir sonst noch etwas aufgefallen? Jede Kleinigkeit kann wichtig sein, die Familien verdienen eine Aufklärung." Ich fühlte mich seltsam schuldig, auch wenn ich es gar nicht war. Ich überlegte noch einmal, dann sagte ich: „Nur der Besen. Der Besen stand noch in der Halle. Es war seltsam, sie war gekehrt und ordentlich, warum also hat jemand den Besen nicht weggeräumt?"

Wieder huschten meine Augen kurz zu der Schreiberin, die etwas aufschrieb, was ich im Kopf übersetzte mit: Flucht.

Warum sollten die Menschen geflohen sein, und wovor?

Wieder fixierte mich der Mann in der Mitte. „Gut. Wir werden dich zur Ermittlerin in dieser Sache machen."

Meine Augen weiteten sich leicht. Ich hatte davon gehört, dass der Orden manchmal einen von uns auswählte, um die Dinge in ein Licht zu rücken, in dem man erkennen konnte, was geschehen war. Doch ich war dazu eigentlich viel zu jung. Es kam mir seltsam vor, aber natürlich sprach ich es nicht aus.

„Was, was soll ich tun?", hörte ich mich stattdessen sagen. Meine Handflächen waren leicht feucht vom kalten Schweiß.

Wieder war die Stimme ein klarer Befehl, nichts, was irgendwie angenehm anzuhören war. „Wir erwarten einen vollständigen Bericht nach zwei Nächten. Wohin sind die Menschen gegangen? Du bist Schließerin, du weißt das besser als jeder andere. Gibt es Überreste, und wenn ja, wo liegen sie."

Ich nickte leicht und spürte, wie meine Stimme leicht zitterte. „Natürlich, wenn Ihr das wünscht, versuche ich etwas herauszufinden."

Der Kleinere war es, der darauf antwortete. „Nicht versuchen. Wir erwarten Ergebnisse. Du kannst gehen."

Damit erhoben sich die anderen. Es gab keinen Moment, in dem ich hätte nachfragen können.

Noch an der Tür wurde ich noch einmal aufgehalten. „Und es versteht sich von selbst, dass du mit niemandem über die Aufgabe sprichst. Außer mit uns."

Kurz leuchtete in meinem Kopf auf, dass in zwei Nächten die gelbe Sonne aufgehen würde und die Spuren dann vielleicht verloren wären. Es machte auf eine Art Sinn, was man mir sagte. Ich war gewohnt, nicht zu widersprechen, also nickte ich noch einmal, dann ging ich hinaus.

Der Weg zurück, allein durch den langen Flur, flößte mir noch mehr Respekt ein. Dabei erinnerte ich mich vor allem an die Schreiberin, deren letzte Wörter ich beim Vorbeigehen gelesen hatte. Bericht unwichtig.

Warum war er unwichtig, wenn ich ihn doch abgeben sollte? Irgendetwas schien nicht zu stimmen, und mein Bauchgefühl meldete sich deutlich.

Ich schob es zur Seite. Ich war hungrig, ich musste zurück an die Sonne und noch auftanken, ich hatte gestern nicht genug bekommen. Doch meine Aufgabe musste auch erledigt werden. Mit dem Gedanken, wie ich es anstellen sollte, verließ ich das Gebäude, das aussah wie ein trutziger Palast. Ich sah zu einer der Lichtterrassen. Sollte ich mich nur eine Stunde aufladen oder gleich losgehen?

Ich sah zurück. Das ungute Gefühl wich nicht. Dann entschloss ich mich, doch erst einmal zur Neunten zu gehen. Vielleicht würden sich dort meine Gedanken klären.

010

Die Ermittlerin

Kathy · 26.08.2026

Meine Schritte führten mich zur Neunten, die dort lag, wie ich sie gestern verlassen hatte, und das war das Erste, was nicht stimmte. Ich hatte sie aufgeschlossen und nicht wieder verriegelt, warum auch, das wäre albern gewesen. Die Tür stand immer noch genau den Spalt offen, wie ich es hinterlassen hatte. Es war also niemand hier gewesen. Keine Familie, kein Nachbar, niemand.

Ich legte den Kopf leicht schief. Sechzig Menschen fehlen, eine ganze Halle ist nicht mehr da, und niemand sieht nach? Niemand hatte einen Tag später nach den Menschen gesucht. Das war selbst für mich nur schwer zu erklären.

Ich zog die Tür auf und trat langsam ins Halbdunkel, wobei ich auf der vierten Stufe stehen blieb, weil ich nichts zertreten wollte. Die Fußabdrücke, die ich im gekehrten Staub sehen konnte, waren immer noch unsere. Ich erkannte Salliks breite Sohlen und die schmalen von Kirre und dazwischen meine eigenen. Wir waren von der Treppe in die Mitte gegangen und wieder zurück.

Doch wenn man genau hinsah, sah man weitere Fußabdrücke. Sie waren älter und sehr viel verwischter. Jemand hatte gekehrt, und beim Abschließen hatte ich noch gedacht, dass es ordentlich gemacht worden war. Jetzt sah ich, dass es nicht gründlich genug gewesen war, um alles zu tilgen.

Diese älteren Fußabdrücke führten alle in eine Richtung.

Ich ging in die Knie und sah es mir an, so lange, bis mir die Beine förmlich einschliefen. Die Spuren zeugten nicht von einem Gedränge oder großer Eile. Sie waren klar, sie lagen hintereinander und nicht kreuz und quer, wie wenn man schnell hinauswill. Sie führten fast wie eine Schnur nach draußen, die Stufen hinauf.

Ich blickte mich noch einmal um. Menschen, die flohen, gingen nicht in einer Reihe.

Kurz seufzte ich, weil ich das vielleicht hätte aufschreiben sollen, aber ich hatte nichts mitgenommen. Schrieb eine Ermittlerin alles auf? Vermutlich. Ich wusste es nicht, ich nahm aber an, dass es besser wäre, wenn ich solche Dinge festhalten würde. Am Ende hatte ich einen klugen Kopf, und der würde reichen müssen.

Ich trat hinaus in die Sonne. Einen Moment rührte ich mich nicht, nahm die Strahlen auf. Ich war immer noch hungrig, ich hatte zu wenig bekommen, aber jetzt war dafür keine Zeit.

Ich überlegte, wohin ich gehen sollte. An der Neunten fand man drei Wege: Der eine führte zu den Lichtterrassen des Viertels, der andere in das Viertel hinein und der letzte hinunter in Richtung Meer.

Wohin würden so viele Menschen gehen? Sie waren nicht zu Hause, das wüssten wir, denn dann hätten wir Tote gefunden. Das hatten wir aber nicht. Zu den Lichtterrassen ergab keinen Sinn. Und weil ich gewohnt war, in Runden zu laufen, entschied ich mich für den Weg zum Meer.

Es glitzerte im harten Licht der blauen Sonne auf seine ganz eigene Weise. Der Geruch von Salz und Fisch stieg mir in die Nase, als ich das festgetretene Areal des Hafens erreichte.

Im Grunde war der Hafen nach dem Riegel ein etwas trauriger Ort. Alles lag fest und vertäut an Ort und Stelle, die Leute waren noch dabei, sich zu erholen, es waren nur wenige unterwegs. Meist die Jungen, die sich sehr viel schneller erholten. Die Sonne war wichtiger als die Arbeit, die wäre morgen auch noch da.

Einzig ein alter Mann saß dort und flickte Netze, und irgendwie mochte ich das Bild. Er saß da ganz ruhig, der Oberkörper frei, ganz sicher, um mehr Sonne aufzunehmen. Einen Moment betrachtete ich ihn, wie er mit einer Nadel aus Fischknochen das Netz vervollständigte. Am Ende des Stegs saßen zwei Kinder auf dem Poller und ließen die nackten Zehen ins Wasser baumeln.

Die beiden großen Liegeplätze für die Schiffe waren leer.

Einen Moment begriff ich es gar nicht, denn es war nichts Ungewöhnliches. Hier lagen nicht immer Schiffe, warum sollten sie auch, sie kamen und gingen, und über die Zeit der Roten ergab es keinen Sinn, hier zu liegen.

Dennoch hatten vor dem Riegel hier zwei große Handelsschiffe gelegen.

Ich wusste das auch, weil Bewe es aufgeschrieben hatte, als wir unsere Schließrunde gegangen waren. Ich hatte sie noch gefragt, warum sie das tat, und Bewe hatte mir daraufhin gesagt, dass sie immer aufschreibe, wann Schiffe da seien, einfach so. Wir hatten es also alle gesehen, Bewe, Sallik, Kirre und ich, so wie alle Bewohner, die an dem Tag hier vorbeigekommen waren.

Ich sah noch einmal auf die leeren Liegeplätze. Wann waren sie wohl gefahren? Niemand fuhr bei der roten Sonne hinaus, niemand von uns. Man kann kein Tau bedienen, kein Segel nach oben ziehen, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist. Alles auf einem Schiff braucht Hände und Verstand, und die hatten wir nicht.

Diese Schiffe mussten also davor oder danach gefahren sein. Aber danach, das glaubte ich nicht. Wir hätten es gesehen, wenn ein Schiff ausgelaufen wäre, man sieht das von den Lichtterrassen der Stadt ganz gut.

Also vorher. Vielleicht zu dem Zeitpunkt, an dem auch sechzig Menschen die Halle verlassen hatten?

