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Das Ende der Roten

Kathy · 23.08.2026 · Tag 93 im Großen Zyklus Rote

Die Zeit verging auch, weil Bewe uns Rechenaufgaben gab. Zahlen waren spannend, und so lernten wir schlicht, was Gewichte bedeuteten und wie man sie gegen Getreide tauschen konnte. Eine Währung an sich hatten wir nicht, sie war nicht nötig. Jeder von uns hatte seine Aufgabe, und das funktionierte, schon immer.

Es war Boll, der es zuerst spürte. Er saß mit dem Rücken an der Kiste, beobachtet von uns allen.

Ich war die Einzige, die es wusste. Es musste gleich so weit sein, ich hatte es im Gespür, und als Boll sich regte und erstarrte, wusste ich, er spürte etwas, das wir alle gleich wahrnehmen würden.

„Da war etwas", stieß er aus.

Nissa hob den Kopf, ihre Hand legte sich auf die Wand. Niemand sprach, es war das erste Mal, dass Boll dieses Zeichen erlebte.

Dann erneut. Dieses Mal ging es auch durch mich hindurch.

Es war nichts, was man einfach erklären kann, bevor man es zum ersten Mal erlebt hat. Man hört es schließlich nicht mit den Ohren, eher mit den Zähnen und den Handknochen. Die Wand bebte ganz leicht, man hörte es nicht, aber man sah, wie der Staub sich aufwirbelte. Im Krug, der zwischen mir und Bewe stand, kräuselte sich kurz das Wasser, es zog Ringe, obwohl ihn niemand berührt hatte. Die Ketten, verbunden mit dem Boden, summten eigenartig um die Handgelenke. Es war so weit, ging mir durch den Kopf.

Stille herrschte im Raum, denn die meisten von uns wussten, woher dieses Geräusch kam. Oben hatte jemand vom Orden es ausgelöst — das Zeichen für Nissa und Boll, die Ankerhalle der Schließer zu öffnen.

Es entstand, wenn man mit einem Splitter gegen das Metall schlug, das aus dem Boden wuchs. Es war schon vor uns da gewesen und würde danach noch da sein. Nichts anderes brachte diesen Klang hervor, und der Orden besaß beides, das Wissen und den Splitter. Ich hatte als Kind einmal dagegen geschlagen, aber es hatte nichts gebracht.

„Boll", sagte Nissa und stand auf.

Sie lächelte, wie wir alle. Niemand konnte verstecken, dass er erleichtert war, schon gar nicht Boll, dessen Hände nun schwer zitterten. Nissa nickte nur zur Truhe hinüber, mehr brauchte es nicht.

Boll musste den schweren Deckel zweimal anheben, bis er den Schlüssel endlich hatte; er war absichtlich so schwer. Ich hörte, wie jemand unruhig einatmete. Wir versuchten alle, ruhig zu bleiben im Angesicht des Schlüssels.

Dann schob er ihn zum ersten Mal in die große, schwere Tür, löste den Riegel und den Splint. Das Tor schob sich auf, und wir alle konnten die Treppe nach oben sehen.

Erst danach begann er, die Handfesseln zu lösen. Aufgeregt und als Erstes bei seiner Mutter. Ich lächelte; jeder von uns hätte es genauso getan.

Als Boll bei mir war, sperrte er verkehrt herum auf, erst rechts, dann links, während Nissa ihn einfach machen ließ. Endlich war auch Sallik als Letzter befreit, und wir standen auf.

Wobei einem erst da wieder klar wurde, wie schwach man war. Sechs Tage unter der Erde überraschten einen selbst nach vielen Roten noch immer. Der Körper war schwach und erschöpft, das Laufen fiel schwer. Ich reichte Bewe meinen Arm, sie brauchte länger als ich.

Die Runde, die wir nun vor uns hatten, würden vor allem die Jüngeren beschreiten, Kirre und ich die Ostrunde. Bewe würde das tun, was allen Alten zustand: Sie gingen zur Lichtterrasse.

Ich hörte oben jemanden an der Tür fragen: „Wie steht der Himmel?"

Es war eine der wichtigsten Fragen, die ich überhaupt kannte. Nicht wie geht es dir, brauchst du etwas. Nein, es war die Frage nach dem Himmel. Der Erste oben ruft es nach unten.

„Er steht klar", hörte ich.

Innerlich atmete ich auf. Kein Streifen, kein Dunst, nur dieses hohe, noch harte Blau, in dem alles einen scharfen Schatten wirft. Jetzt gab es kein Halten mehr, wir wollten alle hinaus. Der Hunger fühlte sich real an, er war es auch.

Die Ältesten von uns blieben kurz stehen, wie wir alle, dann gingen sie zur nächsten Lichtterrasse. Noch war sie leer, aber sie würde sich füllen. Mit jeder Ankerhalle, die ich gleich aufschließen würde und die die anderen aufschlossen, würden die Menschen genau dorthin eilen. Es sah immer aus wie ein Fest, aber es war keins. Es war Essen.

Man selbst spürte es erst am Abend, wenn die Farbe wieder satter wurde. Jetzt sahen wir alle schlecht aus, fahl, zum Teil fast grau und stumpf. Teilweise hatten wir offene Wunden, die ich mir nie gut hatte erklären können, denn sie entstanden in diesen Tagen einfach. Im Licht schlossen sie sich dann so schnell, als wären sie nie da gewesen. Ein Tag reichte, und man fühlte sich wieder gesund.