Mein Gedanke hing einen Moment. Konnte so etwas möglich sein? Und warum sollte das ein Ziel sein? Ich stand noch ein paar Minuten da und ließ es mir durch den Kopf gehen, dachte es zu Ende. Aber es blieb nur die eine Möglichkeit: Wenn sie hierhergekommen waren, dann waren sie erstens nicht geflohen und zweitens vermutlich freiwillig an Bord gegangen. Nur das Warum erschloss sich mir nicht.

Langsam drehte ich mich zu dem alten Mann, der längst erkannt hatte, dass ich eine Schließerin war. Man sah es an den Schlüsseln, die ich an meinem Gewand trug, und an dem Emblem unserer Zunft. Er musterte mich kurz, als ich ihn ansprach.

„Guten Tag. Darf ich zu den Schiffen etwas fragen?"

Er nickte, als wollte er sagen: Ich kann es ja eh nicht verhindern. Aber er schwieg erst einmal noch. Ich schwieg einen Moment mit ihm, das war nur höflich, dann fragte ich:

„Die Schiffe, die vor der Roten hier lagen — weißt du, woher sie kommen?"

Wieder warf er mir einen Blick zu, der schwer zu deuten war. Ich hätte ihn wohl auch fragen können, woher der Regen kommt.

„Von den anderen Städten", sagte er dann schlicht und fügte an: „Irgendwo die Küste hinauf. Da soll es guten Boden geben."

Ich hatte mich nie damit beschäftigt, und ich spürte die Neugier in meinen Worten. „Warst du mal dort?"

Er lachte und wandte sich wieder seinem Netz zu. „Mädchen, niemand war je dort. Die gelbe Sonne kommt in zwei Tagen, es wäre wohl Blödsinn. Außerdem haben wir alles, was man braucht."

Ich kaute kurz auf den Lippen, weil er recht hatte. Niemand von uns hatte sich je mehr als vier Stunden hinaus aufs Meer gewagt. Wir kannten ein paar kleinere Inseln, die dort vor unserer Küste lagen, aber andere Städte? Nein. Die gelbe Sonne war nie gnädig zu uns, und wer das Boot verlor, verlor unsere Nahrungsgrundlage. Deswegen wagten wir es nicht.

Die meisten von uns wussten, dass es andere Städte gab, weil die Schiffe kamen. Sie brachten Waren mit, die wir nicht herstellen konnten. Doch warum wussten wir nichts über sie? Warum hatte nie jemand von uns nachgefragt — oder hatten sie? Wusste der Orden etwas darüber und sagte es uns einfach nicht?

In all diese Gedanken hinein legte der alte Mann sein Netz über den Schoß. „Was auch immer du suchst, auf dem Meer wirst du es nicht finden."

Damit hatte er wohl recht.

Ich nickte und ging ein paar Schritte zurück. Der Boden war festgestampft. An einem Poller blieb ich kurz stehen. Ich weiß nicht, was die Spiegelung ausgelöst hatte, aber plötzlich blitzte etwas auf. Ich beugte mich hinunter und grub vorsichtig mit den Fingern das aus, was mir in die Augen geblitzt war.

Einen Moment stockte ich, als ich das Metallstück aus dem Boden zog.

Es war ein Ankerzeichen aus der Neunten, das ich in der Hand hielt.

Ich setzte mich langsam auf den Poller, er war warm von der Sonne. Langsam drehte ich das Zeichen und zählte noch einmal die Kerben. Es waren neun. Ich las den Namen, der dort stand. Ich hatte ihn schon gehört, und es war keine sechs Tage her.

Ein kurzer Schauer glitt über meinen Rücken, als ich begriff, dass ich das Ankerzeichen des Mannes in der Hand hielt, dessen Bruder in der Elften gewesen war.

Ich fuhr mit dem Daumen über die Rillen und Kerben. Warum lag dieses Ankerzeichen hier? Niemand verlor so etwas einfach, sie waren uns heilig, sie waren der Beweis, dass wir einen Platz in einer Halle hatten. Ich drehte es hin und her, aber es ergab keinen Sinn. Denn wenn das Ankerzeichen hier war, dann war der Mann —

Mein Blick ging wieder zu dem leeren Liegeplatz. Ich atmete leicht ein, und während ich genau dorthin schaute, blitzte es ein zweites Mal auf.

Langsam erhob ich mich. Noch ein Ankerzeichen? Wieder bückte ich mich und hob etwas aus Metall auf, das halb im Dreck gelegen hatte.

Einen Moment drehte ich das dünne, flache und vor allem kreisrunde Ding in der Hand. Es zierten ebenfalls Kerben, und es war so glatt, wie bei uns nichts glatt ist. Es fühlte sich fast an wie ein Handschmeichler und war golden und silbrig zugleich. Als ich es leicht drehte, warf es das Licht zurück ins Wasser. Ich öffnete den Mund. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Erst dann erkannte ich die Zeichen. Ich sah sie an, kniff die Augen zusammen, hielt sie gegen das Licht und versuchte alles, fuhr sogar mit dem Daumen darüber. Aber ich konnte es nicht lesen. Wo fing es an, und wo hörte es auf, und warum sah es anders aus als jede Schrift, die ich je gesehen hatte?

Mein Kopf schien vor Fragen förmlich zu explodieren. Denn ich war eine von wenigen hundert Menschen auf dieser Welt, die lesen können. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Zeichen sich zu Wörtern fügen. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, die Zeichen des Ordens zu sehen. Die kann nicht jeder lesen, es ist uns ja auch verboten, und ich verstehe meist nur jedes dritte Wort, weil ich es heimlich tun muss.

Diese Schrift war nichts davon. Sie war anders.

So blieb mir nichts anderes übrig, als sie einzustecken, zu dem Ankerzeichen. Der alte Mann mit dem Netz hatte mir die ganze Zeit zugesehen, aber er nickte nur, als ich mich verabschiedete.

Mochte er denken, was er wollte. Ich sollte zurück ins Ordenshaus gehen und meine Funde abgeben.

011

Das Verhör (Marreke)

Kathy · 26.08.2026

Es war ein seltsames Gefühl, zum zweiten Mal an diesem Tag hier zu stehen und auf die Mauern zu starren. Dann gab ich mir einen Ruck und betrat die Räume.

Jetzt am Abend war der Vorraum leer. Ich sah mich kurz um, es gab keine Bänke, nichts, worauf man sich hätte setzen können. Man stand hier und wartete.

Der Mann an der Schranke sah nicht auf, als ich zu ihm trat. Es brauchte einen Moment, bis ich den Mut hatte zu sagen: „Ich bin Marreke. Man hat mich zur Ermittlerin in der Sache der Neunten gemacht."

Er erwiderte nichts, er sah nicht auf. Er blätterte durch ein Buch. Es war Ordensschrift, ich erkannte es fast sofort, aber natürlich war es zu klein geschrieben, als dass ich es hätte lesen können.

Das Schweigen war mehr als unangenehm, also wiederholte ich meinen Satz. Dieses Mal hob er den Kopf, die Kapuze zu tief, als dass ich seine Augen hätte sehen können.

„Warte hier."

Ich nickte, etwas hilflos. Denn er machte keine Anstalten zu gehen oder jemandem Bescheid zu geben, dass ich hier war.

Meine Schultern schmerzten, ich fühlte die Anstrengung des Tages, der letzten Tage mehr oder weniger. Ich hatte immer noch zu wenig Sonne, und gegessen hatte ich heute noch gar nichts. Mein Magen knurrte, während ich sah, wie meine Haut wieder fahler geworden war.

An dem einzigen Fenster in diesem Raum sah ich, wie es dunkel wurde. Ich stand immer noch still an meinem Platz, etwas seitlich von dem Mann an der Schranke. Meine Beine waren schwer, und für einen Moment wünschte ich mir, ich könnte mich setzen.

Ich weiß nicht mehr, wann, aber irgendwann klappte der Mann sein Buch zu und ging einfach. Einen winzigen Moment war ich allein, dann aber kam ein anderer. Auch er hatte ein Buch, er legte es vor sich, und ohne mich auch nur anzusehen, begann er zu lesen.

Es zermürbte mich. Das Warten war anstrengend, es fraß sich in meine Nerven, weil ich nicht wusste, warum man mich warten ließ, warum man nicht wissen wollte, was ich hatte. Doch ich wagte auch nicht, die Dinge aus meiner Tasche zu holen.

Irgendwann ging weit hinten eine Tür auf. Ich hörte die Schritte, bevor ich den Großen sah, es war derselbe wie am Morgen. Mit einem Fingerwinken zeigte er mir an, dass ich mitkommen sollte.

Ich passierte die Schranke, und wir gingen wieder den Gang hinunter, diesmal aber weiter, an der Tür vorbei, hinter der ich am Morgen gesessen hatte. Der Gang wurde schmaler, ein wenig dunkler, als wären die Lampen hier anders. Vielleicht war es aber auch Einbildung, weil die Decke ein wenig niedriger war.

Ich zählte im Vorbeigehen die Türen. Kurz fragte ich mich, wie viele es hier wohl geben würde, doch dann hielten wir an. Es war die neunte Tür, die er öffnete.

Ein kalter Windzug erfasste mich. Der Raum war nicht groß anders als der am Morgen, irgendwie waren die Wände grober, es gab nur einen Tisch und dazu wieder vier Stühle, und er war leer, bis wir eintraten.

Noch während er hinter mir die Tür schloss, befahl er: „Leg hin, was du gefunden hast." Er deutete auf den Tisch.

Ich holte das Ankerzeichen hervor und legte es auf den Tisch, dabei erklärte ich: „Das hier habe ich am Liegeplatz der Schiffe gefunden, drei Schritte davon entfernt, am Poller. Es lag zwischen den Steinen und halb im Sand."

Er musterte mich und sagte auf meine Worte nur: „Leg alles hin, was du gefunden hast."

Kurz zögerte ich. Woher wusste er, dass ich noch mehr gefunden hatte? Es gab aber auch keinen Grund, es nicht zu tun.

Ich legte die Münze neben das Ankerzeichen.

Ich hatte so viel Zeit gehabt nachzudenken, dass mir mittlerweile klar war, dass es etwas sein musste, was andere benutzten, um Waren zu tauschen. Bewe hatte das irgendwann einmal in einer Roten erwähnt, und es wäre mir beinahe nicht mehr eingefallen, wenn sie nicht gesagt hätte, dass diese Dinge immer blitzen und blinken. Vielleicht, hatte ich damals gedacht, war das alles nur ausgedacht.

Es war nicht ausgedacht.

Während ich einen Schritt zurücktrat, sah ich, wie der Große das Ankerzeichen nahm. Ich sah, wie sein Daumennagel die Kerben zählte, wie wir es alle taten. Er las den Namen und legte es zurück.

Die Münze ignorierte er. Er sah sie nicht einmal an.

Ich brauchte wieder einen Moment, bis ich begriff, was falsch daran war. Er war nicht überrascht. Er fragte nicht, was das sein sollte, er fragte nicht einmal, woher ich sie hatte. Er hatte so etwas schon einmal gesehen.

In diese Gedanken hinein kam die strenge Stimme.

„Sonst noch etwas?"

Ich schüttelte den Kopf. „Nein."

Sein Blick lag auf mir, ich konnte ihn nur fühlen, nicht sehen, aber es fühlte sich unangenehm an. Vielleicht war dieses Gefühl auch nur der Vorbote dessen, was jetzt auf mich zukam.

„Zieh dich aus. Alles."

Ich erstarrte. Ich hatte die Worte verstanden, und ich hatte durchaus erkannt, was sie bedeuteten, aber sie versetzten mich in eine Art Schock, der so weit ging, dass ich widersprach.

„Warum sollte ich das tun?"

Er kam einen Schritt näher, nicht so nah, dass er mich hätte anfassen können, aber so nah, dass ich leicht wankte. „Weil du mir sonst gleich erzählst, da wäre nichts weiter gewesen." Er machte eine Pause. „Und ich dir glauben müsste."

Mein Mund klappte auf, während ich ihn anstarrte. „Aber ich —"

Weiter kam ich nicht, denn die Tür ging auf, und zwei weitere Männer traten ein.

Männer. Es waren immer Männer. Frauen sah man im Orden nur an den kleinen Tischen, mit der Feder, oder mit einem Eimer im Gang. Sie schrieben auf, was Männer sagten, und sie wischten auf, was Männer hinterließen. Unter den Kapuzen war noch nie eine gewesen, jedenfalls nicht, soweit ich es hatte sehen können.

Ich atmete und schluckte. Das hier war alles andere als ein Spiel.

Dann senkte ich den Blick. Ich atmete noch einmal ein, dann löste ich meinen Gürtel und begann, meine Kleidung abzulegen. Jedes Stück wurde von den beiden, die neu dazugekommen waren, akribisch geprüft. Sogar mein eigenes Ankerzeichen wurde überprüft.

Ich spürte die Kälte im Raum, die Nacktheit behagte mir nicht.

Der eine trat zu mir und befahl mir, die Hände auf den Tisch zu legen. Dann durchwühlte er meine Haare, fuhr über meinen Körper und in die Achseln, er zwang mich, die Beine zu öffnen, und seine Finger berührten mich an Stellen, die ich sonst für mich hatte. Ich spürte, wie die Tränen in mir hochsteigen wollten, aber ich unterdrückte sie.

Als Letztes musste ich die Hände nach vorne nehmen. Er prüfte sie ganz genau, und ich fragte mich, was er zu finden erwartete. Doch das Rätsel löste sich, als der Große sagte:

„Hast du etwas aufgeschrieben?"

Ich verneinte. Das hatte ich nicht, und in diesem Moment war ich fast froh darum, denn ich hatte einfach nichts dabeigehabt.

Ich umschlang meinen Körper, es war eiskalt, aber niemanden schien zu interessieren, dass ich fror oder dass gerade Finger in meinem Körper gewesen waren. Das allein war so unglaublich demütigend, dass ich es nie vergessen würde.

Vielleicht war es auch das, warum ich zuckte, als sie meine Schlüssel nahmen. Sie zählten sie, und einer der beiden nahm den Schlüssel der Neunten. Eigentlich braucht man Werkzeug, um einen Schlüssel vom Bund zu lösen, oder man ist sehr kräftig. Der Mann war sehr kräftig.

„Die Neunte gibt es nicht mehr. Du wirst ihn nicht brauchen", sagte er dabei.

Es war irgendwo logisch, und trotzdem traf mich das fast noch mehr. Ich stand hier völlig nackt. Ich war eine Schließerin, der man die Schlüssel abgenommen hatte und der man nun einen wegnahm.

Sie legten den Bund mit den restlichen Schlüsseln zurück und verließen den Raum.

Meine Haut war eiskalt, ich spürte es. Doch der Große schien keine Eile zu haben, mir zu erlauben, mich wieder anzuziehen. Er setzte sich vor mich und sah mich unter der Kapuze an. Ich sah die dunklen Augen, und dann geschah etwas, das ich nie vergessen würde.

Er zog die Kapuze nach hinten.

Der Anblick ließ mich schaudern. Sein Kopf war völlig kahl und mit allerlei Symbolen verziert. Doch seine Augen waren das, was ich am meisten wahrnahm. Sie waren fast schwarz und so intensiv und grausam, dass ich am liebsten schreiend davongelaufen wäre.

Ich konnte mich nicht erinnern, dass mir je jemand erzählt hätte, wie die Männer des Ordens aussahen. Im Gegenteil. Wir alle rätselten in den Tagen hinter dem Riegel.

Warum offenbarte er sich mir? Ich verstand es nicht, aber er ließ es auch gar nicht zu, dass ich mich geistig damit beschäftigte. Denn nun begann er, Fragen zu stellen. Wo ich gewesen war. Wo die Sonne gestanden hatte. Mit wem ich gesprochen hatte.

In diesem Moment erzählte ich einfach alles. Von den Kindern, die dort waren, von dem alten Mann. Ich erzählte sogar von seinem Satz, dass ich draußen nichts finden würde. All das sprudelte aus meinem Mund, doch er ließ nicht locker.

Irgendwann stellte er beiläufig, so ganz zwischendrin, eine Frage, mit der ich gar nicht rechnete und die mir im ersten Moment nicht einmal seltsam vorkam.

„Du kannst lesen?"

Ich nickte. „Ja, ich bin berechtigt, Buch zu führen, wie jeder von uns."

Er blickte mich mit diesen Augen an. „Nur Zunftschrift?"

Einen Moment stand alles um uns herum still, als hätte die Luft im Raum beschlossen, dass sie gar nicht da wäre. Ich weiß nicht, warum, aber in diesem Moment nickte ich einfach.

„Nur Zunftschrift, ja", bestätigte ich ihm.

Immer noch sah er mich an, und ich spürte, wie mein Gesicht mir entglitt. Ich hatte nicht direkt gelogen, die Schrift des Ordens war mir fremd. Aber ich hatte am Morgen genug erkannt, genug gelesen, um zu wissen, dass die Worte nicht das gewesen waren, was ich gesagt hatte.

Vermutlich las er die Wahrheit in meinem Gesicht. Aber am Ende sagte er nichts.

Er legte die Hände flach auf den Tisch und beugte sich ein wenig vor. Sein Blick musterte kurz meinen Körper, als wollte er etwas einschätzen, was ich nicht begriff und nicht erahnte.

„Gut gemacht", sagte er dann.

Noch immer lagen die Münze und das Ankerzeichen des Mannes auf dem Tisch. Er hatte mich zu der Münze gar nichts gefragt. Nicht, was ich vermutete, was sie sei. Nichts. Nur, wo ich sie gefunden hatte.

Warum also war er nicht neugierig, warum hatte er die Münze nicht in die Hand genommen? Ich verstand es immer noch nicht. War es wirklich nichts Unbekanntes für ihn? Mein Kopf rauschte.

„Geh nach Hause." Er machte eine Geste in Richtung meiner Kleidung. „Du siehst erschöpft aus. Iss etwas, leg dich morgen auf eine Terrasse."

Ich atmete ein und zog mich an, so schnell ich konnte, während er mir dabei zusah, immer noch mit einem unergründlichen Blick, in dem etwas lag, was ich nicht verstand.

„Übermorgen kommt die gelbe Sonne. Sieh zu, dass du dann drin bist", gab er mir mit, als er mir die Tür öffnete.

Ich bedankte mich für die scheinbare Fürsorge. „Natürlich. Ich werde pünktlich zu Hause sein."

So dachte ich zumindest. Niemand war bei einem Gelbring draußen, nicht, wenn man es nicht musste.