Am Abend, wenn alle Licht bekommen hatten, erst dann kamen die Gespräche auf den Terrassen auf. Dann hörte man das erste Lachen, man sah in die Gesichter, die Farbe bekamen. Deswegen war die erste Frage nach jedem Riegel: Wie steht der Himmel. Graue Tage nach der roten Sonne waren schwere Tage. Es gab Rote, da hatte es Tage danach noch keine Sonne gegeben, und die zählte man an einer Hand ab und nannte sie mit Namen.

Ich sah den Alten also noch hinterher, bis ich endlich meinen Schlüssel von Nissa bekam. Dann machte ich mich mit Kirre auf die Runde. Es war unsere Aufgabe, und egal wie schwer die Beine sich anfühlten, wir erfüllten sie. Beim Schließen läuft man von außen nach innen, beim Aufschließen umgekehrt, also begannen wir bei der Elften. Doch der Weg dorthin dauerte sehr viel länger als sechs Tage zuvor.

Wir erreichten die erste Ankerhalle. Der Geruch, der uns entgegenströmte, hatte mich in der ersten Zeit meiner Aufgabe immer würgen lassen. Viele Menschen auf einem Raum, das roch man. Doch heute wusste ich schlicht, wie es sich anfühlte.

Wir schlossen die Menschen auf und erzählten, dass der Himmel klar war. Wir sahen dumpfe, fahle, erschöpfte Gesichter. In jeder Halle gab es Verletzte, Kratzer, blaue Flecken, es blieb nicht aus. Ich sah es und doch auch wieder nicht. Es war wie immer.

In der Elften sah ich den jungen Mann, der nach seinem Bruder gesucht hatte. Die Neunte gab es nicht mehr, doch ihm das zu sagen, brachte weder Kirre noch ich übers Herz. Kirre war es, die den jungen Mann befreite. Er lief nach draußen, und ich schaffte es nicht, ihm hinterherzusehen. Vielleicht würde er erst essen und so nicht gleich erfahren, was geschehen war. ((Zur Sicherheit jetzt hier noch mal))

Doch es blieb keine Zeit, nach ihm zu sehen, es warteten weitere Menschen auf mich und Kirre. In der Achtzehnten sah ich wundgescheuerte Handgelenke, Schmerzen, die ich nie sehen wollte, aber zwangsläufig sah. Ich nahm es wahr und merkte es mir, wie man so etwas eben merkt.

Es war überall dasselbe. In jeder Halle, in der wir ankamen, waren die Menschen froh und erleichtert, aber auch höflich. Sie alle gingen nach draußen. Sie sagten bitte und danke, und niemand, wirklich niemand brach diesen Kodex, diese Lüge, die wir uns alle erzählten: Was im Riegel war, war nicht. Ich hatte nie erlebt, dass jemand sie gebrochen hätte.

Die Neunzehnte war die letzte auf unserer Runde. Der Weg dorthin ging über das offene Feld, und die sechsundvierzig, die unten standen, brauchten lange, bis sie alle oben waren. Sechsundvierzig Menschen sind nicht schneller als der Letzte von ihnen. Ich zählte mit, wie ich es immer tat, und dieses Mal stimmte es.

Danach hätten wir zurückgehen können. Aber Kirre nahm die Neunte wieder an unser Ende mit, so wie sie es vor sechs Tagen getan hatte, und niemand von uns sagte etwas dazu.

Ich wusste, was uns erwartete, und trotzdem war es meine Aufgabe, den Schlüssel zu benutzen. Ich hatte abgeschlossen, also würde ich auch aufschließen.

Der Weg zurück ging wieder über das Feld. Kirre war ein wenig zurückgeblieben, und so war ich das erste Mal seit sechs Tagen für mich.

Sechs Tage hatte ich bewusst nicht daran gedacht, und es war mir gelungen, weil die Geschichten und Bewes Rechenaufgaben die Zeit vergehen ließen. Ich war nur zu gerne abgelenkt gewesen. Man kam eben durch, wenn man beschäftigt war. Jetzt war ich es nicht mehr. Jetzt trugen meine müden Beine mich bis zur Tür der Neunten.

Einen Moment sah ich sie an, überblickte die schwere Tür und wusste doch, da war niemand mehr.

Kirre holte auf und blieb schwer atmend neben mir stehen. Einen Moment schwiegen wir einfach, dann sagte sie: „Sie werden dich holen."

„Ich weiß."

„Es ist nichts, Marreke. Dein Schlüssel, dein Name. Sie fragen einfach den oder diejenige, die zuletzt an der Tür war."

Ich nickte, denn mein Herz wollte an die Tatsache, dass ich vorgeladen werden würde, noch nicht denken.

Niemand von uns wollte das. Aber es geschah nicht oft, denn nicht immer verschwanden ganze Hallen, das war eher selten. Deswegen hatte ich versucht, nicht daran zu denken. Jetzt war es zu spät.

Ich drehte langsam den Schlüssel. Noch immer war die Halle frisch gekehrt, man sah nur unsere Fußabdrücke, die wir vor sechs Tagen hinterlassen hatten.

„Komm, es wird schon nicht so schlimm", hörte ich Kirre sagen.

Kurz zog sich mein erschöpfter Körper zusammen. An der Art, wie ihre Worte klangen, spürte ich, dass sie selber nicht daran glaubte. Und ich auch nicht.