Er brachte mich nicht zur Tür, und erst als ich vor dem Ordenspalast stand, fiel mir ein, dass er mich nicht einmal gefragt hatte, ob ich mit jemandem gesprochen hatte. Ich schloss kurz die Augen. Aber das musste er wohl auch nicht, denn er hatte es verboten, und wir alle gehorchten dem Orden.

In mir pochte mein Herz schnell, meine Gedanken überschlugen sich, bis ich zu Hause war und das kleine Zimmer betrat, das ich bewohnte. Es roch nach mir, es sah gemütlich aus. Doch es vertrieb nicht, was ich in den letzten Stunden erlebt hatte und was mir erst jetzt wirklich Angst machte.

Ich hatte manchmal gedacht, ich sollte mich langsam nach einem Mann umsehen, ich weiß auch nicht warum ich es dachte, als ich meine Schlüssel ablegte, aber ich war auch froh, dass niemand da war an diesem Abend.

Ich hätte nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen, und ich hätte es auch nicht gedurft.

Ich zog die Decke bis über die Schultern und ließ die Lampe brennen, was ich sonst nie tat.

012

Vorbereitung auf den Gelbring

Kathy · 29.08.2026

Als ich erwachte, war es schon spät. Die Sonne stand weit am Himmel, und es war drückend schwül. Selbst in meinem kleinen Zimmer spürte man das. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde das Wetter umschlagen. Ich erinnerte mich, dass der Orden hatte ansagen lassen, dass es heute Nacht beginnen würde.

Ich streckte mich. Mein Körper war müde und erschöpft, meine Haut immer noch fahl und stumpf, so wie ich es im Winter oft erlebt hatte, wenn die Sonne nicht stark genug war. Die Haut an meinen Knöcheln war rissig, und ich sollte nicht länger zögern.

So erhob ich mich und ging zur nächsten Terrasse. Sie war schon voll, und einen Moment brauchte ich, bis ich eine Lücke fand, zwischen einer Frau, die ich vom Sehen kannte, und einem alten Mann, der dort schlief. Langsam zog ich mich so weit aus, wie es noch schicklich war. Ein kurzer Blick verriet mir die unterschiedlichen Stadien der anderen. Die meisten waren schon wieder satt in der Farbe, und diese trugen mehr Kleidung.

Ich schloss die Augen, als ich lag. Ich war nicht mehr wirklich müde, und so ging mir die Sache noch einmal durch den Kopf. Ein leichter Schauer durchfuhr mich. Alles daran war so gewesen, wie es eben ist, und trotzdem fühlte ich mich irgendwie beschmutzt.

Immerhin tat die Sonne gut, und ich verdrängte die Gedanken, die immer wiederkamen, die sich um die Neunte drehten und um das Stück Metall, das sich so schmeichelnd angefasst hatte.

Dann spürte ich es. Man merkt es eigentlich sofort. Es dauert Tage, bis man wieder ganz die alte Hautfarbe hat, vor allem, wenn man in meinem Zustand ist. Doch die ersten Minuten fühlen sich an wie ein Schluck Wasser, wenn man richtig Durst hat. Ich spürte die Wärme, die sich auf meinem Bauch und den Armen ausbreitete, meine Zehen, die sich förmlich streckten, ich spürte, wie mein Körper sich entspannte. Es tat so unglaublich gut, dass ich sogar ein wenig einschlief.

Als ich aufwachte, stand die Sonne weit im Nachmittag. Ich blickte mich um, die Terrasse war nun fast leer, und von unten drangen Geräusche herauf, die mich veranlassten aufzustehen.

Dann sah ich es: Die halbe Stadt war in Bewegung, überall wuselten Menschen von links nach rechts. Kurz nickte ich. Vor einem Gelbring sah jedes Viertel aus, als hätte man einen Beutel umgestülpt und alles würde durcheinanderfliegen.

Doch es war nur selbstverständlich, alles, was lose war, musste festgemacht werden. Terrassen wurden geräumt, die Netze eingeholt, Fenster verrammelt, Läden noch einmal verstärkt. Wer ein Loch noch nicht geflickt hatte, tat es spätestens jetzt, oder er fand heraus, was das Wetter damit machte.

Es war laut, aber eine gute Art von Lautstärke, sie war geschäftig. Und auch ich sollte mich endlich darum kümmern, Vorräte zu Hause zu haben. Ich zog mein Kleid über und machte mich auf den Weg.

Unterwegs kamen mir Kinder entgegen, die Steine schleppten, zu schwer für sie, aber sie taten es trotzdem und stritten dabei lautstark, wer am meisten tragen konnte. Hinter ihnen kam ein älterer Mann, der ein Bündel Bretter trug, das ihm immer wieder abzugleiten drohte. Zwei Häuser weiter kam jemand aus einer Tür, nahm ihm wortlos die Hälfte ab und ging mit ihm.

Ich blieb auf meinem Weg zur Markthalle kurz stehen und sah ihnen nach. Es war so anders als vor einer roten Sonne. Dann war die Stadt still, und jeder ging dem Seinen nach. Doch bei einem Gelbring waren alle laut und durcheinander, und sie arbeiteten zusammen.

Ich hatte nie wirklich darüber nachgedacht, warum das so war. In diesem Moment aber durchdrang mich eine Wahrheit, die nicht neu war, mir aber bewusst wurde: Bei einer Roten hatten wir Angst voreinander, und bei der gelben Sonne hatten wir Angst vor dem Wetter. Und das konnten wir zumindest ein wenig berechnen. Wir wussten, was zu tun war, und gemeinsam konnten wir ihm zum Teil trotzen.

Kurz schüttelte ich den Kopf und ging weiter.

Die Markthalle war voll, voller, als mir lieb war, aber ich war schlicht nicht die Einzige, die auf die Idee gekommen war, ihre Vorräte abzuholen. Das halbe Viertel tat dasselbe. Ich trat ein, die wuselige Atmosphäre umfing mich, überall standen Leute an den Ständen, und ich brauchte ein wenig, um den Anfang zu finden.

Die Menschen holten die Dinge, die sie brauchten, und niemand bezahlte dafür. Wieder kam mir kurz dieses Ding in den Sinn, das, wovon Bewe erzählt hatte, und ich fand es immer alberner, je mehr ich darüber nachdachte. Ich war Schließerin, der andere Weber, der nächste Fischer. Wenn jeder seinen Teil beitrug, dann hatten alle genug. So funktionierte das schon immer.

Endlich war ich an der Reihe. Die Frau am Mehlstand erkannte mich sofort, sie füllte mir den Beutel, bis er fast überquoll, und band ihn dann zu. Dabei erklärte sie, wie dankbar sie für die neuen Manschetten sei, das sei ihr gut bekommen, und sie habe es einfach mal loswerden wollen. Ich bedankte mich, und ich musste zugeben, so ein Lob fühlte sich gut an. Es war selten. Die meisten gingen uns doch eher aus dem Weg, und verwunderlich war das für mich auch nicht.

Der Mann beim Fisch gab mir zwei Trockenfische, drei wären üblich gewesen. Er sah mich nicht an, sondern legte sie einfach hin und wandte sich dem Nächsten zu. Ich packte sie ein und bedankte mich trotzdem. Ich fragte nicht, ich diskutierte nicht. Vielleicht hatte es im letzten Riegel etwas gegeben, ich wusste es nicht, und es ging mich schlicht auch nichts an.

Bei den Kerzen legte mir eine alte Frau die Hand auf den Arm, so wie es nur alte Menschen tun. Sie sah mich an und meinte: „Ich habe von der Neunten gehört. Weißt du, was passiert ist?"

Ich zögerte nicht mit meiner Antwort, ich schüttelte den Kopf. „Nein, das weiß ich nicht."

Sie sah mich bedauernd an, ließ mich aber los und gab mir zwei dicke, schwere Kerzen. Ich bedankte mich auch hier.

Erst im Weggehen ließ ich das schlechte Gewissen zu, das in mir hochkroch. Ich hatte sie angelogen, ohne zu zögern und eiskalt. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich gelogen.

Sicher, sie hatten es mir verboten, mit jemandem darüber zu sprechen, und auch das nagte an mir. Aber die Lüge beschäftigte mich doch einen Moment. Ich schüttelte es ab, was hätte ich auch anders tun sollen.

Ich nahm noch ein paar Seile mit und ein paar getrocknete Algen, dann war mein Beutel schwer und voll. Ich atmete bewusst ein, als ich aus der Markthalle kam, in die immer noch Leute strömten, wenn auch weit weniger als vorhin.

Als ich auf dem Rückweg an einem großen Platz vorbeikam, dachte ich zuerst, man verteile dort Material, und wollte schon weitergehen. Doch dann sah ich einen Ordensmann auf der Plattform stehen. Neben ihm stand Terve, die ich sofort erkannte, und noch zwei andere, die aus der Nordrunde waren und deren Namen mir gerade nicht einfallen wollten. Zwischen ihnen stand ein Mann, dessen Kleidung und Hände mir fast sofort sagten, dass er ein Fischer sein musste.

Ich ging zwei Schritte näher, so wie alle es taten. Die Menge schwoll an, bis der Platz voll war. Es war still, und nach dem Gewusel und der Lautstärke war diese Stille fast erdrückend. Jeder hatte noch etwas, das er trug oder bei sich hatte; man legte es zwischen die Füße oder hielt es fest.

Ich wusste, dass hier gleich ein Urteil gesprochen wurde. Das war immer öffentlich, man ließ uns wissen, wie Vergehen bestraft wurden.

Der Mann drehte sich nicht um, er stand mit dem Rücken zu uns, aber aufgrund seiner Haltung nahm ich an, er sei so alt wie Sallik, also in der Mitte seines Lebens. Er zuckte kurz zusammen, als der Ordensmann seine Stimme erhob. Sie trug problemlos über die Menge, die nun hier zusammengekommen war. Niemandem kam das falsch vor, ich sah, wie die Menschen zuhörten, so wie ich es tat.

„Urik, du bist hierhergekommen, um dein Urteil für dein Vergehen zu empfangen." Er machte eine kurze Pause, sprach dann aber weiter. „Du hast dir einen Platz in der Halle der Siebten genommen, der nicht der deine war, wohl weil in der Vierten kein Platz mehr zu finden war. Im Gedränge wurdest du nicht ordnungsgemäß gezählt und konntest unterkommen, weil ein Platz frei war. Der, dessen Platz das war, war an diesem Tag einer anderen Halle zugeteilt worden. Es war also Glück, dass der Platz frei war und niemand zu Schaden gekommen ist."

Niemand sagte etwas, niemand raunte, man hörte zu.

Ich wusste, dass man gestern sicher in der Zunft darüber gesprochen und ausgewählt hatte, wer hier heute Dienst tat. Ich kannte die Beratungen, bei denen jemand aus dem Orden die Strafe entschied, uns aber anhörte. Wir zählten, wir führten Buch. Das hatte seinen Grund: Wer einen Platz besetzte, der nicht der seine war, verurteilte jemand anderen zum Tod. Das war kein kleines Vergehen, auch wenn wie hier niemand zu Schaden kam, und es war trotzdem nicht zu dulden. Wenn man keinen Platz mehr fand, dann hatte man das zu melden und wurde zugewiesen, oder aber man ertrug sein Schicksal. Man handelte nicht eigenmächtig.

Die Menschen raunten nun doch, sie nickten sich zu, und die Frau neben mir sagte: „Unerhört."

Ich wusste nicht genau, wie ich das finden sollte, denn mir war das Urteil längst klar, bevor der Ordensmann es aussprach. Mein Blick glitt über die mich Umstehenden, aber niemand schien einen Einwand zu haben. Nicht, dass der Orden je damit rechnen müsste.

„Und somit verkünde ich das Urteil."

Nun wurde es noch stiller. Wie so viele Menschen so still sein konnten, war mir ein Rätsel, aber man hätte gerade jedes noch so kleine Geräusch gehört.

„Urik, du bist schuldig, etwas genommen zu haben, was nicht dein war. Deswegen wird dir dein Ankerzeichen entzogen, und du wirst vierzehn Tage dem Licht entzogen."

Irgendwo weiter vorne rief jemand „Bravo". Ich biss mir kurz auf die Lippen, während Urik mit fahrigen Händen sein Ankerzeichen vom Bund löste.

Terve nahm es entgegen und legte es auf einen Stein, der genau für diesen Zweck da war. Ein anderer Schließer nahm einen Meißel und schlug die Kerben quer ein, die anzeigten, in welcher Halle er seinen Platz hatte. Die Zahl wurde unwiederbringlich zerstört, das leise Klingen hallte über die Menge.

Es dauerte nur wenige Sekunden, und man hatte diesen Mann förmlich zum Tode verurteilt. Ein Tod, der noch dreiundachtzig Tage weit weg war, aber wohl unausweichlich, außer er fand einen Platz in einer Halle, die sich barmherzig zeigte.

Ich wusste, dass das meist nicht geschah, und ich wusste auch, die Neunte war leer, es gäbe Platz. Aber sie würde verschlossen sein, denn die Neunte gab es nicht mehr.

Kurz durchzog mich ein unwohles Gefühl, das ich so noch gar nicht kannte, während die beiden Schließer, deren Namen mir gerade nicht bewusst waren, Urik in die Mitte nahmen. Sie brachten ihn mit dem Ordensmann zum Ordenshaus, zu dem Palast, in dem ich gestern erst gewesen war.

Irgendwo dort musste es diese Zimmer geben, in völliger Dunkelheit. Ich schauderte, denn es war ein Urteil, das ihn bis zum übernächsten Gelbring wegsperren würde. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen musste. Nach der Roten fühlte man sich schon völlig erledigt, und das hier dauerte mehr als doppelt so lang. Nein, das war nichts, was ich erfahren wollte.

Kaum war es vorbei, begann die Menge sich aufzulösen, als wäre nie etwas geschehen. Die Menschen neben mir redeten nicht einmal wirklich darüber. Gerechtigkeit war geschehen und durchgesetzt, ihre Welt war wieder in Ordnung.

Ich sah noch einmal kurz zu der Stelle, an der das Ankerzeichen zerstört worden war. Er hatte es zurückerhalten. So war es, es wurde nicht vernichtet, sein Name stand ja darauf. Aber an jeder Halle würde man nun sehen, dass er keinen Anspruch mehr hatte, dass er ihn für immer verwirkt hatte.

Das Mitgefühl in mir verschwand wieder. So war es eben, und so war es gut. Dieses Mal war keiner zu Schaden gekommen, aber beim nächsten Mal wäre vielleicht jemand zu Schaden gekommen, und deswegen war es richtig und wichtig. Deswegen führten wir Buch, und deswegen zählten wir.

Ich dachte kurz an den Schließer, der ihn übersehen hatte, und ahnte, dass auch dort sicher kein angenehmes Gespräch stattgefunden hatte. Ich fragte mich, ob dieser Schließer auch im Palast gewesen war wie ich.

Ich stand noch immer da, dann wurde ich angerempelt, nicht mit Absicht, aber alle bewegten sich, nur ich nicht. Da kam ich ganz zu mir. Die Sonne stand nun schwer über dem Wasser, der Tag würde bald zu Ende gehen, ich sollte mich wohl beeilen.

Endlich erreichte ich meine Wohnung. Ich begann, die Vorräte zu verräumen, mein einziges Fenster zu verriegeln und mit zusätzlichen Brettern abzudichten. Ich war gerade fertig geworden, da klopfte es.

Es war Bewe, die vorbeikam und nach mir sah. „Hast du alles?", fragte sie, während ich ihr einen Becher Kräuterwasser reichte.

„Ja, ich hab alles bekommen." Ich setzte mich ihr gegenüber.

Wie gerne hätte ich ihr alles erzählt, doch ich durfte nicht, also wichen wir dem Ganzen aus. Bewe ahnte, dass ich die Dinge nicht erzählen durfte, die gestern geschehen waren. Es war ja kein Geheimnis gewesen, dass ich zur Anhörung geladen worden war, das war es nie. Vieles in unserem Leben geschah öffentlich, weil es das Wichtigste für uns alle war, zu sehen, wie es funktionierte.

Wir sprachen über das Dach des Nachbarn, das ein schlecht geflicktes Loch hatte, und fragten uns, warum er sich nicht besser gekümmert hatte. Wir redeten über den Fisch, der diesmal magerer ausgefallen war. Aber nie über das, was mich wirklich interessiert hätte.

Bewe führte seit über hundert Roten Buch. Sie schrieb auf, wann Schiffe kamen, sie schrieb die Namen der Kinder hinein, die dort nicht hineingehörten, und wenn irgendwer auf dem Festland gewusst hätte, was ich hätte wissen wollen, dann wäre sie das gewesen.

Als sie ging, drehte sie sich noch einmal zu mir um. „Heute Nacht kommt der Gelbring. Bleib morgen zu Hause, die Zunftsitzung ist nicht so wichtig, dass du hinausgehen müsstest. Es geht ohnehin nur um die Neunte und um das Urteil von heute, und zu beidem kannst du nichts mehr sagen, als du schon gesagt hast."

Ich nickte, denn sie hatte recht. „Das stimmt. Aber ich werde da sein. Ich habe die Neunte abgeschlossen, ich muss dabei sein."

Bewe sah mich an und auf meine Haut. Man sah einfach immer noch, dass ich schwach war. „Du solltest zu Hause bleiben."

Ich wusste, sie meinte es gut, aber ich lächelte nur. „Wir sehen uns morgen."

Dann schlug sie ihren Mantel fester zu und nickte mir mit einem Lächeln zu. „Bis morgen."

Sie verschwand, während ich kurz in den Himmel blickte. Die Wolken zogen schon auf, und es stand der Wechsel bevor. Ich konnte es spüren, das glaubte ich zumindest.

014

Der Große

Kathy · 29.08.2026

Mein Büro war ein großer Raum. Die schweren Möbel wirkten wuchtig, wie alles hier drin. Ich hatte die Kapuze abgenommen, hier war niemand, dem ich mein Gesicht verbergen musste. Rechts in meinem Blick kniete eines der Mädchen, schon seit fast drei Stunden. Jede Bewegung, die sie gemacht hatte, hatte ich mit einem kalten Blick quittiert. Mochten ihre Knie schmerzen, es interessierte mich nicht. Sie war hier, weil ich es mochte, eine nackte Sklavin hier zu haben.

Meine langen Finger fuhren über die Listen, die vor mir auf dem Tisch lagen. Schon seit heute Morgen sah ich sie mir an und war immer noch nicht durch. Neunzehn Hallen auf der Ostspirale, siebzehn auf der Westspirale, elf im Norden und sechzehn im Süden. Dahinter waren die Zahlen: belegt, frei oder verwirkt, gestorben. Es waren immer dieselben Spalten, dieselben Listen, aber sie hatten noch nie gestimmt.

Ein Kind, das zu spät gezählt worden war. Ein Mann, der sich seinen Platz nimmt, der nicht der seine ist. Jedes Mal verschieben sich Zeilen. Für all das hatten wir die Zunft, und die Zunft war ordentlich, trotzdem saß ich nach jeder Roten hier und überprüfte die Listen, vollzog nach, wer sich wo aufgehalten hatte.

Mein Blick ging erneut zu der leicht zitternden Frau. Ich sah in ihren Augen, dass sie sich nichts mehr wünschte, als dass ich endlich sagte, sie dürfe sich setzen, aber ich tat es nicht. Mein Blick ging über zwei Dinge auf dem Tisch zurück zu den Listen. Kurz blieben meine Augen an dem Ankerzeichen hängen und an der Münze. Ja, es war eine Münze. Ich hatte sie nicht mehr angefasst, seit sie da lag; es war einfacher, sie dort liegen zu haben, denn man gewöhnte sich daran, Dinge nicht anzufassen, wenn man sie nicht erklären wollte.

Reccer kam ohne Klopfen, wie immer. Er schob beim Eintreten schon die Kapuze zurück und warf einen kurzen Blick auf die zitternde Sklavin. Seine Stimme war bestimmt, und bevor ich eingreifen konnte, sagte er: „Raus.“ Dann erst wandte er sich an mich und setzte sich. Ich blickte ihn an und konnte dabei nicht übersehen, wie das junge Mädchen sich auf alle viere sinken ließ. Sie kroch zur Tür und verschwand, die Tür fiel mit einem leisen Geräusch ins Schloss.

„Also die Neunte“, sagte Reccer zu mir und gewann so meine Aufmerksamkeit ganz zurück. Ich lehnte mich im Stuhl zurück.

„Abgeschlossen. Sechzig, dazu der Schließer.“

„Sauber?“

„Bis auf den Besen.“

Er sah mich kurz ernst an. „Den Besen?“

Ich hob die Schultern, als wäre es mir ein Rätsel, und zu gewissen Teilen war es das am Ende ja auch. „Sie haben gekehrt und ihn stehen lassen. Sie kehren jedes Mal, und jedes Mal lassen sie irgendwas stehen.“ Ich schob die Liste zur Seite und lehnte mein Kinn kurz in meine Hände. „Es hat trotzdem niemand gefragt. Einen Tag später stand die Tür noch offen, wie die Schließerin sie gelassen hat. Keine Familie, kein Nachbar, niemand hat gefragt.“

„Sie fragen nie.“

„Sie fragen nie“, nickte ich.

Es war der Teil, den ich am wenigsten verstand, und ich hatte aufgehört, es zu versuchen. Sie zählten einander, nicht nur, weil wir es vorgaben, um zu wissen, ob genug Ware da war — nein, sie taten es bei jedem Aufruf. Sie merkten sich, wer welchen Platz hatte, welcher Platz leer war. Aber wenn eine ganze Halle fehlte, gingen sie zur Lichtterrasse und aßen. Was im Riegel war, war nicht. Sie hatten sich das selbst beigebracht, wir mussten nichts dazutun.

Reccer zog das Ankerzeichen zu sich und zählte die Kerben mit dem Daumennagel, so wie sie es tun. „Und die Schließerin?“

„Marreke. Sechsundachtzig Rote.“

„Jung.“

„Sie war gestern hier. Zweimal.“

Er wartete. Ich hatte den Bericht der Schreiberin danebenliegen und musste selbst nicht hineinsehen, um die Sache weiter zu berichten.

„Sie ist zum Hafen gegangen, ohne dass es ihr jemand gesagt hätte, wohin sie gehen muss. Nicht zu den Terrassen, was logisch gewesen wäre, nicht in die Viertel. Sie ist zu den Liegeplätzen.“ Ich zählte es an den Fingern ab, weil es sich so besser ordnen ließ. „Sie hat die Spuren im Staub gelesen und daraus geschlossen, dass niemand geflohen ist. Sie hat einen Alten gefragt, woher die Schiffe kommen. Sie hat festgestellt, dass die beiden Liegeplätze leer sind, und sie weiß, dass sie das vorher nicht waren, weil ihre Buchführerin aufschreibt, wann die Schiffe da sind.“

Reccer sah auf.

„Ja“, sagte ich. „Die schreiben das auf. Einfach so.“

„Und dann?“

„Dann hat sie das Ankerzeichen und die Münze aus dem Dreck gegraben. Sie lagen nicht mal drei Schritte auseinander. In einer halben Sonne, ohne etwas aufzuschreiben — ich habe ihre Hände geprüft, es war nichts dran.“

Reccer legte das Ankerzeichen zurück auf den Tisch, genau dorthin, wo es gelegen hatte; in solchen Dingen war er sehr genau. „Sie hat die Münze in der Hand gehabt?“, fragte er mich.

„Sie hat sie sich wohl angesehen. Sie hat sie immerhin gefunden, und ich gehe davon aus, dass sie versucht hat, sie zu lesen.“

„Zu lesen?“

„Sie liest“, sagte ich. „Sie behauptet, nur Zunftschrift, aber ich glaube ihr nicht.“ Ich machte eine kurze Pause und erinnerte mich an den Moment. „Am Morgen, als wir sie verhört haben, hat sie über Kopf über den Tisch gelesen, was die Schreiberin notierte, und das, während sie befragt wurde. Ich habe es gesehen, und sie hat gesehen, dass ich es gesehen habe. Danach hat sie sehr genau darauf geachtet, es nicht mehr zu tun.“

Reccer schwieg.

Er wusste so gut wie ich, was auf dem Blatt stand, das die Schreiberin hatte. Es stand dort, bevor Marreke den Raum betreten hatte, bevor ich sie zur Ermittlerin machte.

„Wie viel versteht sie?“ Reccer hob den Kopf, und seine dunklen Augen fixierten mich.

„Noch nicht genug.“

„Noch nicht.“

„Sie hat den Besen bemerkt“, sagte ich. „Von einunddreißig, die in dieser Halle gesessen haben, hat eine den Besen bemerkt.“ Ich sah kurz zu der flackernden Lampe über mir; ich musste Öl nachfüllen lassen. Doch noch während ich daran dachte, vergaß ich es auch schon wieder, denn etwas anderes kam mir in den Sinn, was ich Reccer erzählen musste.

„Außerdem weiß sie, wann es vorbei ist. Wann die Rote geht.“

Einen Moment herrschte Schweigen zwischen uns, und Reccer hob die Hand, dass ich das erklären sollte.

„Sie hat es nicht direkt gesagt, aber sie hatte gesagt, sie hat es gezählt. Sie kennt keine Stunden, keinen Schlag, aber sie erkennt, wann es passiert und wann es vorbei ist. Wie ihre Mutter.“

Einen Moment sah ich in Reccers Augen etwas aufblitzen; die Erinnerung schien ihn kurz zu beschäftigen. „Sie war schön.“

Ich nickte leicht. „Sie hatte die Gabe, und ihre Mutter davor, und nun scheint es das Mädchen auch zu haben.“

„Ohne die Zunge.“ Reccers Worte hingen einen Moment in der Luft, und ich nickte, wiederholte seine Worte. „Ohne die Zunge.“

Wir hatten das Fragment, das wir die Zunge nannten, seit Anbeginn, und es zählte zuverlässig. Wir lasen die roten Sonnen ab, richteten die gelben danach aus, weil es immer gleich war: Alle neunzig Tage kam eine rote Sonne, die gelben wanderten. Es hatte nie falsch gelegen. Die Hallen, die Ordnung, alles entstand aus diesem Kreislauf. Eine Frau, die es auch ohne uns weiß, ist kein Wunder. Sie ist eine zweite Stimme.

„Sie hat niemandem davon erzählt“, erklärte ich ihm. „Sie hält es für etwas, das ihr niemand glauben würde.“

„Bis es jemand glaubt.“

„Bis dahin.“

Ich zog die Liste wieder zu mir. Ich fuhr mit den Fingern über die Liste, bis ich zu der Ankerhalle der Zunft kam. Zweiunddreißig Plätze, und einunddreißig davon waren besetzt nach dem Abgang des Schließers.

„Morgen“, sagte ich. „Der Ring kommt heute Nacht, es weht schon. Bei dem Wetter ist die Küste leer, und es ist alles veranlasst.“

„Riskierst du, dass jemand fragt, warum ein Boot hinausgeht?“ Seine Stimme klang zweifelnd.

„Es wird niemand fragen. Sie werden drinnen sitzen und ihre Läden festnageln.“ Ich schrieb den Namen auf ein Blatt gepresster Faser, eine Liste, die vor Kurzem sechzig neue Namen bekommen hatte und nun einen weiteren.

„Ich hab ihr gestern gesagt, sie soll drinnen bleiben. Daran wird sie sich erinnern und es erzählen, dass ich mir Sorgen mache.“

Reccer erhob sich. „Sie wird einen Bericht in der Zunft abgeben?“

Ich schüttelte den Kopf. „Sie wird nichts sagen.“

Er wandte sich zur Tür, und ich hätte es dabei belassen können, aber ich sagte ihm: „Ich hab ihr mein Gesicht gezeigt.“

Reccer sah mich einen langen Moment an, seine Hand löste sich von dem Türgriff. „Wann?“

„Gestern. Bevor ich sie gehen ließ.“

„Du wusstest es also schon?“

„Ich wusste es, als sie mir die Münze auf den Tisch legte und nichts dazu fragte.“ Reccer schien zu überlegen und sah dabei auf die Münze. „Sie hat nicht gefragt, was das ist, sie hat auf mich gewartet. Sie kam aus der Roten, sechs Tage im Keller, war einen halben Tag gelaufen, hat zwei Dinge gefunden, die niemand hätte finden sollen, eins davon ist ihr unbekannt — und sie fragt mich nicht. Im Gegenteil, sie stand da und wartete ab, was ich tue.“

Reccer sagte nichts. Er schien zu überlegen, ob noch Worte wichtig waren, aber das waren sie schon nicht gewesen, als er hereingekommen war. Ich nickte leicht, als er ging. Er ließ die Tür ein Stück offen; das tat er immer, wenn er nicht einverstanden war. Ich ahnte, warum. Sie war hübsch, und ihre Mutter war es auch gewesen. Aber es war vernünftig und so oder so schon lange beschlossen.

Ich blieb noch eine Weile sitzen, bevor ich mich erhob. Dieser Teil des Palastes war mit schweren Vorhängen durchzogen, der Boden gepolstert mit dicken Teppichen, die man mühevoll mit der Hand geknüpft hatte. Ich überquerte ein paar Gänge und zog die Kapuze über den Kopf, als ich in den Innenhof trat.

Das satte Grün empfing mich, die Wege waren aus weißem Schotter, es duftete. Ich blickte in die Käfige, sie waren alle leer. Nur an einer Wand saßen noch zwei Sklavinnen. Sie zuckten, als sie mich sahen, und fielen vor mir auf die Knie, die Stirn auf den Boden gedrückt. Ich blickte von oben auf sie herab. Sie trugen fast nichts — warum auch so einen Aufwand betreiben.

Einen Moment ließ ich sie warten. „Du.“ Ich stieß eine an. „Geh in meine Gemächer.“ Sie zuckte, das taten sie immer. Es war mir egal, es war ihre Aufgabe, darum waren sie hier. Das andere Mädchen rührte sich nicht. Ich ahnte, dass sie froh war, nicht gewählt worden zu sein, aber auch das interessierte mich nicht länger.

Ich ging mit einem letzten Blick auf den Himmel, der sich immer düsterer zuzog. Der Wind würde zunehmen, und ein Schicksal würde seinen Lauf nehmen, so wie es immer war.

015

Xorn

Kathy · 30.08.2026

Der Wind hatte immer mehr aufgefrischt, während ich die Stufen nach unten ging. Der Palast war nach oben einige Stockwerke, aber es gab noch viel mehr nach unten. Meine Schuhe hallten auf dem Gang, und ich hatte es nicht eilig; die Rote war nun einige Tage her, und meine Aufgabe würde heute ihren Anfang und auch ihr Ende finden. Ich durchquerte ein paar Türen, die nur selten jemand zu Gesicht bekam, die fünf Oberen sicherlich – vielleicht auch noch von ihnen Ausgewählte, aber eigentlich war nur ich es, der hier regelmäßig langging. Immer nach der Roten, immer wenn die Neuen da waren.

Mein Name wurde im Orden nur genannt, wenn man davon sprach, dass eine Rote anstand; wenn es so weit war, dass man sich entschieden hatte, dann rief man Xorn. Nicht dass ich was mit dem Abfangen, Einfangen oder Hierherbringen zu tun hätte, das machten andere. Ich war es, den sie brauchten, wenn die neue Ware für ihre Bedürfnisse hergerichtet werden sollte.

An einer letzten großen Tür blieb ich stehen. Ich öffnete sie mit einem dumpfen Laut. Der Raum war groß und ziemlich funktional, er war vor allem klinisch rein, wie man ihn beschreiben könnte. Ich hasste es, wenn jemand hier mit schmutzigen Schuhen ankam. Dieser Ort musste so sein, denn was hier passierte, duldete keinen Schmutz.

Ich hörte die Geräusche, die die Ware machte, als sie vom Licht geblendet wurde, das ich mit einem einfachen Mechanismus entzündete. Die Öllampen flammten fast alle gleichzeitig auf und ließen den Raum sehr viel heller strahlen, als er war, was sicher auch an den weißen Wänden lag. Ich zog meine Schuhe aus und schlüpfte in andere, selbst meine Kleidung legte ich ab und zog mir einfache, funktionale Kleidung an.

Mein erster Gang war zu meinem Schreibtisch, fünf Akten lagen dort, fünf Leben, die mit der letzten Roten aufgehört hatten zu existieren. Sie waren nicht wie fünfundfünfzig andere auf ein Schiff verladen worden, sie waren hierhergebracht worden. Ich musterte die Akten. Alle hatten genau das richtige Alter, die richtige Schönheit, wobei das eher marginal war; schön war eh im Auge des Betrachters etwas Individuelles. Sie alle waren gerade in keinem allzu guten Zustand, die Haut war fahl, und es galt, etwas daran zu ändern. Jedoch waren sie so auch nicht so widerspenstig, denn die Anpassungen mussten gemacht werden.

Ich richtete mich wieder auf, die fünf Augenpaare starrten mich an, ich hörte Kettengerassel, als ich näher trat. Die Käfige, in denen sie saßen, waren nicht sehr groß, aber zweckmäßig; sie konnten sitzen oder stehen. Aber sich nicht hinlegen. Im Moment saßen sie alle, ihre Münder waren verschlossen mit einer Konstruktion aus Metall, die sich über ihren Kopf zog. An diesem Geschirr war eine Kette angebracht, die außerhalb des Käfigs zu einer Kurbel führte. Dorthin ging ich nun, ich drehte sie, und alle mussten wohl oder übel aufstehen.

Jetzt konnte ich ihre Körper ganz sehen, sie hatten keine Falten, sicher bei Licht die richtige grüne Farbe, ihre Augen blitzten vor Angst, sie verstanden noch nicht, was mit ihnen passierte, aber auch das wunderte mich nicht, es hatte ihnen ja keiner gesagt. Ich ging zum ersten Käfig, die Frau zuckte nach hinten, als ich die Tür öffnete, ihre Hände wollten mich abwehren, aber ich zwang sie mühelos zur Seite, meine Hand glitt über ihre Haut, über ihre Beine, dann nickte ich. „Gut, du bist die Erste." Ich löste das Kopfgeschirr. Sie begann sich zu wehren, was mich zum Schmunzeln brachte, weil sie so leicht war und es gar keinen Effekt hatte.

In der Mitte des großen Raums standen fünf große Tische, wie passend, dachte ich mir, als ich sie darauf ablegte. Sie waren schmal, so schmal, dass eine schlanke Frau gerade so mit dem Rücken auflag, das reichte auch, ihr Kopf lag in einer Mulde und wurde leicht überstreckt, ich hakte das Kopfgeschirr ein und begann ihre Hände nach hinten unten zu fesseln, sie strampelte mit den Beinen, was mich nur noch mehr amüsierte, ich fing sie ein und faltete sie förmlich. Ihr linkes Bein wurde seitlich nach außen gedreht, bis ihr Knie fast neben ihrer Brust lag, dort schlang ich den Riemen fest um ihren Schenkel und dann um ihren Unterschenkel. Mit dem rechten verfuhr ich genauso. Sie lag nun völlig geöffnet und fixiert vor mir, aber das reichte mir noch nicht. Die dichten Riemen aus Fischhaut wurden ihr noch um den Oberkörper gelegt. Gegenwehr, Zappeln, das ging nicht mehr, ich hörte ihr schnelles Atmen, die Laute, die Angst. Ich muss zugeben, immer wieder erregte es mich genau an der Stelle.

Es dauerte nicht lange, bis ich die anderen ebenso an ihre Tische gefesselt hatte. Ein leises Summen kam über meine Lippen, als ich einen Schrank öffnete. Dieses Vorgehen hier ging nur an Tagen, in denen die Gelbe kam, wenn der Wind lang und stark genug war, um eine Turbine anzutreiben, die so versteckt stand, dass niemand sie je zu Gesicht bekam. Sie war nicht groß, aber sie lieferte für das, was ich tat, genug Kraft.

Ich konnte auch nicht sagen, wie das alles funktionierte, ich hatte es bekommen, ich nutzte es. Ich holte einen Wagen heraus, fuhr ihn in die Mitte und drückte zwei Knöpfe. Über uns öffnete sich die Decke, und große, helle Scheinwerfer erschienen, Dinge, die hier auf dem Festland niemand bauen könnte, aber es gab von Achais genug Material, und ich war mir sicher, der Orden hatte das genau so bestellt.

Meine fünf starrten nach oben, sie wussten nicht, was passieren würde, und das war auch gut so. Ich fing an, die Knebel auszutauschen. Alle versuchten in diesen Momenten, mich anzuflehen, aber das war zwecklos, ihr Schicksal beschlossen. Die neue Konstruktion war weit grausamer als der Knebel; es waren Mundsperren, die nun ihre Münder so weit spannten, wie es ging. Sie keuchten vor Schmerz, aber das würde mehr werden. Im nächsten Schritt ging ich nach hinten, eine kleine Esse stand dort, es dauerte einen Moment, bis ich so weit war, dann brannte sie. Kurz prüfte ich das Brandzeichen, aber auch etwas aus Eisen, was gleich noch eine Rolle spielen würde.

Ich ging zurück zu meinem Wagen und nahm eine Art Zange heraus. Sie war etwa so breit wie eine Zunge und hatte an ihrem vorderen Ende einen Mechanismus, der scharf genug war, um mühelos Fleisch zu durchtrennen. Sicher, es war grausam, aber die Möglichkeit, dass eine der Sklavinnen floh, war immer mit eingepreist. Wenn das passierte, sollte sie nicht reden können; überhaupt, diese Mädchen waren nicht dafür da, um sich zu unterhalten, und ihre Dienste konnten sie auch so verrichten.

Das erste Mädchen starrte mich panisch an, als ich die Zange ansetzte und ihre Zunge erst nach vorne zog und dann den Mechanismus so befestigte, dass ich gleich nur zudrücken musste. Pfeifend ging ich zur Esse, die jetzt schon gut glühte, und nahm das zweite Werkzeug heraus. Sicher, es war roh, aber Wunden auszubrennen verschloss sie eben auch. Ich trat neben das panisch atmende Mädchen und betätigte dann den Schneidemechanismus. Kaum war der Schmerz im Gehirn angekommen, da hatte ich schon das glühende Eisen gegen den Stumpf gedrückt. Gut, man verbrannte immer ein wenig mehr, aber das heilte auch. Langsam zählte ich bis zehn und nahm dann beides aus dem Mund des Mädchens. Nun schrie sie – gellend, wie von Sinnen, während ich die erste Zunge in eine Schale fallen ließ und zum zweiten Mädchen trat.

Die anderen Mädchen hatten nicht genau gesehen, was passiert war, ihre Köpfe waren ja auch festgebunden, aber sie wussten, dass irgendwas passierte, was grausam war. Nicht dass mich das hinderte weiterzumachen. Nach einer Weile waren alle Mädchen ihre Zunge los, und ich tätschelte der letzten die Brust: „So, das hätten wir schon mal geschafft." Keine war gerade noch gut bei sich, aber das war mir nur recht.

Denn was nun kam, würde sich bei jeder eine gute Stunde ziehen und ihren Zustand nicht gerade verbessern. Ich summte wieder, während ich nach einer neuen Zange griff. Ihre Augen faszinierten mich einen Moment, ihre dunklen Haare hingen herunter, während sie mich anstarrte, panisch, so voller Angst und fast weggetreten vom Schmerz. Aus Erfahrung wusste ich, sie würde nicht mehr lange bei Bewusstsein sein; der Körper half einem. Ich zuckte leicht mit den Schultern und begann summend, die ersten Zähne zu ziehen, was jedes Mal ein wirklich widerliches Geräusch machte, wenn sie aus dem Kiefer kamen.

Die Schreie erstarben nacheinander. Ich sah, dass sie atmeten, und das reichte mir. Blut lief über ihre Wangen, und es war wirklich eine Schweinerei, jedes Mal wieder. Als ich am Ende angekommen war, schüttelte ich den Kopf. Ich war mit Blut bespritzt und die Mädchen auch, mir blieb wohl nichts anderes übrig, als sie zu säubern. Was ich dann tat: kaltes Wasser, ein Mittel, das den schlimmsten Schmerz nahm und gleichzeitig auch bei der Heilung unterstützte. Nach und nach kamen sie zu sich. Ein wenig fasziniert sah ich zu, während sie verstanden, was passiert war, der Schmerz immer noch da. Ich nickte nur ein wenig und begann dann, das Nächste vorzubereiten.

Es war eine Salbe, und ich hatte wirklich lange Dinge ausprobiert; im Hinterland hatte dann einer meiner Ordensbrüder diese Pflanze gefunden, die menschliches Haar nicht nachwachsen ließ. Sie alle hatten Körperhaare, etwas, das sie nicht mehr brauchten. Ich streifte die Handschuhe aus Fischhaut über meine Hände und begann sie einzucremen, vor allem ihre Geschlechtsteile. Es war wichtig, nackt zu sein, wirklich nackt. Die Salbe mochte ein wenig brennen, aber gegen einen gezogenen Zahn wirkte sie wohl wie eine Wohltat. Immer wieder achtete ich dabei auf die Esse, denn das Brandzeichen war immer das Ende.

Dann stellte ich eine Sanduhr um, etwas, das ich selber erfunden hatte. Primitiv, aber die Salbe wirkte eben am besten, wenn man genau die Menge an Sand durchlaufen ließ. Wieder erfreute ich mich an dem Stöhnen und Winseln, während ich die Scheinwerfer in Position brachte; die Frauen brauchten Licht nicht nur, um besser zu heilen, sondern um überhaupt zu essen. Die Strahler explodierten förmlich, als ich einen Schalter umlegte, und tauchten die fünf in so grelles Licht, dass man sich besser abwandte oder die Augen schloss. Ich zog es vor, mich abzuwenden, die Kapuze tiefer über meinen Kopf zu ziehen und so dem Licht zu entkommen.

Ich hatte keine Ahnung. Mein Ordensbruder, der mir das angebracht hatte, hatte mir gesagt, es müsse so hell sein, weil es die blaue Sonne widerspiegelte. Ich schüttelte den Kopf. Gut, dass ich das nicht mehr brauchte. Langsam setzte ich mich und begann, in die fünf Akten einzutragen, was ich getan hatte. Es gab über jede Sklavin in diesem Haus eine solche Akte. Ich nahm mir Zeit, ich war gründlich, wie bei allem, was ich tat. Deswegen war ich der Beste für diese Arbeit; mir starb nie eine weg.

Als die Sanduhr abgelaufen war, legte ich den Schalter um. In der Tat hatte es scheinbar geholfen, die Leiber waren nun weit grüner, noch nicht tief, aber durchaus so, dass ich erkennen konnte, sie waren halbwegs genährt. Ganz funktionierte das nicht, aber für die nächsten Stunden musste es reichen. Ich entfernte die Reste der Salbe und trug eine weitere Creme auf, diese aber nur, um die Haut zu pflegen. Ich besah mir die leeren Münder, auch hier schien es voranzugehen, also löste ich die Knebelsperren und ließ die Mädchen schluchzen und wimmern. Ihre Worte waren keine mehr, eher ein ungelenkes Versuchen, ein Wort zu sprechen, doch ohne Zunge war ihnen das kaum möglich. Gleichwohl war mir klar, dass die Mädchen untereinander eine Art Sprache entwickelt hatten, sich verstanden. Wie das ging, war für mich interessant, aber nicht mehr.

Erst jetzt sprach ich mit den Mädchen: „So, meine Schönen, jetzt bekommt ihr noch euer Abzeichen, und dann dürft ihr noch ein wenig im Käfig warten und abheilen. Nach der Gelben geht es für euch nach oben und ins Training." Ich wusste, dass meine Stimme durchaus krächzend wirkte, nicht sehr freundlich. Die Mädchen wimmerten, weinten und stemmten sich in die Fesseln, aber natürlich änderte alles nichts daran, dass ich das Brandeisen herausholte. Es war ein feines Brandeisen, eins, das jede Sklavin trug, rechts oben neben der Brust, fast auf Höhe der Schulter, dazu eine kleine Zahl, die ich gleich mit Tinte in ihre Haut bringen würde.

Der Geruch im Raum veränderte sich, als ich begann, das glühende Eisen der ersten auf die Stelle zu drücken. Wieder waren grausam grelle Schreie zu hören, wieder störte mich genau das nicht. Ich nahm mir Zeit, jeder die Zahl einzutätowieren – 241 bis 245 –, erst als ich damit durch war, lächelte ich. „Na seht ihr, schon geschafft." Ich schob meinen Wagen zurück, stellte die kleine Turbine ab, die Leuchten verschwanden wieder in der Decke, bis zum nächsten Mal.

Dann löste ich die erste, nur um sie in den Käfig zu sperren, dieses Mal ohne jeden Knebel, der war schlicht nicht nötig. Ich wiederholte es bis zur letzten. Einen Moment lächelte ich, da waren sie nun alle vorbereitet, aber noch entstellt, ihre Gesichter noch geschwollen, aber alle unberührt und bald auch wieder schön. Ihre neuen Aufgaben würden sie schon lernen. Ich vergewisserte mich noch mal, ob die Käfige auch wirklich geschlossen und die Schlösser zu waren. Das waren sie, es war spät oder früh, wie auch immer.

Doch ich wäre nicht ich gewesen, hätte ich nicht noch alles gereinigt. Ich hinterließ diesen Raum niemals schmutzig, niemals voller Blut. Erst als alles zufriedenstellend wiederhergestellt war, warf ich noch einen Blick auf die im Käfig zusammengekauerten Frauen. Eine fuhr ständig über ihren Mund, als könnte sie nicht glauben, was ihr passiert war. „Na na, nicht dass sich da noch was entzündet", mahnte ich mit einem Kichern, winkte dann aber ab. Mit einem letzten Blick drehte ich mich um, zog meine schmutzige und blutverschmierte Kleidung aus und tauschte sie, dann zog ich den Mechanismus. Als ich die Tür öffnete, erstarb sofort jedes Öllicht und tauchte den Raum in Dunkelheit. Mit einem letzten „Schlaft schön" und einem dumpfen Kichern ging ich hinaus. Es war wirklich Zeit, sich ein wenig hinzulegen.